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Bitterfelds Weg

von Wolfgang Behrens

Berlin, 9. und 13. März 2011. Auftritt Heine-Mareine Bitterfeld. Eine behördenmäßig blasse Type ist das – sie könnte aus einer Marthaler-Inszenierung entflohen sein –, die sich den Anwesenden auf Morris Schimmels Verlobungsfeier umständlich vorstellt, jedem Einzelnen, und dabei immer wieder diesen albernen Namen wiederholt: Heine-Mareine Bitterfeld. Sonst hat er nichts zu sagen. Obwohl, so merkt ein Gast an, sein Name doch so große Erwartungen wecke, dass man gehofft habe, Heine-Mareine Bitterfeld werde alle Probleme lösen. Heine-Mareine Bitterfeld aber sagt und löst gar nichts.

Diese Szene bildet eine der absurd-schönen Spitzen in dem absurd-schönen Stück "Morris Schimmel" des 1999 verstorbenen Hanoch Levin, eines in Deutschland sträflich unbekannten, erstrangigen Dramatikers aus Israel. Das Habima Theater aus Tel Aviv gastierte mit der Uraufführungsproduktion dieses nachgelassenen Textes beim F.I.N.D.-Festival an der Schaubühne – und das nicht von ungefähr. Denn Yael Ronen, die israelische Regisseurin des Abends, ist spätestens mit ihrem intelligent-respektlos-komischen deutsch-palästinensisch-israelischen work in progress Dritte Generation eine große Nummer, nicht nur an der Schaubühne. Und bei F.I.N.D ist sie vor vier Jahren mit "Plonter" und "Reiseführer in das gute Leben" – auch das waren kluge, schnelle, kabarettistisch angeschrägte Generationenporträts – erstmals einem größeren deutschen Publikum bekannt geworden.

Mein Gähnen, mein Leben

Mit "Morris Schimmel" zeigt sich Yael Ronen nun von einer eher unerwarteten Seite: auf geradezu altmeisterliche Weise führt sie ein fabelhaftes Schauspielensemble durch eine Komödie, die George Tabori, Woody Allen und Federico Fellini bei einer gemeinsam durchzechten Kantinennacht hätten zusammenfantasieren können. Porträtiert wird hier offenbar nicht die "dritte Generation" (also die Enkel-Generation der Shoah-Überlebenden), sondern die zweite: Söhne, ja, vor allem Söhne jener tatkräftigen Staatsgründer, die mit Enthusiasmus ihr Leben in die Hand nahmen. Die Alten haben dabei offenkundig soviel Leben abbekommen, dass für ihre Kinder nichts mehr übrig blieb: Diese fristen nun als verantwortungsscheue Schluffis ihr Dasein, erzählen die immerselben Geschichten über verpasste Chancen oder sie wiederholen gar – Heine-Mareine Bitterfeld! – überhaupt nur ihren Namen.

 

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Die Feier der Nachgeborenen der Shoa: "Morris Schimmel" beim F.I.N.D.-Festival an der Berliner Schaubühne            © Habima National Theatre

Morris Schimmel und seine Freunde sind typische und sogar ein bisschen stereotypische Vertreter dieser zweiten Generation: Titelheld Morris Schimmel selbst, von Avi Kushnir mit einem wunderbar traurig-schicksalsergebenem Blick und Hängeschultern ausgestattet, ist von Beruf Sohn, und dem entkommt er nicht. "Blick in mein Gähnen, und du wirst mein ganzes Leben sehen", sagt er einmal.

Seine Mutter Tollebraine ist die jüdische Mamme, wie sie im Buche steht. Die koboldhaft kleine und doch alle überragende Lia Kenig karikiert sie so ironisch und liebevoll, dass man von ihren Weisheiten nicht genug kriegen kann. Wenn ihr Mann Gumpertz stirbt, bringt sie die Unvollkommenheit der Welt mit Sätzen auf den Punkt, wie sie wahrer nicht sein könnten: "Und jeder weitere Moment, in dem wir leben, ist ein weiterer Moment, in dem Gumpertz tot ist. Innerhalb von 70 Jahren wird mehr Zeit vergangen sein, in der Gumpertz nicht war, als Zeit, in der er war." Traurig! Herrlich!

Lehren von den letzten Dingen

Ein paar Tage später erlebt man dann Yael Ronen wieder so, wie man sie hierzulande kennt. Mit ihrem Ensemble aus "Dritte Generation" erarbeitet sie derzeit ein neues Stück zu den Themenkomplexen Zukunft und Religion – "The Day Before The Last Day" –, das in der nächsten Spielzeit an der Schaubühne Premiere haben soll. Für F.I.N.D präsentierte die Truppe eine Art 60-minütigen Teaser, der zumindest große Lust auf das macht, was da kommen wird.

Zu Beginn der als "Workshop-Präsentation" firmierenden Veranstaltung gibt sich Rotem Kainan als ein Futurologe aus, dessen angeblich wissenschaftlich fundierte Behauptungen über die Zukunft vom äußerlichen Misslingen seines Vortrags unterminiert werden. Es tritt der Super-GAU einer Powerpoint-Präsentation ein: Die Leinwand ist nicht aufgebaut, der Beamer versagt, im Slapstick führt der zu Hilfe eilende Niels Bormann die Unbeherrschbarkeit der Gegenwart vor, während uns Rotem Kainan die wissenschaftliche Beherrschbarkeit des Zukünftigen predigt.

