Blau leuchtet das Oval

von Andreas Wilink

Köln, 13. Oktober 2007. Acht Stunden sind kein Tag. Diese Rechnung bezieht sich auf die Maloche und die Zeit, die danach noch bleibt. Rainer Werner Fassbinders Fernsehserie schmuggelte in den siebziger Jahren in die Familienunterhaltung mit Hilfe des WDR in Köln sozialkritische Konterbande: "Acht Stunden sind kein Tag" entstand 1972. Ein Jahr später ereignete sich ein massiver Streik im Ford-Werk, Köln-Niehl. Türkischen "Gastarbeitern" war die Kündigung ausgesprochen worden, nachdem sie verspätet (dabei aber entschuldigt) aus dem Urlaub zurückgekehrt waren.

Das "Türkenproblem", so die Bild-Zeitung damals, wurde mit polizeilichen Mitteln gelöst, der Arbeitskampf unterdrückt, die Solidarität innerhalb der Arbeiterschaft war wohl eher eine schöne Illusion. Das gesunde Volksempfinden machte sich in seinem täglich erscheinenden Zentralorgan Luft: "Gastarbeiter kommt von Gast. Ein Gast, der sich schlecht beträgt, gehört vor die Tür gesetzt." Wo kommen wir denn da sonst auch hin.

Kühnels ambulantes Imperium

Blau leuchtet das Oval des Ford-Emblems mit der cremigen Schrift. Ein Kölner Markenzeichen seit 1931. Mit etwa 28.000 Beschäftigten ist der Autohersteller bis heute einer der größten Arbeitgeber am Ort. Der Vater des Unternehmens, Henry Ford, hatte 1928, drei Jahre vor Eröffnung seines deutschen Betriebs mitten im Urwald des Amazonas die künstliche Stadt "Fordlandia" gebaut, wie Fitzcarraldo einst sein Dschungel-Opernhaus. Ein ambulantes Imperium "Fordlandia" installieren nun in der wieder eröffneten Halle Kalk des Schauspiels Köln, wo Karin Beier ihre erste Spielzeit dem Thema Fremdheit und Migration widmet, der Performer, Zeitgeist-Philosoph und Alleinunterhalter Jürgen Kuttner sowie der Theatermacher Tom Kühnel.

Ihre – laut Untertitel – "Fließbandproduktion" funktioniert als eine Art Fortsetzung von Chaplins Film "Modern Times", der ebenfalls aus den dreißiger Jahren stammt: Klassenkampf und soziale Revolte mit den Mitteln der Komödie. Kuttner & Kühnel dokumentieren, collagieren, referieren und fingieren, lippensynchron zu Originalaufnahmen aus den 60er und 70er Jahren von der Kölner Ford-Produktion, von Streiks und anderen Geschichten aus der Produktion, doppelt und dreifach gebrochen. Ein Fünfer-Ensemble maskiert sich mit Perücken und falschen Bärten, als seien Klone der Kölners Günter Wallraff neuerlich als Türke Ali von ganz unten unterwegs.

Kuttners kapitalistisches Kabuki

Zunächst wird eine Familiensaga als Soap erzählt: Henry Fords Sterbestunde und das unwillig abgetretene Erbe und Vermächtnis an Henry Ford II., seinen Enkel. Für den Auto-Magnaten (eine putzige puritanisch grauköpfige Puppe in der Hand von Puppenmutter Suse Wächter) spenden Lack, Öl und Gas betörenden Duft, ist der Rhythmus der Maschinen Musik. Dementsprechend treten bald Showgirls auf und bilden eine Chorus Line vor den Silhouetten alter Automobile oder dem schnittigen Ford Mustang.

Tom Kühnel dreht hübsch unaufwändig am Rad, sein Bühnenbildner Jo Schramm bringt Bewegung ins Spiel, indem er an einem mechanischem Laufband unter der Decke Kulissen aufhängt und mit wenigen, aber bezeichnenden Requisiten eine Hütte in Anatolien, ein Wohnheim für ausländische Arbeitskräfte oder ein Proleten-Wohnzimmer im Stil der Fussbroichs einschweben lässt. Kuttner montiert Szenen aus dem sozialen Reservat zur Relevanz-Revue, in der er gern selbst den Ton angibt und historische Linien zieht ("Aus dem Arbeitsmann wird der Ballermann") bis zum aktuellen kapitalistischen Kabuki, made in Japan.

Dann doch lieber Akkord

In sketchartigen Situationen beobachten wir scheiternde Integrationsmaßnahmen, kurios gedeutete Mentalitätsunterschiede zwischen West- und Südeuropäern, diverse Management-Konzepte und im Nachhinein nahezu idyllisch wirkende Arbeitslebens-Beschreibungen aus der guten alten Zeit der Bundesrepublik, als Helmut Schmidt noch unser Kanzler und Eugen Loderer IG Metall-Chef war, wir alle brav was "auf die hohe Kante" legten, tatsächlich noch Karl Marx als Gespenst in Europa umging und der US-Manager Lee Iacocca seinen Beststeller "Talking Straight" schrieb. Ein 15-minütiger Monolog, in dem Dagmar Sachse atemlos unter Druck und hysterisch überschnappend die Chronik des Streiks von '73 rekapituliert, verzögert grimmig das Finale: eine Tortur.

Dann doch lieber Akkord, denkt man. Denn der Abend zieht sich ziemlich und folgt ästhetisch-nostalgisch der Sendung "Der Siebte Sinn", die einst freitags in der ARD dem Bürger pädagogisch wertvolle Tipps gab. Karin Beier, die sich vorgenommen hatte, in ihrer ersten Saison ohne einen Wittenbrink-Abend auszukommen, mogelt sich durch die Hintertür von der anderen Rheinseite her (wo Kalk liegt) etwas Ähnliches ins Repertoire, mit Freddy, Heintje und den Puhdies: einen Unterhaltungsabend, dürftig und bisslos im Konzept, ganz lustig in der Durchführung. Fassbinder war damals schon weiter.

 

Fordlandia  – Eine Fließbandproduktion
von Tom Kühnel / Jürgen Kuttner
Regie: Tom Kühnel; Bühne: Jo Schramm; Kostüme: Ulrike Gutbrod; Puppen: Suse Wächter.
Mit: Baki Davrak, Jürgen Kuttner, Dagmar Sachse, Hilmi Sözer, Suse Wächter.

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

Christian Bos hält im Kölner Stadt-Anzeiger (15.10.2007) "Fordlandia" für einen "Theaterabend, der auf ganz altmodische Weise belehren und unterhalten will." Er mache Spaß – nicht zuletzt wegen der "ganz erstaunlichen Puppen" Suse Wächters. "Allein", so meint er, die Doku-Szenen "bieten gegenüber dem Ausgangsmaterial kaum Erkenntnisgewinn", und insgesamt lasse einen die Aufführung unberührt.

Mit "Fordlandia" sei Kühnel und Kuttner – so meint Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (15.10.2007) – eine raffinierte Revue gelungen, die wie dazu geschaffen sei, "das Programm der Intendantin zu illustrieren: Sie will Deutschland so zeigen, wie es ist, und das heißt voller Menschen, die nicht so deutsch sind, wie es Nibelungengläubige glauben." Das "Integrationswunderland Deutschland" werde mit sanft-bissigem Humor vorgeführt, "die Vermählung von anatolischem und deutschem Kitsch und Schlager" sei zwingend.

 

 
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