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Und ewig lockt die Akustikgitarre

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 9. April 2011. Für einen Moment ist es ganz dunkel im Großen Haus des Braunschweiger Staatstheaters. Dann nämlich, wenn Medea den Koffer mit dem Goldenen Vlies öffnet, das wie eine hochgiftige Ladung Uran doppelt gesichert im Koffer und in einer eisernen Transportkiste liegt. In absoluter Dunkelheit erstrahlt ihr Gesicht in einem geheimnisvollen, gleißend-blauen Licht. Nur Sekunden später ist der Saal wieder hell und das dämonische Bild verschwunden, als wäre es nie da gewesen. Aber vielleicht – so denkt man – ist ja doch etwas dran an Medeas Zauberkräften, die in dieser nüchtern-sachlichen Inszenierung ansonsten ganz konsequent im Verborgenen oder eben eingesperrt in der Truhe bleiben.

Denn bis auf diesen einen Moment könnte der Abend von Regisseur Sebastian Schug auch auf einer Probebühne stattfinden. Medea spielt in Braunschweig ausschließlich auf der, zugegeben, ziemlich großen Vorbühne: einige Podeste, moderne Reisekoffer, schlichte Holzstühle und eine eiserne Transporttruhe. Das Saallicht bleibt an, wenn die Schauspieler zum Gruppenbild auftreten. Dann schnallt sich Sven Hönig als Amme sein Busenimitat fest, und die öffentliche Hauptprobe kann beginnen. Rechts und links stehen Stühle, wer gerade nicht spielt, wartet dort auf seinen Einsatz.

Wie Bonnie und Clyde

Ein bisschen beschleicht einen die Angst, dass es jetzt in dieser Anti-Theater Haltung zwei Stunden weitergeht, und nach den ersten zehn Minuten hat man es tatsächlich ziemlich satt, auf die Wand aus Podesten zu schauen, hinter denen im Dunkel die eigentlich riesige Braunschweiger Hauptbühne liegt. Doch es kommt anders. Denn so sehr sich die Inszenierung zu Beginn dem Illusionstheater verweigert, so eindringlich und nachvollziehbar erzählt sie ihre Geschichte, die aus den wohl klassischsten Theaterzutaten besteht: Liebe und Verrat.

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Medea, die Barbarentochter, die ihre Familie betrogen hat, um mit Jason samt Goldenem Vlies durchzubrennen, ist in Korinth gelandet. Und die Reise hat Spuren bei ihr hinterlassen. Wirklich verhauen sieht sie aus, die Haare ungepflegt und durcheinander, das Gewand ein zerschlissenes Glitzerkleid. Dazu kommt in Sandra Fehmers Interpretation die ständige emotionale Unruhe. Sie kann nirgendwo bleiben. Sie muss weiterziehen um zu leben – oder vor sich selbst zu fliehen. Sogar Jason, von Oliver Simon als ein des ewigen Abenteuers müder Mann gespielt, erschrickt manchmal vor dem, was aus seiner einstigen Geliebten geworden ist.

Dass die Leidenschaft echt war, und Jason nicht etwa aus purem Kalkül die attraktive Barbarentochter verführte, daran lassen beide Schauspieler keinen Zweifel. Etwa wenn es Medea in einem der Höhepunkte dieses Abends fast gelingt, Jason noch einmal zum Weiterziehen und zur Fortsetzung der "Bonnie und Clyde"-Story zu bewegen. Hier kommen sich beide in einer endlichen Umarmung auch körperlich nochmal ganz nahe, hier ahnt man die Vergangenheit, in der dieses Pärchen in der Tat unbesiegbar war.

Singer-Songwriter Kreusa gegen rockige Medea

Doch Jason hat sich verändert, und es gibt gewichtige Gründe, die ihn in Korinth halten. Einer der wichtigsten heißt Kreusa, die von Theresa Langer als genaues Gegenbild zu Medea gespielt wird. In einem weißen, unbefleckten Kleid gibt sie die vorgeblich Einfühlsamere, die es doch geschickt zu nutzen weiß, dass sie ihren Jason schon seit Kindertagen viel länger und viel besser kennt.

