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Fakten, Fakten, Fakten und irgendwann rauscht es nur noch

von Alexander Kohlmann

Hannover, 17. März 2011. Diese Versuchsanordnung könnte spannend werden. In der Konzernzentrale des "Unternehmen Hunger" stehen vor einem schicken Milchglas-Rundhorizont verschiebbare Tischplatten in Form der Kontinente zum Experiment bereit. Wie ein gigantisches Risikobrett sieht das aus. Auf dieser Welt im Kleinen verteilen die fünf Schauspieler Schalen mit Mais, kleine und große, volle und leere. Und "We are the world, we are the children" singt Michael Jackson im Fernseher am Bühnenrand.

Mangel oder gesteuerte Fehlverteilung?

Wieso haben die meisten Menschen nicht genug zu essen? Wieso verschlingen Agrarsubventionen über 40 Prozent des Gesamthaushalts der EU? Und warum werden sie dafür benutzt, Geflügelteile nach Afrika zu exportieren? Warum haben 50 Jahre Entwicklungshilfe die Lage nur noch verschlimmert? Entstehen Hungersnöte aus Mangel an Lebensmitteln oder durch ihre planvoll gesteuerte Fehlverteilung? Organisieren wir den Hunger zu unseren Gunsten?

Drängende Fragen, doch Hans-Werner Kroesingers neuestes Doku-Projekt ist leider weit davon entfernt, tiefergehende Zusammenhänge offenzulegen. Denn die interessante szenische Grundaufstellung spielt im Verlauf des Abends nur noch eine untergeordnete Rolle. Stattdessen wird der Zuschauer einem Bombardement von Fakten ausgesetzt, dem er irgendwann kaum noch folgen kann: "Ein Viertel der gesamten Getreideernte der Welt wird jedes Jahr als Futter für die Rinderherden der reichen Länder verwendet", "8 von 10 Dollar Entwicklungshilfe fließen in die Geberländer zurück", "100 Kilo Getreide reichen aus, um 100 Brote zu backen oder um 40 Liter Biosprit zu destillieren", "Für die Menschen in der Dritten Welt ist der dritte Weltkrieg im vollen Gange".

Hilfsmittellieferungen fürs Publikum

Die Schauspieler spielen keine Rollen, sie repräsentieren auch nicht unterschiedliche Positionen, sondern sie rasen im atemberaubenden Tempo durch die angesammelten Fakten zum Elend der Dritten Welt. Selten wird innegehalten, fast nie wirklich etwas erklärt. Diagramme flimmern im Hintergrund auf und verschwinden, kaum dass man sie wahrgenommen hat.

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Händefalten im "Unternehmen Hunger"
© Karl Bernd Karwasz

"Fakten, Fakten, Fakten… irgendwann rauscht es nur noch", räsoniert einer irgendwann, es klingt resigniert. Zwischendurch werden Hilfsmittellieferungen ans Publikum verteilt. Grüne, saure Weingummischlangen in einer Erbsen-Packung: Wäre echte Dritte-Welt-Kost dem Bio-Laden erprobten Publikum nicht zuzumuten gewesen? Auch beim Biosprit E10 bleibt der Abend im Ungefähren wie bei vielen Themen. Mit Benzinkanister und einem Foto ihres Familien-Land-Rover diskutiert ein Paar über die gigantischen Mengen an Nahrungsressourcen, die in der Dritten Welt für Biokraftstoffe verbraten werden.

Die Interessen hinter den Fakten

Welche Interessengruppen hinter der 'Biosprit-Lüge' stehen, und warum die Politik die Einführung hartnäckig verteidigt, wird allerdings nicht einmal ansatzweise thematisiert. Dafür tanzt Wiebke Frost auf wackligem Erbsengrund und rutschigen – manchmal auch verrutschenden – Kontinentalplatten: Achja, das Erdbeben in Japan und die Atomkraftproblematik werden auch gestreift.

