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Stumm ruht der See

von Ulrich Fischer

Hannover, 19. März 2011: "Der Silbersee" wird selten gespielt. Jetzt unternahm das Niedersächsische Staatsschauspiel in Hannover das Experiment, die Schauspieloper von Georg Kaiser mit Musik von Kurt Weill aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Offenbar wollte Intendant Lars-Ole Walburg, der selbst Regie führte, Bühnengold heben, das er am Grunde des "Silbersees" vermutete.

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©Karin Ribbe

Das Land um den Silbersee hat jungen Leuten wenig zu bieten. Einige von ihnen leben in Hütten und hungern erbärmlich. Fünf machen sich auf den Weg, um in der Stadt Lebensmittel zu "organisieren". Sie nehmen einen ganzen Packen mit. Als sie an zwei Landjägern vorbeikommen, drückt sie das Gewissen. Einer, Severin, wird erwischt, er trägt sichtbar eine Ananas bei sich – dieser Luxus erregt Verdacht. Severin hat Pech, als er fliehen will, schießt einer der Landjäger, Olim, auf ihn. Olim hat in der Lotterie Glück – ein Motiv, das Kaiser nicht nur im "Silbersee" verwendet, um ein kritisches Licht auf eine Gesellschaft zu werfen, in der es vom blinden Glück abhängt, ob einer reich oder arm ist. Olim jedenfalls kauft sich ein Schloss. Er will im Glück aber die Elenden nicht vergessen und sorgt nicht nur dafür, dass Severin frei kommt, er nimmt ihn auch als Gast in sein neues Schloss auf. Severin ist dennoch unzufrieden – er weiß nicht, dass sein Wohltäter der Polizist war, der auf ihn geschossen hat.

Nicht verzweifeln!

Severin sucht also nach dem Schützen, er sinnt auf Rache. Es braucht noch viele unglaubliche Wendungen, bis die beiden zusammenfinden, Severin Olim verzeiht und die beiden Freunde werden. Eine Intrigantin bringt Olim um Schoss und Vermögen und die beiden frischgebackenen Freunde verzweifeln. Sie wollen im Silbersee den Tod suchen. Doch als sie ans Ufer kommen, hat die Kälte das Wasser zu Eis erstarren lassen. Die Botschaft wird vom Chor verkündet: Man solle nicht verzweifeln, weiter machen.

Die Fabel ist, auch wenn der "Silbersee" laut Untertitel "ein Wintermärchen" sein soll, allzu wundersam, ja ungeschickt konstruiert. Die Dialoge klingen nicht poetisch, sondern hölzern, schlimmer: Die Texte der Songs und Couplets sind samt und sonders misslungen – keine der Figuren überzeugt.

Ohne Biss, ohne Botschaft

Diese schwere Last kann auch die beste Musik nicht ausgleichen. Kurt Weill hat für Naturschilderungen kluge Anleihen bei der Romantik gemacht, für den Gegensatz von Arm und Reich lehnt er sich eng an seine Partitur der "Dreigroschenoper" an; offenbar wollte er den Erfolg wiederholen. Da man immer wieder an einen der weltbekannten Songs erinnert wird, werden die Mängel von Kaisers Libretto allerdings desto schmerzlicher spürbar. Dem "Silbersee" fehlt der antikapitalistische Biss von Brechts und Weills Meisterwerkt, es wirkt richtungslos und am Ende verschwiemelt, die Botschaft ist keine.

Das Niedersächsische Staatsschauspiel hat indes an nichts gespart, ein unheimlicher Aufwand wird getrieben. Lars-Ole Walburg legt seiner Inszenierung keinen Märchenton zu Grunde, sondern versucht, den Spott, den Humor herauszuarbeiten, indem er die Figuren typisiert und spielen lässt wie im Stummfilm. Häufig suchen die Schauspieler nach Slapstickeffekten. Aber die meisten kommen nicht über die Rampe – es wird zu wenig gelacht bei dieser Aufführung.

