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In der Ladenzeile der Verkommenheit

von Guido Rademachers

Bonn, 20. März 2011. Von diesem Wiener Wald ist gerade mal ein Baum übrig geblieben. Tanja von Oertzen krächzt darunter als spindeldürre "liebe Großmutter" Bösartigkeiten vor sich hin und lässt ansonsten keinen Zweifel daran, dass mit ihr hier der Tod persönlich vor Ort ist. Dahinter, nur von einem laut scheppernden Vorhang getrennt, verwahrlost eine Ladenpassage, wie sie in den 80er-Jahren fehlkonzipiert (und vor vier Jahren von Albrecht Hirche für seine Kölner "Geschichten aus dem Wiener Wald"-Inszenierung auch schon entdeckt) wurde.

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Feinripp und Gerippe. Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" in Bonn.        © Thilo Beu

Zwischen Metzgerei und Pornobar

In der Bonner Halle Beuel beginnt nun die Ladenzeile mit Oskars wegen totaler Verschmutzung eigentlich vom Gesundheitsamt sofort zu schließender Metzgerei. Kalbsköpfe in der Auslage, Kutteln im Angebot. Im Geschäft daneben herrscht Leerstand. Mangels Interessenten wird der Gewerberaum bühnenpraktischerweise allerdings auch zu privaten Wohnzwecken vermietet, so dass das der Enge entfliehende Paar Marianne und Alfred samt Baby hier die passende "äußerst preiswerte" Unterkunft inmitten ihrer alten Peiniger findet. Mariannes Vater stopft im angrenzenden Zauberladen seinen beachtlichen Wanst ins Feinripp-Unterhemd, und Alfreds Ex Valerie lässt sich  im Kiosk weiter daneben tief ins Dekolleté blicken. Im Stock darüber thront hinter verdunkelbaren Panoramascheiben das wahre Glück als Ware Glück: Hier befinden sich ein Spielsalon und eine Pornobar.

Große Freudenausbrüche gibt es deswegen nicht. Ohnehin sind es fast schon Puppen, die diese Ladenzeile der Verkommenheit bevölkern. Wie Inventar hängen sie reglos in ihren Läden herum oder treten vor die Tür, um sich wie Arne Lenk als Metzger Oskar mit einem Messer mechanisch die Haare vom blutig aufgerissenen Handrücken zu schaben. Eine fast ununterbrochene Musikberieselung zwischen Wiener Walzer und Pop begleitet sie. Den Standby-Modus verlassen sie erst, wenn die unmittelbare Bedrohung eines Dialogs nicht mehr abzuwenden ist. Doch auch dann tönt es eigenartig hohl.

Bariton mit hängendem Haupt

Die Fremdheit des Sprechens – in seiner "Gebrauchsanweisung" notierte Horváth: "Jedes Wort muss hochdeutsch gesprochen werden, allerdings so, wie jemand, der sonst nur Dialekt spricht."  – wird in der Inszenierung des Bonner Generalintendanten Klaus Weise zum Unangemessenen des Gesprochenen. Unverändert überträgt er die 1931 für ein kleinbürgerliches Milieu geschriebenen Dialoge auf ein heutiges Prekariat. Ein blondierter, in Springerstiefeln über die Bühne marschierender Neonazi (Birger Frehse) studiert "Arbeitsrecht" im dritten Semester und ruft ein unbekümmertes "Heil!" aus. Der in Jogginghose und Adiletten durch seinen Laden schlurfende "Zauberkönig" (Ralf Drexler) sorgt sich plötzlich um korrekte Kleidung für eine Messe.

Zwischen großem Prekariats-Setting und bravem Abarbeiten von Text und "Gebrauchsanweisung" entsteht so eine Kluft, die die Figuren abstürzen lässt. Die "naturnotwendig nur ganz wenigen" "realistisch zu bringenden Stellen" (Horváth) gönnt Weise fast ausschließlich Anastasia Gubareva als Marianne, die diese im Stil des klassischen Rollenfachs der jungen Liebenden zumeist zum Publikum hin emphatisch an der Rampe erledigt. An ihrer Seite scheitert beeindruckend ein ganz in Schwarz gekleideter, 80er-Jahre-Underground-Alfred, den Nico Link hängenden Hauptes mit melancholischem Bariton in endlosen inneren Resonanzräumen aushallen lässt.


Geschichten aus dem Wiener Wald
von Ödön von Horváth
Regie: Klaus Weise, Ausstattung und Video: Dorothea Wimmer, Dramaturgie: Christopher Hanf.
Mit: Anastasia Gubareva, Ralf Drexler, Nico Link, Nina Vodop'yanova, Arne Lenk, Günter Alt, Tatjana Pasztor, Tanja von Oertzen, Stefan Preiss, Birger Frehse, Florian Hänsel,  Louisa Zöllkau, Maria Deger

www.theater-bonn.de


Mehr zu Ödön von Horváth aktuell auf deutschsprachigen Bühnen? Anna Bergmann inszenierte soeben Die Unbekannte aus der Seine in München, Lisa Nielebock Kasimir und Karoline in Bochum.

Kritikenrundschau

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.3.2011) schreibt Andreas Rossmann: Dorothea Wimmer habe die "Stille Straße im achten Bezirk" in eine "heruntergekommene Ladenzeile der Achtziger-Jahre-Architektur verwandelt" und das Volksstück "in Richtung Gegenwart verschoben". Klaus Weises Inszenierung lasse einen "Menschenzoo des Prekariats" besichtigen. Mit Äußerlichkeiten versuche die Aufführung "Vertrautheit" zu vermitteln: die Figuren, zeitgenössisch kostümiert, kämen einem bekannt vor. Doch versuche die Aufführung "Horváth nicht nur näher heranzuholen", sondern auch per Skelett, Pornokino und Oralsex "nachzubessern". "Symbolische Bedeutungen und Skandalisierungen" kennzeichneten Weises Regie: "Wie sie Vorgänge paraphrasiert und zuspitzt, lenkt sie ab von der Sprache, einem Konglomerat aus Floskeln, Bildungsklischees und Ausdrucksnot", die Horváth zur "Demaskierung des Bewusstseins" montiert habe. Das Stück würde so "entwertet".

Auch Dietmar Kanthak im Bonner General-Anzeiger (22.3.2011) schreibt, Klaus Weise habe das Stück "an die Gegenwart herangeführt". Auf Dorothea Wimmers Bühne gebe es "viel zu sehen und zu entdecken". Leider handele es sich nicht nur für die Figuren, auch für die Zuschauer um ein "Unglücksspiel". Zwar verfolge man Weises "Deutung" mit "Interesse". Doch bleibe es sein Geheimnis, "welche Essenz er dem Stück abgewinnen wollte", sein "Bilderbogen" bleibe "disparat". Oft spräche das große Ensemble zudem "wie in Trance". Der "Blick ins schmuddelige Rotlicht-Milieu" habe keinen "poetischen Mehrwert". Herausgearbeitet würden die Schläge, die die Frauen einsteckten. Gubareva als Marianne habe "berührende lyrische Momente", leider "zu wenige". Alle zusammen spielten Wiener "white trash".

 
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