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Ich bin der Stein in meinem Weg

von Andreas Klaeui

Zürich, 1. April 2011. Manchmal geht man als Kritiker ja durch die Durststrecken und verrichtet sein Tagewerk; und vielleicht hätte das Leben doch auch noch anderes bereitzuhalten gehabt. Und unversehens kommt dann wieder ein richtig toller Theaterabend, und alles ist gut. Wo anfangen? Bei der Bühne: Bettina Meyer. Sie hat ein Halbrund in den Pfauen gebaut, in dessen Zentrum nichts ist, ein offenes Loch. Das Ganze etwas viebrockisch heruntergekommen, freilich passen Tschechowsche Lethargie und Marthaler-Warteräume gut zusammen.

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© Matthias Horn

Hat schon jemand die Genealogie von fallsüchtigen Dämmermenschen und russischer Sehnsuchtsseele erforscht? Atemraubend sind die Verwandlungen in Barbara Freys Inszenierung: Geht es in den Garten des Guts Woinizewa, zaubert eine Discokugel Traumsterne in das Intérieur, dass es kaum zu glauben ist. Dann senkt sich in Originalspurweite ein Schienenstrang hinein. Er führt ins dunkle Nirgendwo, um sich draufzulegen, kommt er gerade recht. In erster Linie aber ist das Bild ein Amphitheater, eine Bühne für die Provinzposse der Langeweile auf diesem russischen Landgut, wo sich alle seit Ewigkeiten kennen, wo nie etwas passiert, wo die Alten in ihren Erinnerungen leben und die Jungen in ihrer Sehnsucht.

Anarchistisches Element in dösender Runde

Anna Petrowna – Friederike Wagner – fläzt sich auf den Stuhl und zieht ihre ennuiierte Show ab, im jahrelang eingespielten Team mit Trilezki, dem Arzt und spätadoleszenten Schürzenjäger (noch nie war Markus Scheumann so gut!), mit Glagoljew, der von früheren Zeiten träumt (ein grandioser Lambert Hamel, auch am Schluss, wenn er nach Paris abhaut und der Cancan schon in seine alten Knochen fährt), mit all den unumgänglichen Müßiggängern, Gläubigern und Parasiten, Pferdedieb und unverfrorene Haushälterin inklusive. Hinreißend schnell ist die Runde etabliert, und es ist kein hochglanzpolierter Esprit, der in ihr aufbricht, dafür viele alte Verletzungen und sorgfältig gepflegte Wunden, ein Rhizom der gut verflochtenen Aggressionen und liebevoll gezüchteten Peinlichkeiten.

Hierher hat es Platonow verschlagen. Er hat eine glänzende Zukunft hinter sich, er gab auf der Uni zu großen Hoffnungen Anlass, nach fünf Jahren ist er Dorfschullehrer in der Provinz. Aber der Vertreter der Staatsinstitution ist das anarchische Element in der dösenden Runde. Er bricht die Konventionen, er bricht die Herzen, die einen vergleichen ihn mit Hamlet, die andern mit Don Juan. Er konzentriert die Begehren, die Ängste und Begierden aller in seiner Person, und alle gehen an ihm zugrunde. Am Schluss geht er selbst zugrunde, niedergestreckt durch einen Pistolenschuss, doch das ändert wenig an dem Aufruhr, den er in seiner gelangweilten Umgebung angerichtet hat.

Pathologie des Liebeshungers 
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© Matthias Horn

Platonow ist nicht langweilig: "Ich bin der Stein in meinem Weg", sagt er von sich (im frischen Deutsch von Werner Buhss). Michael Maertens spielt Platonow, und er spielt ihn ganz ohne die zerzauste Verschnupftheit, die man an ihm kennt, ohne Manierismen – und es ist überhaupt frappant: alle, restlos alle wachsen über sich hinaus in dieser Inszenierung.

Maertens' Platonow ist ein Schwarzes Loch, ein Magnet der zerstörten Illusionen. Platonow selbst tut nichts, es kommt alles auf ihn zu, sei's im gestreckten Galopp wie bei Yvon Jansens Sofja Jegorowna. Es sind die Frauen, von denen in Tschechows Stück die Energie ausgeht. Aber in Platonows Person saugt sie sich auf, und es ist rasend gut, wie Maertens daraus eine Pathologie des Liebeshungers und des Liebesvakuums aufbaut.