Im weiteren Verlauf performen Ronens Schauspieler, mit allerlei illustrierendem Spielzeug bewehrt vor ihren Laptops sitzend, YouTube-Videos, auf die sie bei ihren Recherchen gestoßen sind und in denen religiöse Fanatiker (oder sind es "bloß" religiöse Menschen?) die Zukunft grundsätzlich chiliastisch (auf eine Endzeit hin ausgerichtet) deuten. Die Botschaft ist immer dieselbe: "Entscheide Dich jetzt, zu wem Du gehören willst, denn die Apokalypse ist nah."

Während man noch über diese Karikaturen lacht und heftig den Gedanken abnickt, dass mit solchen Religionen kein Frieden zu haben sein wird, fährt man plötzlich irritiert auf, wenn kurz darauf eine Kämpferin für den Klimaschutz ihre Botschaft im gleichen Tonfall verkündet. Wird der Klimaschutz etwa auch subkutan von religiösen Endzeitvisionen gespeist? Ein Atheist empfiehlt gar die "fucking" beste Lösung für die Konflikte aller Weltreligionen: die Atombombe. Auch bei seiner Vision lässt der Chiliasmus grüßen.

Yael Ronen und ihre Spieler haben ein sehr genaues Ohr für Diskurse aus den unterschiedlichsten Ecken. Sie jonglieren so lange mit ihnen, bis der Witz der Parodie irgendwann an wunde Punkte gelangt. Da tut es dann weh. Und genau deswegen sollte man wohl hingehen, wenn "The Day Before The Last Day" in ein paar Monaten fertig sein wird.


Morris Schimmel
von Hanoch Levin
Eine Koproduktion des Habima National Theatre of Israel und des Haifa Municipal Theatre
Regie: Yael Ronen, Bühne: Lily Ben Nachshon, Kostüme: Yelena Kelrich, Musik: Ran Bagno, Licht: Keren Granek.
Mit: Anna Dubrovitsky, Uri Hochman, Dvora Keidar, Lia Kenig, Avi Kushnir, Micky Peleg, Roberto Polak, Yossi Segal, Tomer Sharon, Ami Smolarchik. Musiker: Adam Mader (Violine und Mandoline), Idan Sochovolsky (Percussion und Akkordeon).

The Day Before the Last Day
von Yael Ronen
Workshop-Präsentation in englischer Sprache
Regie: Yael Ronen, Bühne und Kostüme: Magda Willi, Dramaturgie: Irina Szodruch.
Mit: Knut Berger, Niels Bormann, Anat Hadid, Shredy Jabarin, Rotem Kainan, Orit Nahmias, Yigal Sade, Yousef Sweid, Maryam Zaree.

www.schaubuehne.de


Mehr zum diesjährigen F.I.N.D.-Festival an der Schaubühne? Hier gibt's den Bericht vom Auftakt.

 

Kritikenrundschau

"Morris Schimmel" suche "die entschiedene Jüngerschaft Samuel Becketts", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (11.3.2011): "Jeder Satz ist ein Lobpreis jener existenziellen Absurdität, die bei genauerer Betrachtung hinter allen lebenssinnproduzierenden Aktivitäten lauert." Yael Ronen tue in ihrer Inszenierung nichts, um dieser Lebensbetrachtungsweise in die Quere zu kommen: "An Laternen hängen drehbare Lichtfenster, auf Holzstühlen, im Stehen und an der Rampe werden die kurzen, knackigen Szenen in gebührender Saftigkeit vorgetragen. Zum Lachen, zum Sinnieren, ein bisschen auch zum Wegnicken."

Eine charmante Harmlosigkeit, ja eine Enttäuschung sei "die Inszenierung auf die man sich meisten gefreut hatte", findet Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (11.3.2011): "Morris Schimmel" beweise vor allem, dass Yael Ronen "auch metiersicher intelligentes Boulevardtheater inszenieren kann". Hanoch Levin sei hierzulande kaum bekannt. "Angesichts des routinierten Gewitzels und der nicht weniger routinierten Ausflüge in den melancholischen Tiefsinn von 'Morris Schimmel' wird sich das möglicherweise auch nach diesem Gastspiel nicht ändern." Eine Freude seien dagegen die Schauspieler: "Die großartige Lia Kenig gibt mit Karacho und viel Selbstironie das Klischee der jüdischen Mutter. Ihr etwas phlegmatischer Sohn Morris Schimmel (Avi Kushnir), ein Riesenbaby mit Bäuchlein und hängenden Schultern, weiß sich nur noch dadurch zu helfen, dass er nach Schweden zieht, um mit Mitte vierzig diesem mütterlichen Energiebündel zu entkommen: 'Seit 30 Jahren verspricht sie zu sterben...' Das sind so die Scherze."

Wesentlich begeisterter ist Gerd Brendel auf Deutschlandradio Kultur (13.3.2011): "Wo noch nicht mal letzte Worte Sinn transportieren, bleibt auch für den Rest nicht viel: Von seiner Mutter, gespielt von der Grande Dame des israelischen Theaters, Lea Kenig, kann Morris außer absurdem Altersegoismus nichts erwarten, und auch die Liebe fällt als sinnstiftende Instanz aus: Die Verlobungsfeier des traurigen Helden gerät so traurig wie die Beerdigungsfeiern der Mutter und des Schwiegervaters. Auf allen drei Feiern sind Morris Freunde die einzigen Gäste, die die immer gleichen Geschichten ihrer zerplatzten Träume erzählen." Allerdings bleibe bei den deutschen Übertiteln der hebräische Wortwitz auf der Strecke.

 


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