Forschungen in eigener Sache

von Dorothea Marcus

Bonn, 10. September 2007. Der Fall "Martin und Hannah" hat schon viele Herzen schmelzen lassen – und steht bei künstlerischer Verarbeitung unter Klischeeverdacht. Die Liebesgeschichte der 18-jährigen Jüdin Hannah Arendt und ihres 35-jährigen Philosophieprofessors Martin Heidegger, der dem Nationalsozialismus nahe stand, ist in mehreren Romanen und 2004 in den USA bereits zu einem Theaterstück von Kate Fodor verarbeitet worden.

Das Theater Bonn hat sich mit der Uraufführung von "Die Banalität der Liebe" also ein Sujet von hohem Publikumsinteresse vorgenommen: die Schlüssellochperspektive auf eine romantische, Geheimnis umwitterte und unmöglich scheinende Liebe von zwei auratischen Figuren der deutschen Geschichte.

Vier Jahre lang hat Savyon Liebrecht, die in Israel eine Bestseller-Autorin ist, an ihrem Stück über Heidegger und Arendt gearbeitet. Dass es in Bonn zur Uraufführung kommt, ist Zufall: In Tel Aviv verzögert sich die Premiere bis 2008. Liebrecht, 1948 als Kind von Holocaust-Überlebenden in München geboren und in Israel aufgewachsen, umschifft die Kitschklippen mit möglichst viel Authentizität.

Die Vergangenheit ist eine versenkbare Hütte

Die "Banalität der Liebe" – der Titel erinnert an Arendts nach dem Eichmann-Prozess geprägtes Wort der "Banalität des Bösen" – spielt auf zwei Erzählebenen. In der Gegenwart sehen wir eine 69-jährige, nervöse und nikotinsüchtige Hannah Arendt in New York. Sie wartet auf einen jungen Mann, dem sie ein Interview geben soll. In Rückblenden überfällt sie die Vergangenheit Ende der 1920er Jahre, als die erotische Annäherung zu Heidegger beginnt.

Daneben steht ein erfundener Teil, der das Stück zu einem krimiartigen well made play macht: die junge Hannah und Heidegger treffen sich in der einsamen Hütte eines fiktiven Kommilitonen, der ebenfalls in Hannah verliebt und rasend eifersüchtig auf Heidegger ist. Der Interviewer der Gegenwart stellt sich zum Schluss als sein Sohn Michael heraus, der Hannah Arendt verdächtigt, den Vater – und damit die deutschen Juden überhaupt – verraten zu haben.

Während die Zuschauer noch ihre Plätze suchen, doziert in den Kammerspielen Bad Godesberg der junge Heidegger (Yorck Dippe) die erste Vorlesung, die Arendt bei ihm hörte. Dann geht der Vorhang auf, und wir sehen eine riesige Fototapete der Klagemauer. Arendts New Yorker Appartement ist ein weißer Kubus, die Vergangenheit eine versenkbare Holzhütte. Die heutige Hannah (souverän: Anke Zillich) lacht viel und ist eine erfolgreiche Frau mit tiefer Stimme, die sich nur von ihrer Vergangenheit aus der Fassung bringen lässt. Und davon, dass sie keine Zigaretten mehr hat.

Rechtfertigung des gestohlenen Augenblicks

Das Damals springt aus einem weißen Wandschrank ins Heute: Heidegger trägt grünen Loden und lässt sich von der Jüdin einen durch und durch unkoscheren Stoffhasen in der Hütte braten. "Ich habe mir eingebildet, dass es nach Jagd riecht", bemerkt er anzüglich zur nervösen jungen Hannah (beeindruckend zart und stark: Maria Munkert) im grünen Abendkleid. Wieder im Heute rechtfertigt die alte Hannah vor ihrem Interviewer (Arne Lenk) ihr Judentum, ihren Zionismus und ihre Kritik am heutigen Staat Israel, bis sie merkt, dass er gar kein Philosophiestudent ist, sondern ein Forscher in eigener Sache.