Die Farce im Trauerspiel

"Platonow" ist ein schwieriges Stück, ausschweifend, sich Zeit lassend, in sich kreisend. Jede Inszenierung muss sich ihre Fassung zurechtstutzen – Barbara Frey hat gestrafft (etwas mehr als drei Stunden mit Pause dauert der Abend), und sie setzt Schwerpunkte: auf ein Gleichgewicht der Figuren, auf Nebenstränge, die "Kirschgarten"-Geschichte, die im Jugendwerk schon vorgespurt ist, auf das soziale Spektrum der Figuren. Es kommt so zwischenzeitlich zu einer Art Reigen der Zweierdialoge, der etwas kurzatmig wird – in seiner kreisenden Form aber auch wieder sehr genau das psychologische Geschehen abbildet.

Hauptsächlich aber gewichtet sie Anna Petrowna ganz klar als Gegenspielerin auf gleicher Höhe. Da rutscht dann sie ins Zentrum des Woinizewa-Theaters, er elliptisch an den Rand; immer wieder fällt klares Licht auf sie, er bleibt halb im Dunkel. Sie zeigt Stärke, und bewahrt Haltung über die Katastrophe hinaus. Er hat dafür schon lang die Farce im Trauerspiel erkannt. Erfüllung finden beide nicht.

 

Platonow
von Anton Tschechow
aus dem Russischen von Werner Buhss
Regie: Barbara Frey, Bühne: Bettina Meyer, Kostüme: Bettina Munzer, Licht: Rainer Küng, Dramaturgie: Thomas Jonigk. Mit: Friederike Wagner, Nicolas Rosat, Yvon Jansen, Lambert Hamel, Niklas Kohrt, Siggi Schwientek, Franziska Machens, Gottfried Breitfuß, Markus Scheumann, Klaus Brömmelmeier, Michael Maertens, Ursula Doll, Jan Bluthardt, Miriam Maertens.

www.schauspielhaus.ch


Alles über Barbara Frey auf nachtkritik.de im Lexikon.


Kritikenrundschau

"Platonow" sei "die tödliche Komödie der Egoisten, Frauen wie Männer", "umwunden von einem grellen Klebeband, auf dem nur ein Wort steht: 'Ich'", schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (online: 3.4.2011). Und "Barbara Frey ist unter den Regisseuren die große Leichtnehmerin. Also nimmt sie diese vielen Ichs einfach, aber genau beim Wort." Frey entdecke dabei "in Nebenfiguren herrliche Hauptsächlichkeiten, in Hauptfiguren aber tolle Nebenwelten". Das alles ergibt, folgt man den einlässlichen Schauspielerbeschreibungen des Kritikers, äußerst beeindruckendes Theater. Etwa im Falle des Titelfigur: "Michael Maertens, der Nervenüberspannungskomiker par excellence, zeigt vom ersten Auftritt an ganz leise und mit eleganter Unterdrückungslaune, dass er vor Ekel und Verzweiflung in dieser Wolfsgesellschaft eigentlich fast umkommt, aber aus seinem Ekel ein geradezu dandyhaftes Vergnügen macht. Er ist der exzessive Theatraliker seiner depressiven Leiden, die er in vollen Abscheuzügen genießt. 'Hau ab!' ist sein Generalbass. 'Bleib, hör zu!' seine Oberstimme. Ein alter Bub, der sich zwischen Frau und Frau nie entscheiden kann, im Wirbel dazwischen sich wund- und müdtanzt. Dann kommt der Schuss, dann das grüne Licht. Dann wird es dunkel im großen Gesellschaftsgrab. Aber ziemlich hell im Theater."

"Barbara Freys Regie verfolgt Tschechows Menschen mit hellwacher – und den Zuschauersaal sofort ansteckender – Neugier. Was aus ihnen herauswächst oder -bricht, entwickelt sich im gesellschaftlichen Brutkasten langsam, spannungsvoll oder abrupt und wirkt jeweils so lange urkomisch, bis es ins Unheimliche rutscht." So zollt auch Barbara Villiger Heilig in der Neuen Züricher Zeitung (4.4.2011) große Anerkennung für die Inszenierung und ihren Hauptdarsteller: "Michael Maertens schlenzt den Charismatiker mit überragender Nonchalance hin. Die Gesellschaft reagiert erst erleichtert, dann irritiert: Maertens balanciert die Figur auf schmalem Grat zwischen schlagfertigem Charme und aggressiver Boshaftigkeit". Sein Platonow folge der Devise "Wer nichts wagt, verliert nichts". Bis es ihn am Ende eben doch sein Leben kostet: "Wie Dienstmädchen-Schund endet sein Unglück, das einen Theaterabend lang sorgte für quicklebendiges Glück."