Martin Vischer spielt Severin als netten Kerl. Man nimmt Severin ab, dass er seine Rachephantasien schnell aufgibt, nachdem er bemerkt, dass der Mann, der auf ihn geschossen hat, ihn später in sein Schloss aufnimmt. Andreas Schlager hat es als Olim schwerer. Warum nur unterschreibt Olim eine Schenkungsurkunde, ohne sie durchzulesen? Olim ist ein Esel, aber Schlager skizziert einen gewitzten Zeitgenossen mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Beatrice Frey als Intrigantin spielt am überzeugendsten – und alle singen passabel.

Seltene Heiterkeit

Aber es fehlt die Begeisterung, wie sie etwa Franz Wittenbrink in Schauspielern zu entzünden vermag, wenn er sie verführt zu singen. Reinhild Blaschke hat immerhin ein wandlungsfähiges Bühnenbild entworfen, Anne Buffetrille Kostüme, die das Groteske, das die Inszenierung prägt, wirkungsvoll unterstützt: die Intrigantin etwa  trägt nicht nur einen Dutt, sondern gleich drei übereinander. Einmal fällt die kühne Konstruktion auseinander – gewollt oder ungewollt? Wenn es ein Unfall war, sollte man ihn künftig einbauen und aufnehmen: Das war einer der wenigen wirklich heiteren Momente.

Das Beste an der Inszenierung ist das Orchester im Treppenhaus: zwölf Musici unter Leitung von  Thomas Posth geben dem Pfeffer von Kurt Weill Klang, Rhythmus und Tempo. Es ist das reinste Vergnügen zuzuhören. Diese Qualität fehlt Kaisers Libretto in jeder Hinsicht.

Das Experiment, den "Silbersee" erneut aufzuführen, ist aller Ehren Wert – aber es ist gescheitert. Steckt den "Silbersee" in die Bibliothek, Abteilung "verstauben". Und wenn das Theater mal wieder gegen den Kapitalismus und die Bürger als Verbrecher zu Felde ziehen will, greift auf die bewährte "Dreigroschenoper" zurück. Die hat Zähne, und die trägt sie im Gesicht!

 

Der Silbersee
Ein Wintermärchen in drei Akten von Georg Kaiser mit Musik von Kurt Weill
Regie: Lars-Ole Walburg, Musikalische Leitung: Thomas Posth, Bühne: Reinhild Blaschke,   Kostüme: Anne Buffetrille, Video: Bert Zander, Dramaturgie: Volker Bürger.
Mit: Johanna Bantzer, Beatrice Frey, Susana Fernandes Genebra, Sachiko Hara, Henning Hartmann, Julia Alexandra Klotz, Dominik Maringer, Christoph Müller, Daniel Nerlich, Andreas Schlager, Sandro Tajouri, Martin Vischer und dem Orchester im Treppenhaus

www.staatstheater-hannover.de


Mehr zu Lars-Ole Walburg gibt es im nachtkritik-Lexikon.


Kritikenrundschau

Ein "Meisterwerk" ist "Silbersee" für Stefan Arndt von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (21.3.2011), der insbesondere die Musik von Kurt Weill als "produktive(n) Eklektizismus" und "einen anderen Weg in die Moderne" würdigt. Das "leistungsstarke, aber klein besetzte Orchester" in Hannover rücke zu oft "die Nähe des 'Dreigroschen'-Tingel-Tangel. Statt Klangzauber, den es hier durchaus zu entfalten gilt, gibt es dann historisierende Nachtklubsounds. Die große Qualität der Partitur bleibt aber selbst dann immer zu erahnen." Walburg habe das Stück "auf die Musik konzentriert" und lasse das Theater "leicht, lustig und ein bisschen frech" erscheinen. "Am Ende sieht der ganze kunstvoll arrangierte Abend so aus, als hätte Tim Burton einen Stummfilm gedreht. Das bedeutet vor allem: Er sieht sehr gut aus. Die politische Sprengkraft, die der 'Silbersee' mit seinem Aufruf zum Tyrannenmord 1933 gehabt haben mag, ist dabei nicht mehr zu erkennen. Aber wie es mit Meisterwerken eben so ist: Das macht nichts."

