Wird's besser?

von Christiane Enkeler

Dortmund, 12. März 2011. In nietenbesetzten Lederhosen und -westen treten die Männer Schottlands auf, breitbeinig, cool und rau. König Duncan ist das rauste Raubein, wie er da im blutigen Stoffsack nach dem abgeschlagenen Kopf des Gegners tastet. Macbeth kniet neben ihm – den Ekel, den er spürt, verhehlt er schlecht. Das Gesicht nicht wie ein offenes Buch herumzutragen, dazu muss ihm erst seine Lady raten.

In Peter Jordans "Macbeth"-Inszenierung ("Macbeth" von Heiner Müller nach William Shakespeare) geht um Macht, um Sex, um geile Gier, um Sich-gegenseitig-Auffressen bis aufs Blut. Sein Regie-Debüt ist ähnlich cool und dröge-witzig wie sein Tatort-Kommissar. Bei ihm sind die Männer viril bis zur Unglaublichkeit. Selbstsicher tritt Duncan mit Gefolge auf; wenn er lacht, lachen auch seine (weiblich besetzten) Söhne hölzern – und hören abrupt auf, sowie der königliche Scherz vorbei ist. Wenn Duncan Macbeths Hand in einen Eimer Blut taucht und sich dann den Schädel rot beschmiert, während der Mörder fassungslos daneben steht, dann ist es Duncans eigene Methode, die den neuen König macht.

Machtgieriges Unschuldslamm

Der Himmel über Daniel Roskamps sich wie ein Keil in den Hintergrund schiebender Bühne hängt voller Jacken, Hosen, Stiefel: Tarn- und Arbeitskleidung, als ginge es ruhrgebietsgerecht ins Bergwerk. (Es geht dann mehr um Schlachthaus und um Fleisch.) Die Hexen tragen lange, schwarze Kutten (später morden sie so auch Banquo), ziehen einen Toten aus und lassen seine Kleidung an einem Seil unter die Decke fahren. Als hätten sie schon mehr als eine Leiche auf dem Gewissen und fingen nun von vorne an, ein neues, altes Spiel im Kontext von Maloche. Als Macbeth am Ende nach Gesellschaft lechzt, werden die leeren Kleider heruntergefahren. Aus ihnen steigen die Hexen hervor, die während ihrer ersten Weissagung noch die Kriegshelden Macbeth und Banquo wie Nymphen necken, perfekte Rollenprojektionen mit gekreppten langen Haaren, rutschenden Trägerkleidern und nackten Füßen. Später wird ihnen wie Zombies Banquos Blut das Kinn herunterlaufen.

Die geilen Sex- und Machtkämpfe auf der Bühne heizen ein, der Grat zur auch unfreiwilligen Komik ist schmal: Nicht immer ist deutlich, ob das Überdeutliche als "überdeutlich" gedeutet werden soll. Aber wenn immer alle sich und anderen automatisch in den Schritt und an die Brüste greifen, wird ein leichter Kuss auf den Scheitel zur gefährdeten Zärtlichkeit aus dem Jenseits heraus. Wenn alle immer so tun, als hätten sie alles unter Kontrolle, dann ist Irre-Sein die größte Gefahr. Soll heißen: Hier wird nicht nur posiert, sondern auch dargestellt. Vor allem Björn Gabriels müde-larmoyanter Macbeth, der zwischendurch vor Verwirrung die Hose nicht über die Kniekehlen ziehen kann, und Melanie Lüninghöners Lady, machtgieriges Unschuldslamm mit rauchiger Stimme, überzeugen.

Bei allen Männlichkeitsposen: Diese Welt ist eine, in der die Frauen bestimmen – heimlich. Die Lady steht den Hexen nicht nach in Sinnlichkeit, Bluthunger und Strippenziehen: Gerne hätte sie den starken Mann – aber der blickt seinerseits auf Frauen hinab.

Blut und Lederklamotten

Zwischen Pathos und Alltagssprache strapaziert Jordan ganz schön die Fallhöhe, um Ernüchterung, Entspannung und Humor zu erzeugen. Und Sebastian Graf singt immer wieder mit der Gitarre den U2-Song "Is it getting better?" Wird’s besser? Nein. Natürlich wird Macbeths Schicksal stattdessen düsterer – die Inszenierung kostet das mit viel Blut und Lederklamotten aus und braucht den lockeren Zynismus, um Abstand zu nehmen von der B-Movie-Ästhetik, auf die sich immer noch eins draufsetzen lässt: Gerade hat sich ein Soldat eifrig mit Kettenhemd, Rüstung und vier (!) Schwertern bewaffnet, da wird er von hinten flugs erstochen.