Ein "grausam schöner Abend" sei Barbara Frey mit diesem "Platonow" gelungen, befindet auch Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (5.4.2011). Die Regisseurin, die in Zürich "bislang übertrieben vorsichtig inszeniert hat", kitzele aus "Tschechows monströser Jugendsünde" alles, "was aus dem Panorama der destruktiven Langeweile eine Komödie macht". Auch Berger stellt Michael Maertens als die tragende Säule des Abends vor, er sei ein "nonchalanter Zyniker und grandios verzweifelter Spieler". "Das Konzept des eloquenten Steppen-Macho: Da im Kern ja jeder und vor allem die Frau ein bisschen maso ist, pack ich doch ganz einfach mal die Peitsche aus und platziere sie im Gemüt des Opfers." Um diesen "unberechenbaren Melancholiker" Platonow herum habe Frey "eine Etüde der angespannten Langeweile inszeniert. Immer mal wieder sieht es so aus, als dämmere das Personal weg, dann allerdings schießen dissonante Soli und aggressive Töne hoch."

An Inszenierungen von Christoph Marthaler fühlt sich Alexandra Kedves vom Tages-Anzeiger (4.4.2011) an diesem Abend erinnert. "Aus Humor wird Hohn, aus Finesse Fiesheit und aus intellektueller Freiheit Verzweiflung; aus marthalerschen Momenten pure puristische Barbara Frey at her best, am Puls von Tschechows stiller Masslosigkeit." Hervorgehoben wird das "Power-Paar" Platonow (Michael Maertens) und Anna (Friederike Wagner), zwei, die sich in "ihrer sarkastischen Orientierungslosigkeit" träfen. Wenn "Platonow und Anna die Façon verlieren, schwächelt die Inszenierung, deren Strenge genauso staunen macht wie die strenge Komik. Sie passt da nicht mehr recht zum souligen Soundtrack von Dusty Springfield, nicht zur Discokugel, die das 'Bahnhofsbistro' bisweilen mit eisig-weissen Splittern sprenkelt, und nicht zur entseelten nächtlichen Szenerie, in der zwei Schienen ins Nirgendwo davon erzählen, dass alles Strampeln ins Nichts führt. Die subtile Soiree ist ein Wahnsinnsabend und dort besonders stark, wo die Gestalten bloss den Stuhl wechseln und reden, schweigen, reden."

"Himmel, Erde, Hölle, hier sind sie aufs Beste vereint", jubelt Karin Fischer in der Sendung Kultur heute auf Deutschlandfunk (3.4.2011). Denn "Barbara Frey ist etwas großes gelungen: sie erzählt von Tschechows Drama wie von einer interstellaren Kollision mit zwei völlig verschiedenen Planeten, die alle anderen zu vernachlässigbaren, weit entfernten Sternen machen. Und sie erzählt von Seelenqualen ganz normaler Menschen." Und sie "tut es mit berückendem Personal".  Die Inszenierung sei dabei "kein Schauspiel, sondern eine Diagnose, sie zeigt kein Gesellschafts-, sondern ein Krankheitsbild. Sie betont an Tschechow dessen ärztlichen Blick und seziert aus seinem "Platonow" die moderne Volkskrankheit unserer Tage: Depression."

Barbara Frey habe "mit ihrem ausgeprägten Sinn für die Komplexität menschlicher Beziehungen" das Schauspielpotenzial in diesem Frühwerk von Tschechow erkannt und auch, dass es "kein Stück für Diven und Helden (ist), sondern viel eher eine Art Schnitzlerscher Reigen, der Menschen einander begegnen, eine Weile beisammen sein und sich alsbald wieder verlieren lässt." So schreibt Klara Obermüller in der Welt (5.4.2011) und mischt etwas Wasser in den Wein dieses Schauspielertheaters: "All dies glaubwürdig darzustellen, die Faszination wie die Bedeutungslosigkeit, erfordert höchste Schauspielkunst. Michael Maertens gelingt es leider nicht so recht, diese in sich zerrissene und zutiefst unglückliche Figur in ihrer Widersprüchlichkeit lebendig werden zu lassen. Sein Platonow bleibt seltsam blass, wie auch die Frauen (Friederike Wagner als Anna Petrowna, Yvon Jansen als Sofja Jegorowna und Ursula Doll als Ehefrau Sascha) farblos bleiben, die von ihm wenn schon nicht geliebt, so doch wenigstens flachgelegt werden möchten." Zu einer für die Kritikerin "homogenen und durchaus beachtlichen Ensembleleistung (Nicolas Rosat, Lambert Hamel, Siggi Schwientek, Gottfried Breitfuss)" tragen anscheinend eher die Nebenrollen bei. Durch sie "gelingt es der Zürcher Aufführung denn auch, dem Publikum eine Gesellschaft vor Augen zu führen, die in ihrer Sehnsucht nach Sinnerfahrung und Glück der unseren auf beklemmende Weise ähnlich sieht."



 
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