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Mord an israelisch-palästinensischem Theatermacher

4. April 2011. Juliano Mer-Chamis, Gründer und Leiter des Freedom Theatre in Jenin, ist tot. Wie u. a. das Nachrichtenportal der israelischen Tageszeitung Haaretz meldet, wurde der 53-Jährige Regisseur, Schauspieler und Theaterleiter am heutigen 4. April beim Verlassen des Freedom Theatres von maskierten Schützen mit fünf Schüssen ermordet (wie die Tagesschau auf ihrer Onlineseite am 5.4.2011 meldet, ist inzwischen ein Mitglied der Hamas als Tatverdächtiger festgenommen worden). Das Freedom Theatre liegt im Flüchtlingslager von Jenin im Westjordanland.

Juliano Mer-Chamis wurde als Sohn von Saliba Chamis, einem christlichen Palästinenser und prominenten Mitglied der Kommunistischen Partei Israels, und der israelischen Schauspielerin Arna Mer in Nazareth geboren. Seine jüdische Mutter setzte sich als Aktivistin für die Rechte der Palästinenser ein und arbeitete vor der zweiten Intifada im Stone Theatre in Jenin mit Kindern und Jugendlichen, bis Theater und Lager 2002 von der israelischen Armee zerstört wurden. Über die Theaterarbeit seiner Mutter und das Schicksal der Jugendlichen hat Mer-Chamis den Dokumentarfilm "Arna's Children" gedreht.

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Juliano Mer-Chamis (1958–2011)
© Theater Heidelberg

In Israel wie international erarbeitete sich Mer-Chamis seinen Ruf zunächst als Theater- und Filmschauspieler. 2006 eröffnete er gemeinsam mit Zakariya Zubeidi, einem früheren Anführer der Al-Aqsa Märtyrer Brigaden, das Freedom Theatre in Jenin. Das Theater war in der Vergangenheit zwei Mal das Opfer von Brandanschlägen. Zubeidi hat unterschiedlichen Medien gegenüber die Vermutung geäußert, Mer-Chamis sei das Opfer interner palästinensischer Machtkämpfe geworden. Für seine Arbeit wurde Mer-Chamis in der Vergangenheit immer wieder bedroht und angefeindet.

Auf einer Deutschland-Tournee im Herbst 2009 gastierten der Theaterleiter und seine jugendlichen Schauspieler mit der Inszenierung Fragments of Palestine im zwinger1 des Heidelberger Theaters und an der Berliner Schaubühne, 2010 im Spinnwerk des Centraltheaters Leipzig. Mit Juliano Mer-Khamis verliere "das internationale, der Verständigung der Kulturen und dabei speziell einer palästinensischen Identität verpflichtete Theater einen seiner engagiertesten Vertreter", so der Leipziger Intendant Sebastian Hartmann in einer Erklärung. Auch das Heidelberger Theater trauert um Mer-Chamis: "Das Freedom Theatre war ein Ort des künstlerischen Ausdrucks und damit der Selbstbefreiung für junge palästinensische Schauspieler in den besetzten Gebieten. Es bestand aus einer Schauspielschule, einem Filmworkshop und einem Kulturzentrum."

Für die Berliner Schaubühne sagt Intendant Thomas Ostermeier: "Dieser sinnlose Tod lässt alle, die Juliano, sein Engagement und seine Unerschrockenheit kannten, mit großer Bestürzung und Trauer zurück. Mein ganzes Mitgefühl gilt seiner Familie und seinen Mitarbeitern vom Freedom Theatre. Die Schaubühne wird weiterhin versuchen, mit den befreundeten Theatermachern der besetzten Gebiete zu kooperieren und somit der Kultur als Dialog in dieser Region eine Chance zu geben. Die Nachricht von Julianos Tod erreichte uns inmitten der Planung eines Workshops: Mit meinem 'Hamlet'-Ensemble und den Schauspielern und Mitarbeitern des Freedom Theatre wollte ich in Jenin arbeiten." Im Gedenken an Juliano Mer Khamis zeigt die Schaubühne am Freitag, 8. April sowie am Sonntag, 10. April 2011 im Anschluss an die Vorstellung von Dritte Generation den Dokumentarfilm "Arna's Children".

"Es gibt radikale Menschen wie Juliano, die mit ihrem eigenen Körper als Brücke über den Schluchten des Hasses dienen," zitiert das Portal des Senders ntv den israelischen Regisseur Amos Gitai, in dessen Antikriegsfilm "Kippur" Mer-Chamis im Jahr 2000 eine Hauptrolle spielte.

 

(Haaretz.com / Theater Heidelberg / Schaubühne Berlin / chr)

 
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