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Medea goes The Who - in Sebastian Schugs Braunschweiger Inszenierung des Grillparzer-Stoffes.
©Karl-Bernd Karwasz

Sie verkörpert eine Reinheit, die Medea fremd ist, und das muss diese besonders schmerzhaft erfahren, als Kreusa zur Gitarre greift. Denn mit ihrem klaren Gesang schafft sie es wie der Rattenfänger zu Hameln, dass ganz Korinth und sogar ihr Manager-Papa Kreon (Tobias Beyer) hinter der Podest-Wand hervorgekrochen kommen und ihr buchstäblich zu Füssen liegen. So etwas ist Rockstar Medea fremd, und wie sie die eigene Unfähigkeit, sich anzupassen, erkennt und einsieht, dass sie in dieser Gesellschaft niemals zu Hause sein wird, gehört zu den schmerzlichsten Momenten dieses Abends.

Bitte mehr Innenwelt

Die Geschichte mit dem Kindermord bleibt dagegen seltsam unwirklich. Die Kinder sind in Braunschweig keine Puppen oder junge Statisten, sondern zwei erwachsene Schauspieler (David Kosel und Henning Nöhren), die nebenbei auch noch auf dem Klavier vor der Bühne Musik produzieren. Sie schlagen sich wacker, wenn sie sich mit Mama Medea und Papa Jason auf dem Boden wälzen und von besseren Tagen träumen, aber kindliche Unschuld sieht dann doch ein bisschen anders aus.

Und auch der Abschied von Medea ("Korinth, das war's") bleibt seltsam zurückgenommen. Natürlich: Die Zeiten, in denen auf der Bühne große Gefühle durch große Gesten transportiert werden mussten, sind zum Glück lange vorbei, aber dieser ruhige und gefasste Jason hat immerhin gerade seine Kinder und seine Jugendliebe verloren: Irgendeine Emotion, irgendeine Spur seiner Innenwelt wäre da durchaus zu erwarten gewesen!

Und so wünscht man sich gerade wegen der äußerst gelungenen Momente auch im übertragenen Sinne, dass diese Produktion die Vorbühne ein bisschen häufiger verlassen hätte: Bei diesem Stoff wäre auf der im Dunkeln liegenden Hauptbühne noch einiges mehr drin gewesen.


Medea
von Franz Grillparzer
Inszenierung: Sebastian Schug, Bühne: Christian Kiehl, Kostüme: Nico Zielke, Musik: Johannes Winde, Dramaturgie: Katrin Breschke.
Mit: Tobias Beyer, Sandra Fehmer, Sven Hönig, David Kosel, Theresa Langer, Henning Nöhren, Oliver Simon.

www.staatstheater-braunschweig.de

 

Kritikenrundschau

Die "aufwühlendste Szene" des Abends ist für Florian Arnold von der Braunschweiger Zeitung (11.4.2011) diejenige, in der die Söhne Medea verleugnen, "da stößt die Zurückgewiesene einen wilden Schrei der Verzweiflung aus". Die Stärke der Inszenierung sei, "dass sie die abgrundtiefe Tragik, die sich im Medea-Mythos konzentriert, nicht forciert nach außen ausagiert. Sondern sie unterschwellig um so stärker spürbar werden lässt im feinfühligen, konzentrierten Zusammenspiel der Figuren, aus dem sich wie von selbst starke Charakterstudien ergeben". Insgesamt herrsche hier eine "Reduktion aufs Wesentliche" vor. Dem Ensemble gelinge es, "der grandiosen, aber auch sperrigen Sprache" Grillparzers "das Stilisierte zu nehmen, sie ganz natürlich zu sprechen". Sandra Fehmer lobt der Kritiker für ihre "beeindruckend geschlossene Charakterstudie der Medea als düster-leidgestählte Entfremdete".

 
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