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Die Talente von morgen

von Elske Brault

Hamburg, 25. bis 27. März 2011. Auf der Bühne geht nichts mehr, wenn Laura Linnenbaum von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt/Main ihre Fassung des Erfolgsromans "Schlafes Bruder" beginnt. Die Bühne nämlich ist so vollgestellt mit Lautsprechern und einem Keyboard, dass die beiden Darsteller ausweichen müssen auf den Zuschauerraum. Da scheinen sie anfangs einer von uns zu sein, Besucher wie wir: Sie kichern, prusten, amüsieren sich darüber, dass auf der Bühne nur Nebelschwaden wallen und im Übrigen nichts passiert.

Leider zerstört der hohe Ton von Robert Schneiders ehemaligem Bestseller nur allzu rasch die schöne Illusion, und damit ist das Beste dieser Vorstellung nach fünf Minuten vorbei. Was nun folgt, ist die bekannte Weise von Liebe und Tod des Musikgenies Elias Alder – angesiedelt in der engen, beschränkten Welt einer Dorfgemeinde. Bäuerliche Idylle trifft auf Bestseller-Plot, der Größenwahn eines Nietzsche steigt auf aus Fliegenpilz und Tollkirsche, doch das grelle Bühnenlicht offenbart kein Seelendrama, sondern bloß das hohle Pathos des im neoromantischen Stil aufgeblasenen Textes. Unfreiwillig zeigt Linnenbaums ironiefreie Inszenierung, welch inhaltsschwache Schwarten das Lesepublikum vor 20 Jahren begeistert haben.

Virtuos vielstimmiges Streichquartett

Dabei demonstriert eine andere Inszenierung des 8. Körber-Studios, der Hamburger Talenteplattform für Regie-Studenten, dass sich auch aus einem simplen Text viel machen lässt – und mit denselben Lautsprechern. In "Der Tod und das Mädchen" füllen sie erneut die Bühne, jedoch so, dass die drei Schauspieler auf ihnen balancieren oder sich zwischen den Lautsprechertürmen verstecken können. Und sie sind nicht nur Dekoration, aus ihnen tönt jene vierte Stimme, die den Abend zu einem Streichquartett macht.

Die beiden Männer nämlich sind zu Beginn verschanzt hinter Mikrophonen links und rechts der Bühne, sie legen knisternde alte Platten auf, traktieren Sektgläser mit dem Geigenbogen, steigern das Rauschen eines Transistorradios zu ohrenbetäubendem Lärm. Kurz, sie quälen die Zuschauer mit Geräuschen, so wie das zwischen den Lautsprechern umher irrende Folteropfer Paulina wochenlang gequält wurde mit Schuberts Quartett "Der Tod und das Mädchen", zu dessen Klängen ihr Peiniger sie rhythmisch vergewaltigt hat. Die beiden Männer flüstern oder kommandieren durch die Mikrophone, gnadenlos nutzen sie die Macht des Verstärkers.

Komplizen eines monströsen Geschehens

Während Ariel Dorfmans Well-Made-Play eher geheimnislos-plakativ erzählt, wie das Opfer seinem Peiniger zehn Jahre später erneut begegnet, wie Paulina ihren Ehemann zu überzeugen sucht, dass sein Essensgast Roberto eben jener Vergewaltiger ist, entsteht hier ein Konzert der Stimmen: Mal scheint Roberto das unschuldige Opfer von Paulinas Rachsucht, mal wirkt der auf seine Karriere bedachte Ehemann wie der heimliche Regisseur eines Horrors, der womöglich gar nicht real stattgefunden hat, sondern mit dem er in bester Hitchcock-Manier seine Frau in den Selbstmord treiben will.

Die Gewichte von Schuld und Sünde verschieben sich ständig, zugleich entwickelt die Inszenierung einen Sog, der den Zuschauer in die Geilheit des Täters wie in die Hilflosigkeit des Opfers gleichermaßen emotional einbezieht – aber wer ist hier überhaupt was? Indem Regisseur Till Wyler von Ballmoos (Hochschule August Everding, München) und seine drei hervorragenden Darsteller die alltägliche Gewalt in unseren Gesprächen und Beziehungen vor Ohren führen, werden wir zu Komplizen eines monströsen Geschehens, das wir andernfalls nur von außen betrachtet hätten.