Sowohl die Autorin als auch Regisseur Stefan Heiseke begegnen den Figuren mit Respekt und kommen ihnen doch anrührend nah, etwa wenn Arendt und Heidegger in Unterwäsche nach dem Geschlechtsakt nebeneinander liegen oder sich auf Englisch ein samtiges Liebeslied singen. Dann wieder werfen sie mit gestelzten Begriffen um sich und sind doch, in seliger Liebesillusion, nur auf philosophische Rechtfertigung des gestohlenen Augenblicks bedacht.

Bloß angedeutet wird, wie die junge Hannah immer mehr Eifersucht und Zweifel durchlebt und sich schließlich von Heidegger emanzipiert, indem sie nach Heidelberg geht und einen ungeliebten Mann heiratet. Wie sie zur kämpferischen Intellektuellen wird und Heidegger, fast mittellos, nach dem Krieg geächtet wird. Oder dass seine Frau sogar einen Bittbrief an Arendt schreibt, um "Sein und Zeit" in Amerika zu verkaufen. Natürlich – hier stößt das well made play an seine Grenzen – bekommt die alte Hannah jenen Brief genau in dem Moment, in dem Michael bei ihr ist.

Hannah und Hannah, rauchend auf dem Dach

Heiseke fügt dem Stück Ausschnitte aus Heideggers Antrittsrede und moralische Kritikerstimmen zu kühlen Beats im Schnelldurchlauf an. Die alte Hannah macht Heidegger eine letzte Liebeserklärung in Form eines Vorwurfs, und er entschuldigt seine Gesinnung nicht und geht irgendwann rückwärts in den Wandschrank zurück.

Zum Schluss bringt die junge Hannah der alten eine Zigarette. Rauchend und lachend sitzen sie auf dem Dach der Holzhütte, trotz aller Trauer mit der Vergangenheit versöhnt. Das wird vielleicht etwas zu langsam und genüsslich ausgespielt, aber dennoch ist es ein tief gehender und vielschichtiger Abend geworden, ironiefrei und psychologisch. Ein philosophisch-historisches Lehrstück über die Unmöglichkeit von Schuldzuweisungen. Und eine anrührende Liebesgeschichte, die ganz sehnsüchtig und melancholisch macht.

 

Die Banalität der Liebe
von Savyon Liebrecht, Übersetzung Naomi Nir-Bleimling
Regie: Stefan Heiseke; Bühne: Ariane Salzbrunn; Kostüme: Uta Heiseke.
Mit: Maria Munkert, Yorck Dippe, Anke Zillich, Rolf Mautz, Arne Lenk.

www.theater-bonn.de

 

Kritikenrundschau

Sylvia Staude berichtet in der Frankfurter Rundschau (12.10.2007) von einem "politischen und moralischen Liebes-Stück". Es gehe darum, dass zwei gelernte Philosophen wie Normalsterbliche "Halt, Nähe, Leidenschaft" suchten. "Dass zumindest Hannah nicht ankommt gegen ihr Herz, und vielleicht ja auch Martin nicht." Regisseur Stefan Heiseke und die Autorin haben für Bonn eine Textfassung erarbeitet, "die die Zeitebenen – zwischen 1925 und 1975 – eleganter verschränkt als das Original. Weitere Inszenierungen werden sich daran messen lassen müssen."

Starkes Schauspiel hat Dietmar Kanthak gesehen und schreibt darüber im Bonner General-Anzeiger (12.10.2007): Schon Ariane Salzbrunns Bühnenbild sei "von genialer Einfachheit". Ein großes Foto der Klagemauer, mobile Archivregale, Schubladen, die an "Schubladendenken" gemahnen. Es werde "viel geredet, über Persönliches, über Philosophie, Politik, über Hannah Arendts Eichmann-Buch und dessen feindselige Aufnahme in Israel", dennoch sei dies "keine Theater-Geschichtsstunde, kein philosophisches Bühnen-Privatissimum", sondern Schauspiel von preisverdächtiger Qualität, "leise, aber erregend; wort- und ideenreich, aber lebendig; anspruchsvoll, aber unterhaltsam". Eine "in jeder Hinsicht großartige Aufführung."

 

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