Seltsam unfertig wirkt dieser Abend. Unendlich viel wird angesprochen, die Firmenstruktur des "Unternehmen Hunger" jedoch nicht wirklich offengelegt. "Das ist alles bekannt, seit Jahren. Und wir werfen Erbsen und schieben Tische umher", schreit ganz zum Schluss Thomas Mehlhorn auf einer fast dunklen Bühne. Er wirkt dabei tatsächlich verzweifelt und hilflos – nicht nur angesichts der offensichtlichen Ungerechtigkeit der Welt, sondern auch am Unvermögen von Kroesinger und seinem Ensemble, dagegen anzuspielen.


Unternehmen Hunger
Eine Recherche von Hans-Werner Kroesinger und Ensemble
Idee und Konzept: Hans-Werner Kroesinger, Bühne: Valerie von Stillfried, Musikalische Leitung: Daniel Dorsch, Kostüme: Valerie von Stillfried, Andrea Meyer, Dramaturgie: Aljoscha Begrich.
Mit: Veronika Avraham, Wiebke Frost, Thomas Mehlhorn, Oscar Olivo, Julia Schmalbrock.

www.staatstheater-hannover.de


Mehr zu Hans-Werner Kroesinger: zuletzt besprachen wir Blackwater, eine Dokumentation über Private Military Companies, die im November 2010 im Berliner HAU Premiere hatte.

Kritikenrundschau

Stefanie Nickel ätzt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (19.3.2011), man hätte den Zuschauern einen Stift zum Mitschreiben geben sollen. "Stellenweise" sei die Aufführung "überfrachtet" mit Zahlen und Fremdwörtern, auch die Schauspieler hätten Schwierigkeiten mit den sperrigen Formulierungen und verhaspelten sich. Man könne dem Unternehmen den aufklärerischen Anspruch nicht absprechen. Doch müsse ein Regisseur, anders als ein Uni-Professor, seine Erkenntnisse "in eine künstlerische Form fließen lassen". Erwin Piscator in den Zwanzigern und Rimini Protokoll in jüngster Zeit hätten dies vorgemacht. Bei Krösinger sei die Form nur "schmückendes Beiwerk", sie liefere weder "neue Erkenntnisse" noch "verblüffe oder erstaune" sie. Zuletzt riefen die Schauspieler zur Selbstversorgung durch privaten Ackerbau an Stelle der industriellen Landwirtschaft auf. Das sei o.k. Für Utopien gebe es Platz am Theater, für "trockenes Dozieren eher nicht".

"Überforderung als Methode", nennt es Evelyn Beyer in der Hannoverschen Neuen Presse (19.3.2011), wenn Krösinger in seinem "klug collagierten Kammerspiel" die Fakten prasseln lässt. Während das Hirn sich an Fakten abarbeite, den Siegeszug des "Weizen-Rind-Menschen" bis zur "kannibalistischen Weltordnung des globalen Kapitals" nachdenke, zielten die Bilder "subtil aufs Gefühl". Nüchtern gesprochen gewönnen die Texte der Schauspieler doch "Krimispannung". Am Ende habe man begriffen, die Reaktorkatastrophe in Japan, die auch noch angesprochen werde, sei nur die äußerste Spitze der "unheilvollen Katastrophe".

Hans-Werner Krösinger "Unternehmen Hunger" sei so "ambitioniert und vielversprechend wie gescheitert und überflüssig", schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (29.3.2011). Krösinger sei ein "hervorragender Rechercheur", der aber seine gesammelten Fakten über seine fünf "armen Schauspieler" kippe, die dann mit dem unstrukturierten Brei alleine klar kommen müssten. Der Abend wusele hin und her zwischen "Ausweitung der Agrarzone und Biosprit, Konzerninteressen und europäischem Agrardumping, Erster und Dritter Welt", dass nach ein paar Minuten der Kopf schwirre und "man nicht mehr wissen will, wer hier Verantwortung für was trägt". Entsprechend sei es den Akteuren fast unmöglich, "eine Haltung zu den Textbrocken zu entwickeln", Verdauung sei in dieser Dramaturgie leider nicht vorgesehen. "Der weltweite Hunger ist ja wirklich eines der Themen, die einen um den Verstand bringen können, je mehr man über sie nachdenkt." Auch Dokumentartheatermacher seien jedoch Theatermacher und "haben weniger Verantwortung für den Hunger auf der Welt als für das Theater, das sie uns vorsetzen".

 
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