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Dein schwarzer Wüstenblick

von Otto Paul Burkhardt

Tübingen, 9. April 2011. Nichts ist so alt wie ein topaktuelles Zeitstück von gestern. Es sei denn, es hat eben mehr Substanz und Leuchtkraft als eine nur theatralisch aufbereitete Nachricht. Anne Habermehls "Letztes Territorium", 2008 in der Gaußstraße des Hamburger Thalia Theaters uraufgeführt, ist so ein Text, bei dem sich ein zweiter Blick lohnt. Regisseur Martin Kreidt lässt die 34 Kurzszenen am Landestheater Tübingen bis auf marginale Kürzungen streng nach dem Textoriginal spielen – ohne Requisiten, auf leerer schwarzer Bühne. So streicht er heraus, dass dieses vermeintlich nur aktuelle Stück über den afrikanischen Bootsflüchtling Mehdi, der sich bei einer Familie in Stuttgart einquartiert, auch als abstrakter Laborversuch lesbar ist, als archaische Geschichte, als antike Tragödie.

Häuslebauer statt wilder Krieger

Alle benutzen einander – diese Message des Textes klingt bei Kreidt unaufdringlich in jeder einzelnen Szene durch. So entsteht kein erwartbares, wohlfeiles Flüchtlingsrührstück, sondern eine genau konstruierte, ernüchternde Momentaufnahme irgendwo zwischen globalem Elend und privatem Leid.

Der algerische Flüchtling Mehdi, der da auf einer Kanareninsel aus dem Wasser kriecht und sich schnell mit dem 16-jährigen Moritz aus einer all-inclusive-urlaubenden Stuttgarter Scheidungsfamilie anfreundet, entpuppt sich bei Patrick Schnicke bald als kühler, pragmatischer Typ. Als einer, der Geld fordert, um zu überleben. Als gelernter Ingenieur, der nicht auf ewig Gucci-Taschen in Marseille verkaufen will ("zuviel Immigranten"), sondern sich nach oben orientiert und sich möglichst schnell als bekennend spießiger Häuslebauer integrieren will. Kein Wunder, dass sich Mehdi-Darsteller Patrick Schnicke zu Beginn der Inszenierung mit schwarzer Farbe das Gesicht zuschminkt und böse mit den Stereotypen des europäischen Blicks spielt – als leibhaftiges Afrika-Klischee, als schwarz angemalter wilder Krieger.

"Das war nicht ich, das war Afrika"

Moritz, dem Raúl Semmler eine hellwache, leicht entflammbare, existenzielle Neugier mitgibt, missversteht Mehdi als vielversprechende Alternative zu kaputtem Elternhaus und nerviger Schule, als Lebens-Freund, demzuliebe er sein Konto plündert. Als die Mutter dies entdeckt, verteidigt sich Moritz vehement: "Das war nicht ich, das war Afrika." Dass gerade Moritz am Ende ausrastet und einen schwarzen Dealer ersticht, zeigt, dass Habermehls Stück eher Fragen aufwirft, als allseits beliebte Antworten zu geben.

Moritz' Eltern sind derweil vollauf mit Selbstverwirklichung beschäftigt. Vater Gerard, den Martin Maria Eschenbach mit Brille und Bart als coolen, abgefeimten Topjournalisten skizziert, taxiert Mehdi abschätzig als "ganz schön fett dafür, dass du aus Afrika kommst" und begutachtet ihn wie ein Pferd ("hast du Narben"?). Dieser Gerard sieht in Mehdi nur ein Modellobjekt für eine seiner gut verkäuflichen Seite-Eins-Geschichten und gibt ihm Tipps zur besseren Selbstvermarktung: "Dein schwarzer Wüstenblick, das ist dein Kapital."

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Mutter Nathalie, bei Britta Hübel ein heftig zwischen Träumerei und Enttäuschung schwankendes Wesen, überzieht Mehdi mit weiteren, erotisch aufgeladenen Projektionen, wünscht ihn sich (vergeblich) als Revolutionär und Folteropfer. Gleichzeitig empfindet sie Mehdi als lebenden Vorwurf: "Dein Scheißalgerien – du siehst mich an, als wär ich das gewesen." Bis sie Moritz' leergeräumtes Sparkonto entdeckt und den illegalen Flüchtling Mehdi an die Polizei verrät.