Dokumentartheater über das Sterben

Ähnlich musikalisch hat Gernot Grünewald von der Gastgeberhochschule, der Hamburger Theaterakademie, sein Dokumentartheater über das Sterben in Szene gesetzt: mit Samples und Loops und einem Jazz-Bassisten (Daniel Sapir) am Bühnenrand. Seine drei Schauspieler haben über Wochen jeweils einen todkranken Menschen befragt, im Hospiz, im Altersheim, in der Einzimmerwohnung. Aus den Gesprächen und Eindrücken, die sie von diesen Besuchen mitbrachten, hat Grünewald einen erstaunlich tröstlichen Theaterabend komponiert. "Dreileben" handelt nämlich nicht nur von den häufig banalen Umständen des Sterbens, vom künstlichen Darmausgang der Krebskranken etwa, sondern erzählt auch jene drei Lebensgeschichten, die nun auf der Bühne zu Ende gehen, mit live produzierten Tonschleifen: heftigem Atmen, markerschütterndem Raucherhusten oder der Wiederholung der Mahlzeitenfolge im Altersheim.

So persönliche, so drastische Arbeiten will man von jungen Theater-Revoluzzern sehen – wobei Grünewald und Ballmoos beide über dreißig sind und bereits einen Studienabschluss in der Tasche haben, Grünewald als Schauspieler, Ballmoos als Cellist.

Von Vasen und Vexierspielen

Genau wie ihnen gelingt es dem erst 25jährigen Jens Bluhm vom Max-Reinhardt-Seminar Wien, den Theaterbetrieb selbst zu hinterfragen. Seine Textcollage reiht, anfangs scheinbar wahllos, den Vortrag eines Tierstimmenforschers, Reflexionen über das Verhältnis von Kunst zu Wirklichkeit, die Beziehungskrise eines Teenager-Pärchens und die Beobachtungen einer alten Frau am Fenster aneinander. Doch indem die drei begnadeten Schauspielstudenten beim Rollenwechsel stets als Schauspieler sichtbar bleiben und ihre darstellerischen Mittel, ihr Handwerk mit ausstellen, wird das Ganze zu einem witzigen Diskurs über das Repräsentationstheater: Wie kann man auf der Bühne überhaupt noch Geschichten erzählen?

Die Gießener Studenten Alexander-Maximilian Giesche und Lea Letzel versuchen es gar nicht mehr, sie weichen in die Bildende Kunst aus. In "Record of Time" doppeln sie das Bühnengeschehen in einem auf die Bühnenrückwand projizierten Film, die stumme Handlung rast dahin wie in einer Verwechslungskomödie von Georges Feydeau: Tür auf, Tür zu, mal kommt der echte Performer klapp klapp trapp trapp auf die Bühne, mal lautlos sein Videodouble. Die Blumenvase, die der eine von hinten nach vor trägt, bringt der andere wieder zurück, bloß dass der zweidimensionale Filmmensch natürlich kein Requisit tatsächlich bewegen kann, während der reale Bühnenmensch Büste oder Blumenstrauß so vor dem Videobeamer platziert, dass der Schattenwurf die Filmprojektion verdeckt. Dieses hoch intelligente, atemlose Vexierspiel hätte vor zehn Jahren als Performance in einer Galerie stattfinden können, nun hat es das Theater erreicht. Um nicht zu erstarren, hat der Repertoirebetrieb solche Impulse dringend nötig.

 

8. Körber Studio Junge Regie I

Record of Time
Text/Regie: Alexander-Maximilian Giesche, Lea Letzel, Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen

Schlafes Bruder
nach Robert Schneider
Regie: Laura Linnenbaum, Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt

Der Tod und das Mädchen – ein Wiederhall
nach Ariel Dorfman
Regie: Till Wyler von Ballmoos, Bayerische Theaterakademie August Everding

In Euren Augen
Text/Regie: Jens Bluhm, Max-Reinhardt-Seminar Wien

Dreileben – ein Projekt übers Sterben
Regie: Gernot Grünewald, Theaterakademie Hamburg

www.koerber-stiftung.de
www.thalia-theater.de


Zum Abschlußbericht zum 8. Körber Studio Junge Regie 2011 von Elske Brault geht es hier.

 
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