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Schatzischmatz sucht die Revolution

von Elske Brault

Hamburg, 9. April 2011. Faust hatte nur zwei Seelen in der Brust. Der arme Wicht. Wo doch heute jedes Kind weiß, dass man seine Persönlichkeitsaktien auf verschiedenen Banken anlegen muss.

Stellvertretend für die verschiedenen Facetten der postmodernen multiplen Persönlichkeit stehen drei Schauspieler auf der Kleinen Bühne des Thalia-Theaters Hamburg, doch der Stücktitel deutet bereits an, dass es auch viel mehr sein könnten. Zu Beginn wollen die drei springen – von einem Hochhaus oder auch nur von jenem Dreimeterbrett, das Element of Crime besingen in "Jetzt musst du springen". Unsere drei springen nicht. Sie beginnen ihr Leben, ihren Identitätsentwurf noch mal von vorn. Diesmal wollen sie alles richtig machen.

Ohne Routineflecken

Rafael Stachowiak, Daniel Lommatzsch und Nadja Schönfeldt sind zwar in Wahrheit ein wenig älter als jene Mittzwanziger, die sie verkörpern und auf die das Stück gemünzt ist. Aber sie sind innerhalb des Thalia-Ensembles der Nachwuchs, und insofern stimmt's dann wieder: Erste Liebe, erste Karriereschritte lassen sich eben überzeugender spielen, wenn die Darsteller tatsächlich am Beginn stehen und die Liebe zum Theater noch nicht die ersten Routineflecken bekommen hat.

Auch im Bühnenbild ist noch alles möglich. Schrank, Tisch und Stühle, Waschmaschine und Kühlkombination sind weiß gestrichen: weiß wie das Papier, auf das Autor Jonas Hassem Khemiri sein Stück schreibt. Seine Figuren sind sowohl drei Facetten eines Ichs als auch Versuchskaninchen, die er spielerisch mal diese, mal jene Fortführung der Handlung probieren lässt: "Jetzt spiel das doch mal so!" Wir sehen dabei zu, wie ein Drama im Kopf des Autors entsteht.

Ausbruch aus dem Kosenamenkosmos

Allzu viel Dramatisches passiert darin nicht. Computergrafiker Arthur mit Überbiss und Abzeichen-großer schwarzer Hornbrille verspricht für kurze Zeit das zuckrige Glück trauter Zweisamkeit, mit Kosenamen wie "Schnüffilein" oder "Schatzischmatzikatziputtelchen". Dann will das dreifache Ich aber doch lieber auf Weltreise gehen und politische Poesie schreiben: "The revolution is the constitution for the people's evolution." Und da die Kreativität so offenkundig nicht zur Schriftstellerkarriere reicht, landet unser hoffnungsvoller Identitätsentwurf in einer handwerklichen Ausbildung zur Dentalhygienikerin.

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Das wäre alles etwas aufregender und nicht gar so aus dem Lexikon der Jugendprobleme daherbuchstabiert, wenn Regisseurin Susanne Schwarz sich getraut hätte, eigene Ideen hinzuzusetzen. Angesichts all der Schlager, der Hochglanzbilder, der Konsumfetische und Lustversprechen, die uns tagtäglich verführen, wirkt die konzentrierte Präsentation des Textes vor weißem Bühnenhintergrund unangemessen steril. In solch einer Umgebung kann ein junger Mensch zur Nonne werden, aber nicht zum zerrissenen, von Drogenexperimenten und revolutionärem Impetus durchgeschleuderten Ich-Sucher.

Nicht auf der Höhe des postmodernen Lustprinzips

So ist es am Ende weder überraschend noch schade, dass die beiden Karriere-Ichs (Schönfeldt und Stachowiak) nach einem erfolgreichen Auftritt beim Mundpflege-Kongress das lustbetonte, kleinkindliche Es-Ich (Lommatzsch) in die Wüste schicken wollen. Weg mit Weltverbesserungsanspruch und radikaler Gefühlsbetontheit, irgendwann muss der Mensch sich eingliedern und Höflichkeit lernen.

Bei den jüngeren Zuschauern traf diese Parabel den Nerv, sie fühlten sich verstanden und gut unterhalten. Wer jedoch seinen Faust kennt und dessen simples Schwanken zwischen Lust und Moral, Selbstverwirklichungsanspruch und gesellschaftlichem Regelwerk, der vermisst auf der Bühne ein Stück sozialer Evolution.

Zwar ist mangels allgemein verbindlicher Moralstruktur ein ungewöhnlicher Identitätsentwurf nicht länger ein Ritt auf dem Hexenbesen, aber dieser Mangel an Abenteuer hat zugleich sein Gutes: Die Beliebigkeit der Postmoderne  verschafft gefahrlos große persönliche Freiheit, hohen privaten Genuss. Davon war wenig zu sehen: Das dreigespaltene Ich wirkt zumindest in dieser Inszenierung von "Wir sind Hundert" beim Design der eigenen Identität so angestrengt und überfordert, dass man sofort den RTL-Charakterberater vorbeischicken möchte.


Wir sind Hundert
von Jonas Hassen Khemiri
Deutsche Erstaufführung, aus dem Schwedischen von Jana Hallberg
Regie: Susanne Schwarz, Bühne und Kostüme: Ilka Meier, Dramaturgie: Beate Heine,
Mit Daniel Lommatzsch, Nadja Schönfeldt, Rafael Stachowiak.

www.thalia-theater.de



 
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