Solchen Humor muss man als Demontage begreifen, dann besitzt der Abend Witz und Spannung. Am Ende hat ein enges Rollenbild das andere herausgefordert. Das Morden war anstrengendes Schlachten bis hin zum letzten Schwertgefecht zwischen Macduff und Macbeth (die Kämpfe dynamisiert Klaus Figge). Die Macht will dann aber doch keiner: Die Krone, um die herum die ganze Zeit gemordet wird, landet eher zufällig bei Fleance, Banquos kleinem Sohn, der das noch gar nicht begreifen kann.

Als König muss man kalt und falsch sein, um die Coolness aufrecht zu erhalten: zu eng, zu gefährlich, zu anstrengend. Verrückt, wie sich alle vorher darum prügeln! Es macht aber Spaß, dabei zuzuschauen.

 

Macbeth
von Heiner Müller nach Shakespeare
Regie: Peter Jordan, Bühne: Daniel Roskamp, Kostüme und Witchcraft: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Kämpfe: Klaus Figge, Licht:  Sibylle Stuck, Dramaturgie: Anne-Kathrin Schulz.
Mit: Uwe Rohbeck, Luise Heyer, Annika Meier, Björn Gabriel, Jakob Schneider, Sebastian Kuschmann, Melanie Lüninghöner, Caroline Hanke, Sebastian Graf, Julia Kubensky.

www.theaterdo.de



Kritikenrundschau

Peter Jordan überzeugt damit, wie er das Stück gedanklich durchdringt, so Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (18.3.2011), nur in der praktischen Arbeit mit dem Ensemble scheint Jordan noch Schwächen zu haben. "Manche Darsteller übernehmen mehrere Figuren. So entsteht der Eindruck eines Albtraums, in dem die gleichen Gesichter in vielen Verkleidungen erscheinen. Abwechslungsreich und unterhaltsam ist dieser 'Macbeth' – und vor allem angemessen böse."

Einen "Fall von fehlgeleitetem Ehrgeiz" diagnostiziert Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.3.2011) am Regiedebüt von Peter Jordan. "Das Gros der Greuel kommt aus der Requisite: Mit Blut werden Hände, Gesichter, Oberkörper eingefärbt, und was in dem Stück an Maßlosigkeit, triebhafter Gier und dunklen Energien steckt, verliert sich in Gebrüll. (…) Die Tragödie verflacht zu einer Ballade kraftstrotzender Männer, die zumindest ihre Kämpfe beherrschen."

"Ganz Schottland ist ein Schlachthaus, und Jordan macht es deutlich", schreibt Arnold Hohmann auf dem Portal Der Westen (13.3.2011). Björn Gabriel sei als Macbeth "mehr larmoyante Marionette denn überzeugt Handelnder", seine "in jeder Be¬ziehung stärkere Lady" müsse ihm "erst einmal den Weg in Richtung Machtgier und Thron weisen." Das Licht von unten verleihe den Handelnden "dämonische Züge und gewaltige Schatten", schaffe einen "unwirklichen Raum", in dem Jordan "ein Gespinst aus lasziven Hexen" webt, "die den Boden bereiten für all die Mordlust, aus Geilheit und Sex als Triebmittel". Szenische Einfälle habe Jordan zuhauf; es mangele allerdings an der Schauspielerführung. "Nur selten wird der Raum als Ganzes genutzt, meist marschieren die Schauspieler von hinten schnurstracks an die Rampe, um sich dort in Szene zu setzen. Wenn sie dann auch noch inneren Aufruhr fast ausnahmslos mit Geschrei übersetzen dürfen, weiß man wieder, dass hier ein Schauspieler Regie führt, der den Kollegen den großen Auftritt nicht nehmen will."

"Rau, laut, blutig" gehe es zu, berichtet Tilman Abegg in den Ruhr Nachrichten (14.3.2011). Die Schauspieler tönten "die gemeißelte, schwarzweiße Sprache Heiner Müllers mit eigenen Farben, Bühnenbildner Daniel Roskamp tüncht sie mit starken Bildern unter dem variablen Himmels-Konstrukt". Gabriels Macbeth durchlebe "keine langsame Metamorphose, sondern wirft sich im Staccato durchs Gemütsmosaik eines von Anfang an zerrütteten Geistes", immer wieder zeichneten "seine jungen Züge Zerrbilder einer missbrauchten Unschuld". Melanie Lüninghöner als Lady vollführe "enge Spannungs-Pirouetten im Wahn-Monolog kurz vor ihrem Freitod – eines der schönsten und leisesten Bilder des Stücks".

 
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