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Last Exit: Brühwürfel

von Christian Rakow

Berlin, 16. März 2011. Passen Se auf, der wird gut: Ein Tenor, von himmlischen Liebeswogen juchzend, taumelt durch den Raum zu einem Küchenherd und, hoppla, patscht mit der flachen Hand auf die heiße Herdplatte und hiiiiimmmlisch reißt es seine Tonlinie in die Höhe. Wow! Was, das kennen Se schon? Aber jetzt: Ein junges Paar nebst einer Freundin frühstücken gekochte Eier. Sagt die Freundin vieldeutig zu ihm: "Sie kriegt nicht genug von Ihren Eiern." Puh, auch nicht dolle? Und was, wenn eine der beiden Freundinnen Sophie Rois ist und das Ganze an der Volksbühne spielt? Sehen Se, hab ich doch gesagt, dass es gut wird.

Die Welt ist ein Mätressenkarussell

Aber es war nicht gut. Und zwar trotz Sophie Rois, trotz eines Kammerorchesters, das den Abend anmutig mit Highlights aus Giuseppe Verdis "La Traviata" grundierte und trotz eines blutjungen Tenors, der mit berückender Zartheit einen skrupulös verschüchterten Alfredo (alias Armand Duval) beisteuerte. Ihn werden sich Musikfreunde merken dürfen: Kai-Ingo Rudolph.

Jetzt aber von der Haben- zur Soll-Seite dieser Unternehmung (um gleich die angemessene Bildlichkeit zu bemühen): "Baise moi fonds" (etwa: Fickt mich Kapitalstocks) – so schwört uns das Programmheft im Motto auf eine "Kameliendame" ohne Schmalz und Gefühlsgebibber ein. Praktisch: Outsourcing das Melodrama, Insourcing die Tauschwerttheorie. Liebe ist kälter als das Kapital und die ganze Welt ein Mätressenkarussell. An der Volksbühne, am Haus von René Pollesch und Frank Castorf, zumal mit Sophie Rois in der Titelrolle als – wie wohl? – gierig verschwenderische, wagemutige, blühende, endlos Geld und Herz zerwühlende Kameliendame, bedeutet ein derartiger Zugriff eine hehre Ansage.

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Sophie Rois (links) als Kameliendame
©Thomas Aurin

Und dann dies? Routiniert – kaum mehr als das, eher weniger – steigert sich Rois das eine oder andere Mal in Comedy-Rage ("Don't fuck with me, fellows"). Hier hebelt sie mit einem Brecheisen ihre gehorteten Geldscheine aus dem kahlen Bühnenboden hervor, dort verhüllt sie sich kokett asthmatisch röchelnd in einer riesigen weißen Gardine. Hin und wieder kommandiert sie rigoros ihren fragilen Liebhaber Armand umher. Aber wofür? Gedanken zum Finanzwesen der Liebe werden angetippt und kullern weg. Den einzig poetischen Satz zum Thema vernuschelt Hendrik Arnst auf halber Strecke: "Das Geld rächt sich bitter an denen, die es nicht mit ganzer Leidenschaft lieben." In etwas schlichterem Zuschnitt taucht die Botschaft mit den Schlussworten von Rois noch einmal auf: "Geld ist alles. Geld ist Leben."

Von der Edelkonkubine zur Werbeikone

Der Fall der Edelkonkubine Marguerite Gautier muss dabei wohl – in mittlerer Distanz zu Alexandre Dumas' Dramenvorlage von 1852 – als Antibildungsgeschichte in kapitalistischen Zeiten angedacht gewesen sein: Auftakt als patente Geschäftsfrau, dann der finanzielle Abstieg, als sich die Kameliendame ihrer Affäre mit dem gemütvollen, aber unökonomischen Knaben Armand hingibt. Armands Vater Duval (Hendrik Arnst) taucht hier als erdige Krämerseele auf und zieht sie in die Niederungen des Massenkonsums: Einem Plakat für "Duval's Brühwürfel" soll Marguerite ihr Gesicht leihen – last exit: Werbeikone.

Den Niedergang einer vereinsamten Solistin inmitten einer Welt aus schnödem Mittelmaß haben Rois und Clemens Schönborn schon vor Jahresfrist anhand von Euripides' Medea-Stoff in Leipzig erzählt. Es war das Theaterregie-Debüt von Schönborn, der als Filmemacher durchaus einen humorvollen, detaillierten Blick auf Figuren zu entwickeln vermag (so in "Der Letzte macht das Licht aus", 2007). Auf der Bühne ist davon wenig bis nichts zu sehen. Dabei legte Rois seinerzeit mit wildem Furor zumindest einen veritablen Medea-Slapstick hin. In der "Kameliendame" ist's nurmehr Schlappstick. Keine Schläge, keine Treffer, nur Gewedel. Eineinhalb ausgiebige Stunden lang. Und allein die Musiker haben sie verkürzt.


