Götter im Netz

von Ralph Gambihler

Jena, 11. Oktober 2007. Dass am Theaterhaus Jena die "schöne neue Welt" (Spielzeitmotto) mit dramaturgisch verwertbaren Rissen dargestellt würde, war absehbar – schon weil sie im Singular kaum existieren kann. Jetzt weiß man mehr. Die Uraufführung von "Second Life" macht den Riss zur vorherrschenden Denkrichtung. Denn irgendwie wird alles rissig in diesem Drama unter Frommen: die Wirklichkeit, die Fiktion, der Glaube, die Wissenschaft, das Theater sowieso. Beinahe will einem das ewige Schicksal der Damenstrumpfhose in den Sinn kommen: erst die Laufmasche, dann die Auflösung.

Computerspiel als Schöpfungsgeschichte

Das Sechs-Personen-Stück ist eine Annäherung an die womöglich revolutionärste unter allen virtuellen Wunderwelten. Sie handelt – einerseits – von dem Titel gebenden Internet-Portal "Second Life" und seiner Verheißung einer besseren Zweitidentität. Der Zugriff auf das Thema ist durchaus radikal. So radikal, wie es die Hohepriester von "Second Life" verkünden: Das Computerspiel wird als eine Schöpfungsgeschichte gedacht. Der User erhebt sich über sich selbst. Er wird sein eigener Gott – endlich, ein Jahrhundert nach Nietzsche!

Tomas Schweigen, der junge, in Zürich beheimatete Autor, und das Jenaer Ensemble (das sich im Text einbrachte) gehen nun – andererseits – einen ebenso ungewöhnlichen wie nahe liegenden Schritt. Sie legen die Bibel neben das Benutzerhandbuch. Sie bringen den Gott der Christenheit ins Spiel. Und siehe: Es zappelt wieder mal der Mensch.

Götter im Einführungskurs

Aus dieser disparaten Stoffkonstellation wurde das Szenario einer Bildungsveranstaltung geschneidert, die ein Bibelverein abhält. Fünf junge, brav gekämmte Mitglieder haben zum "Second Life"-Einführungskurs geladen. Man gibt sich "offen für das Neue". Hält Referate zum Thema. Befragt einen Spastiker, der im Netz die Sexbombe gibt. Das zunächst zwischen betulich und bemüht locker schwankende Seminar läuft allerdings aus dem Ruder. Man gerät aneinander, vergisst die Nächstenliebe, fällt aus der Rolle, brüllt. Gegen Ende müssen gleich zwei liebe Götter in das Geschehen eingreifen: erst ein sehr himmlischer (theatralischer) aus dem Off, dann per Videoprojektion ein sehr weltlicher (lässiger). Letzterer erscheint als Brötchen mampfender Nerd und klärt seine Schäflein über die elenden Serverprobleme auf, die er mit ihrer Steuerung hat.

Doppelte Böden

Der vom Autor selbst inszenierte Abend hat komische Seiten. Es steckt eine halbe Klamotte in ihm, wobei sich der Witz in den Unbeholfenheiten und Pannen erschöpft, die den Gelegenheits-Seminaristen nicht erspart bleiben. Die durchweg jungen Darsteller spielen sehr gut. Derweil arbeitet sich das Stück am Thema ab, sampelt Bibelstellen und Texte über "Second Life", rührt an große Fragen (Darwin!), öffnet doppelte Böden.

Es ist zwischendurch ein bisschen wie in dem Science-Fiction-Movie "Matrix" von Andy und Larry Wachowski: keine Wirklichkeit ohne ihre Simulation, keine Szene ohne das Theater dahinter. Die Action und die Starbesetzung muss man sich aber wegdenken. Dafür wird manchmal ein Kirchenlied gesungen. Die stärksten Momente hat diese Redeschlacht im Pfarrsaal, wo alle Gewissheiten fallen und das Publikum frontal angegangen wird.

Nach einer Stunde und fünfzig Minuten: Freundlicher Beifall, etwas Jubel.

 

Second Life (UA)
von Tomas Schweigen und dem Ensemble
Regie: Tomas Schweigen, Bühne und Kostüm: Stephan Weber.
Mit: Bernhard Dechant, Vera von Gunten, Julian Hackenberg, Roman Haselbacher, Ralph Jung, Saskia Taeger.

www.jenaonline.de

 

Kritikenrundschau

Frank Quilitzsch von der Thüringischen Landeszeitung (13.10.2007) hat bei "Second Life" am Theaterhaus Jena einen "kurzweiligen, hintergründigen Argumentationsabend" gesehen und dabei beobachtet, dass sich das "vorwiegend junge Publikum" amüsiert habe. Die Älteren hingegen, zu denen Quilitzsch sich zählt, hätten etwas über das totale Freiheit versprechende Netz dazugelernt. Nicht geklärt ist das Genre der Aufführung – " Kabarett? Parodie? Performance?" –, die zwar "wirklichkeitsnah eingerichtet" sei, jedoch, so fragt Quilitzsch sich, "nah an der realen oder virtuellen Wirklichkeit?" Und der Rezensent schlägt vor: "Das nächste Mal vielleicht wieder Theater?"

"Wer intelligentes, überraschendes und freches Theater erleben will, sollte das Stück sehen", findet dagegen in der Ostthüringer Zeitung (13.10.2007) Ulrike Merkel. In Jena nämlich habe Tomas Schweigen "eine intelligente und freche Komödie zur Schöpfung" entwickelt und zwar als Bibelstunde, die Merkel sich alsbald "als schräge, vielschichtige Science-Fiction-Komödie" entpuppen sieht, die sämtliche Schöpfungsideen persifliert. Schweigen jongliere kühn mit "verschiedenen Spielebenen": "Hier wird nur noch geschöpft: Der von Gott geschaffene Computerfreak kreiert die Schauspieler. Die wiederum inszenieren das Bibelstunden-Stück." Insgesamt wirkt die Lust, mit der hier Bibellehre, Matrix-Idee, Evolutions- und Schauspieltheorie ad absurdum geführt werden, auf die Kritikerin absolut ansteckend.

 

 
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