Kantiges Anti-Rührstück

Die Kargheit der Inszenierung setzt immer wieder symbolischen Mehrwert frei. So verschwindet der mittellose afrikanische Flüchtling Mehdi manchmal ganz unter dem schwarzen Spielpodium – auf dem dann das europäische Gutverdiener-Paar sein Beziehungs-Leid diskutiert: Eher nebenbei lässt so die Regie Oben-Unten-Strukturen aufscheinen. Im Grunde hat Kreidt in Tübingen (gespielt wird in der kleinen Spielstätte LTT-oben) ein Kunststück abgeliefert: Er beweist, dass Habermehls Stück viele Seiten hat – es leuchtet globale Probleme im Privaten aus, wirft ein Licht auf die Flüchtlingsproblematik, entlarvt den Rassismus auch Gutmeinender und kommt zuweilen als kantiges Anti-Rührstück daher.

Sehenswert auch das LTT-Ensemble: Leise, genau, knapp, verdichtet, trocken, unlarmoyant, mit absolut sparsam dosierter Emotionalität und ohne aufgeregt behaupteten Dramatik-Tonfall – so oszilliert Kreidts Inszenierung zwischen Familienhölle und Weltelend. Die Familie, heißt es irgendwann bei Habermehl, sei nichts anderes als "ein Klumpen von Leuten, die es sich nicht ausgesucht haben". Ein Satz, der sich in seiner skeptischen Lakonik auch auf das Miteinander von Europäern und Immigranten übertragen ließe.

 

Letztes Territorium
von Anne Habermehl
Regie: Martin Kreidt, Dramaturgie: Volker Schubert, Kaspar Peters, Ausstattung: Ulrich Frommhold.
Mit: Britta Hübel, Raúl Semmler, Patrick Schnicke, Martin Maria Eschenbach.

www.landestheater-tuebingen.de

 

Zuerst fiel Anne Habermehls Letztes Territorium 2008 auf dem Stückemarkt des Berliner Theatertreffens auf, wo es mit dem Werkauftrag belohnt wurde. Außerdem wurde es im selben Jahr bei den Autorentheatertagen in Hamburg vorgestellt, wo bereits Corinna Sommerhäuser die Werkstattinszenierung arrangierte. Sommerhäusers Uraufführung am Hamburger Thalia Theater wurde dann auch noch zum Jungregie-Festival Radikal Jung nach München eingeladen.

 

Kritikenrundschau

Der Bühnenraum präsentiere sich "wie ein schwarzes Loch, von dem aus den Protagonisten alsbald die bisher vertraute Welt um die Ohren fliegt", schreibt das Schwäbische Tagblatt (11.4.2011). An der Inszenierung frappiere, "dass die Konstellationen der Figuren im Bühnenraum verstörender wirken, als die mitunter holzschnittartigen Sätze, die sie äußern". Weil die flachen Bankreihen fürs Publikum "in vertrackter Beziehung zum zentralen Podest angeordnet sind, entsteht der Eindruck, als befänden sich die Zuschauer mit im Geschehen – als Beobachter, die nicht eingreifen werden". Habermehls Text allerdings verlasse nur selten "die Ebene eines zugespitzten Realismus".

Mit dem "Letzten Territorium" spreche das LTT "das allzeit aktuelle, allerdings auch allzeit wenig beliebte Flüchtlingsthema an", so Kathrin Kipp in der Südwest Presse (11.4.2011). Habermehls Text bewege sich "irgendwo zwischen schwarzer Satire und Betroffenheitsdrama" und spiele "diesen nach wie vor von rassistischen Ressentiments durchzogenen emotionalen Wust durch, indem sie das diffuse Fremde einmal ganz konkret und unvermittelt in unser trautes Heim hereinbrechen lässt". Da sei "alles drin: Flüchtlingsproblematik, Familiendrama, Heimatlosigkeit und Individualismus" plus zwischendurch immer wieder mal ein "schlauer Spruch". Martin Kreidts Inszenierung wirke "anfangs eher wie ein relativ spontan zusammenimprovisiertes Schultheaterstück: die holzschnittigen Charaktere verlieren sich in ihren Zustand, klagen wütend vor sich hin, werfen ihre plakativen Ansagen heftig in den Raum", die Schauspieler agierten jedenfalls "alles andere als filigran psychologisch. Allmählich entwickelt diese schnittmusterhafte, reduzierte Machart aber ihren ganz eigenen Reiz."

 


 
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