Die Kameliendame
Mit Musik aus Giuseppe Verdis "La Traviata" nach Alexandre Dumas
Stückfassung: Clemens Schönborn
Regie: Clemens Schönborn, Kostüme: Nina Kroschinske, Musikalische Leitung: Michael Wilhelmi, Licht: Torsten König, Dramaturgie: Ralf Fiedler.
Mit: Hendrik Arnst, Jean Chaize, Zazie de Paris, Sophie Rois, Kai-Ingo Rudolph und Hans Schenker.
Chor: Frank Backmeister, Frank Bauszus, Lothar Butszies, Berthold Kogut, Maxime Martinot, Manfred Meier, Reinhard Schmidt, Bernhard Schumann, Helge Witt. Musiker: Kirsten Harms (1. Geige), Emmanuelle Bernard (2. Geige), Chang-Yun Yoo (Bratsche), Augustin Maurs (Cello), Tilmann Dehnhard (Flöte, Klarinette), Freyja Gunnlaugsdóttir (Klarinette).

www.volksbuehne-berlin.de

 

Sie wollen das Original in Sachen neuerer Geld- und Liebestheorie? Hier ein paar einschlägige Pollesch-Abende samt Werkporträt, anlässlich seiner Mülheim-Einladung 2008: Liebe ist kälter als das Kapital (2007), Tal der fliegenden Messer (2008), Fantasma (2008, mit Sophie Rois), Ich schau dir in die Augen... (2010).


Kritikenrundschau

"Die Berliner Volksbühne liegt schon einige Zeit schwindsüchtig darnieder, das war wieder mal ein Huster," stellt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (19. 03. 2011) fest. Das "dünne Regiekonzept" trägt aus seiner Sicht nicht weit. Der Abend selbst diene lediglich Sophie Rois als Star-Vehikel, die "aus der käuflichen Salondame aus dem Paris in der Mitte des 19. Jahrhunderts, einen Theater-Vamp aus dem Berlin von heute macht". Gestählt von Pohrt- und Pollesch-Lektüren, unterlaufe und verhöhne Rois "genussvoll alle Romantizismen und weiblichen Opferrollen mit süffisantestem Lächeln und kehligem Gurren". Unhöflich könne man einwenden, "damit mache Rois das, was sie im Prinzip immer mache, mal besser, mal routinierter, mal intelligenter, mal eitler. Aber auch wenn dieser Einwand nicht ganz falsch wäre, liefe er ins Leere, weil Rois mit ihrer antisentimentalen Spielweise hier mit der Kameliendame eine Ikone des Theaters der großen, falschen Gefühle, der aufopferungsvollen Liebe und des opernüblichen Damenopfers sauber zerlegt."

Der Abend sei wie ein Brühwürfel, der darin auch eine kurze, prägnante Rolle spiele, schreibt Jürgen Otten in der Frankfurter Rundschau (19.3.2011) - "ein Brühwürfel, der im Glas mit heißem Wasser landet, sich auflöst, Würze vortäuscht, aber einfach nur ziemlich fade schmeckt."  Zwar stehe Sophie Rois ihren brillanten Vorgängerinnen in der berühmten Röchelrolle in nichts nach. "Oder sagen wir es so: Sie müht sich nach Kräften, um dem, was sie brillant tut, nachvollziehbare theatrale Kontur zu leihen. Bedauerlicherweise ist sie jedoch in den falschen Abend geraten."

"Der ästhetische Flurschaden ist beträchtlich: kaputt das Melodram, kaputt die Oper, Dumas und Verdi schwer versehrt", schreibt Ulrich Weinzierl in der Welt (18.3.2011), in der man die "altehrwürdige 'Kameliendame' schwer beschädigt" sieht. Daran ändere auch Sophie Rois nichts, die eine Unmenge darstellerischer Fähigkeiten besitzen würde, aber fast ausschließlich die "Licence to brüll" nutzt.

Einer Frau, der man alles zu Füßen legt, einer solchen Frau muss man selbstverständlich auch alles verzeihen. "Sei es, dass sie das Erbe verplempert, dass sie die Ehre mit Füßen tritt oder dass sie sich die Bühne greift, all ihre heimlichen Wünsche erfüllt - und dann ein trockener, verstolperter, gut angedachter, aber hilflos zusammengepappter Theaterabend dabei herauskommt", so Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (18.3.2011), der Sophie Rois einerseits zu Füßen liegt, aber die 80-minütige Inszenierung insgesamt unsanft aufschlagen sah. 

Mit einer Schlusspointe, die "Geld regiert die Welt" hätte lauten können, falle man am Rosa-Luxemburg-Platz weit hinters hauseigene Diskursniveau zurück, schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (18.3.2011). "Der Wille zum Pollesch ist da. Allein: Das Vermögen fehlt – aus welchen Gründen auch immer." Die Inszenierung müsse man sich als dünnes Singspielchen mit treuherzigen Trash-Anleihen vorstellen, säuberlich um die Diva des Abends, Sophie Rois, als "Kameliendame". Rois spiele in einer Liga, von der andere nur träumen. Zu behaupten, sie sei als Marguerite Gautier über sich selbst hinausgewachsen, wäre allerdings übertrieben. "Es ist eher ein Rois-Abend der Wiedererkennungseffekte."

Sophie Rois triumphiert als "Kameliendame", von der Inszenierung hätte man gerne das gleiche gesagt, so heißt es auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.3.2011), in der Irene Bazinger, zwar die Anfangs-Chor-Szene gut funktionieren sah "als gescheite Mischung disparater Stilmittel, die in ihrer absurden Verschränkung aufs schönste zum Lachen reizen". Aber in intellektueller Eindimensionalität verlasse sich die Aufführung allein auf die Hauptdarstellerin. "Die souveräne, hinreißende Sophie Rois ist hier wirklich ein Ereignis, aber das Ereignis hätte ja doch 'Die Kameliendame' sein müssen."