Deutlich negativer sieht das Michael Laages in der Sendung Kultur heute auf Deutschlandfunk (20.3.2011). Eine "krude Geschichte" hat der Kritiker an diesem Abend erlebt, in der "gehörige Mengen Expressionismus" steckten und alles "immer irgendwie eine Nummer zu groß und leicht überkandidelt" klinge, "Fallhöhen in die Ironie inklusive." Weills Musik biete "demgegenüber blankes Feuerwerk", "der Sound ist frech und frisch, er zitiert und travestiert". Der Kritiker rühmt das Orchester, während Walburgs Regie deutlich schlechter wegkommt, "vor allem deshalb, weil sie Kaisers eh schon ins Abstrakte driftenden Text mit immer neuen Verfremdungen auflädt, während ja zum Beispiel speziell die neue Armut heute ganz gut vorstellbar wäre auf der Bühne". Fazit: "Klarheit wäre nötig gewesen, um die Geschichte vom 'Silbersee' (jenseits von Kurt Weills Feuerwerkerkunst) von Neuem kenntlich werden zu lassen – Walburg in Hannover hat bloß neue Unklarheit zu bieten."

Auch Jörg Worat kann auf kreiszeitung.de (21.3.2011) dem Zugriff von Walburg wenig abgewinnen: Wieder einmal mache sich "eine Attitüde bemerkbar, die nicht nur in den eigenen Inszenierungen, sondern auch in vielen anderen seit Walburgs Amtsantritt zum Beginn der vergangenen Spielzeit durchscheint und die irgendwo im Spektrum zwischen Ironie und Zynismus einzuordnen ist. Jedenfalls gilt es offenbar um jeden Preis zu verhindern, dass der Besucher irgendwie ernsthaft angerührt werden könnte." Diese Ironisierung sei nun allerdings kaum notwendig bei einem Stoff, "der sich märchenhafter Motive bedient". Entsprechend werden die "Spielastik an sich" und der Hang zur "Clownsnummer", kritisiert. Lob erhält auch hier die Musik. "Böse gesagt, hätte es also eine CD-Aufnahme auch getan."

"Schon bei Kaiser war die Geschichte wie eine unreife Ananas, die nur durch Weills musikalischen Zucker, den letzten, den er 1933 in Deutschland komponierte, die nötige Bühnensüße verpasst bekam, damit man auf dem Theater so viel zeitaktuelle Moral verdauen konnte", schreibt Nicole Korzonnek in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.3.2011). Was uns das heute noch angehe? Walburg zeige "einfach nur das, was Kaiser damals schon zeigte, und sprenkelt höchstens ein wenig Situationskomik mit ein, die leidlich die Oberfläche aufhübscht. Seine singenden Schauspieler scheitern derweil mit dünnen Stimmchen an Weills Bitterzuckermusik und verrenken dabei rhythmisch ihre Körper." Viel Lärm um nichts also: "Am ausgestreckten Regisseursarm verhungern so Figuren und Publikum emotional: in einem immerhin minutiös durchchoreographierten Stück, das zwar nett anzuschauen, aber dergestalt uns Heutigen kaum mehr etwas zu sagen hat."

Anke Dürr schreibt in der Frankfurter Rundschau (29.3.2011) über die "gelungene Wiederentdeckung": Man ahne, "welche Wucht dieser Appell an die Menschlichkeit 1933 gehabt haben mag", als die Nazis das heute vergessene Stück im Februar 1933 nach wenigen Vorstellungen abgesetzt hätten. Die Musik von Kurt Weill stehe "dem Mackie-Messer-Sound" in nichts nach, die Moral dieses "Wintermärchens" sei ähnlich schlicht. Lars-Ole Walburg, der eine Übertragung ins Heute gar nicht erst versuche, habe dafür eine Bühnensprache gefunden habe, die es "voll zur Geltung kommen" lasse, ohne dass es "im Pathos versinkt". Er spiele mit "der Ästhetik des Stummfilms", die Darsteller agierten mit "Sinn für Humor", präsentierten "Slapstick- und Revue-Einlagen, ohne sich je über das Stück oder die Musik zu erheben". Ein Glücksfall sei auch das junge "Orchester im Treppenhaus“, das unter der Leitung von Thomas Posth eine abgespeckte Version der Originalpartitur spiele, "ohne dass der Sound je mager klingen würde".



 
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