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Die Marx Brothers in Rom

von Michael Laages

Kiel, 9./10. April 2011. Gut – am Schreibtisch in der Dramaturgie und selbst noch in den Ankündigungen des Theaters nahm sich die Idee ja verlockend aus: eines der seltener gespielten Dramen aus Shakespeares reichem Fundus nicht nur neu (und natürlich auch ganz toll jung, frisch und superfrech undsoweiter) interpretieren, sondern es quasi auch "überschreiben" zu lassen, der neuen Les-Art obendrein noch eine neue Schreib-Art hinzuzufügen. Und weil ja der mit derlei Shakespeare-Überschreibungen seit geraumer Zeit recht erfolgreiche Autor Feridun Zaimoglu in Kiel zu Hause ist, hat ihn das sonst eher selten auffällige Theater der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt für den doppelten Cäsar mit ins Boot geholt. Der "Julius Cäsar"-Inszenierung von Marc Lunghuß fügten also Zaimoglu und Ko-Autor Günter Senkel "ihr" Kaisermörderdrama hinzu.

Und gegen die Idee vom doppelten Blick auf den reichlich fremden Stoff ist auch nicht viel einzuwenden; mal abgesehen davon, dass sich die zwingende Notwendigkeit der Beschäftigung mit gerade diesem Stoff nie recht einstellen mag an den beiden Theaterabenden. Dramatisch gescheitert ist das Kieler Projekt nicht an der Idee – sondern an zwei Inszenierungen; einer schwachen und einer, die jeder Beschreibung spottet.

Ein Stammtisch gehörnter Gatten

Anne Sophie Domenz, Absolventin der Hamburger Theaterakademie, nahm sich den neuen Cäsar-Text von Zaimoglu und Senkel vor; und setzte deren Grund-Motiven zunächst zumindest eine kluge Idee entgegen. Zaimoglu und Senkel behaupten, dass sich die Verschwörer gegen den großen Julius weniger dessen bevorstehender Krönung zum Diktator auf Lebenszeit wegen zusammen finden, sondern weil der Potentat die eigene Unfruchtbarkeit (ihm will kein Nachkomme gelingen) durch allgemeines Rumgevögel mit den Gattinnen der römischen Nomenklatura auszugleichen sucht; kein Bund aufrechter Republikaner, sondern eine Art Stammtisch gehörnter Gatten macht sich auf, den Kaiser zu ermorden.

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Domenz ihrerseits kontert diese Zaimoglu-und-Senkel-Idee dadurch, dass sie das Männer-Stück von einem Frauen-Chor spielen lässt, in dem es nur bedingt zu festen Rollen-Zumessungen kommt. Die strukturstiftende Idee mag kraftvoll sein – sie führt aber in der Folge zu nichts weiterem.

Melonen-Massaker

Quälend lange Minuten verschenkt die Regisseurin gleich zu Beginn mit monotonem Heavy-Rock aus den 70er Jahren, wozu mit Gegenlicht und in luftiger Portalhöhe die fünf Römer-Ladies kaum erkennbar, aber mit reichlich Spritzerei ins Publikum eine Melone massakrieren. Huch, wie modern! Später hüllt sie die Bühne quasi abendfüllend in dichten Nebel – und dazu sagen die Damen sehr ordentlich und konzentriert den neuen, eher brockigen Cäsar-Text auf; Sprach-Regie hat in dieser eher überschaubaren Aufführung (eine Stunde lang) eher am Rande statt gefunden.

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Römer-Ladies bei A. S. Domenz © Olaf Struck

Neuere Erkenntnisse über Mann und Frau einerseits und andererseits Macht und Gegenmacht sind darüber hinaus auch aus diesem neuen "Cäsar" nicht zu ziehen; und es bleibt geheim, ob das mit dem kompletten Stück von Zaimoglu und Senkel drin gewesen wäre. Die Hälfte vom Text soll im Papierkorb gelandet sein. Es ist nicht auszuschließen, dass es dafür gute Gründe gab.

Grinse-Bild von Berlusconi

Wie groß wohl der Prozentsatz von originalem Schlegel-Shakespeare gewesen sein mag am Premierenabend zuvor, in der "Fassung", die der Regisseur Marc Lunghuß vom Cäsar-Stoff kreierte? Das wäre vielleicht eine halbwegs interessante Frage – aber dann auch die einzige in einer Inszenierung, die eine blanke Frechheit ist und sonst gar nichts. Wenn je in jüngerer Zeit ein Regisseur zu dokumentieren versuchte, dass ihn Stoff und Thema nicht die Bohne interessierten, dann dieser hier mit diesem Text.

Schon die erste Bild-Idee knallt zwar ins Auge, führt jedoch gedanklich in die Irre: Nachdem uns halbgare Halligalli-Discomucke auf die Theatersessel begleitet hat, füllt die Bühnen-Rückwand ein Grinse-Bild von Silvio Berlusconi. Aha. Dezenter Buh-Protest im Saal – wobei nicht auszumachen ist, ob die Kieler nun eher den italienischen Condottiere nicht mögen oder die Vermutung nicht goutieren, dass in der Folge womöglich zu zeitgenössischem Tyrannenmord aufgerufen werden könnte auf der Bühne.

Keine Sorge, liebe Kieler!

Keine Sorge, liebe Kieler! Was sich da an Verschwörungs-Potenzial versammelt, ist eine Ulk-Nummer nach der anderen – Brutus, Cassius und Konsorten tragen Toga zu schwarzen Halbschuhen und Strümpfen mit Sockenhaltern, und sie verbergen im wallenden Weiß schamhaft Lorbeerkränze, die sie sich so gern aufs Haupt setzen würden. Erst schwuchteln sie eine Weile vor sich hin, dann spielen Brutus und Cassius ohne tieferen Grund (und ohne die nötige Perfektion) die berühmte Spiegel-Szene von Chico und Harpo Marx nach, in der immer einer den anderen nachmacht, halt ganz so, als wäre zwischen ihnen ein Spiegel. Hübsch, aber sinnlos.

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Zebrastreifen bei Marc Lunghuß © Olaf Struck

Es kommt aber viel schlimmer: Später zwängen sich die Verschwörer in vollkommen alberne Zebra-Kostüme. Keine Ahnung, warum. Wenn sie Cäsar gemeuchelt haben, verlieren sie bekanntlich die immerhin denkbare Zustimmung des einfachen Volkes (das hier "Ich bin doch nicht blöd!"-Fähnchen schwenkt), weil Mark Anton die berühmte Demagogen-Rede an Cäsars Grab hält; danach zieht er hier übrigens – heilige Einfalt! – aus dem Sarg ein Maschinengewehr hervor. Auf der Flucht vor Mark Antons Truppen wandelt sich die Aufrührer-Clique zum Fähnlein Fieselschweif und bleibt auch als solches bis zum Ende in der Schlacht von Philippi eine Bande von Blödianen.

Cäsars Geist

Dankbar wird registriert, dass sich die Regie für den Auftritt von Cäsars Geist überhaupt nichts hat einfallen lassen. Dafür kommt Cäsar selber ansonsten in dieser Aufführung gar nicht vor. Geist reicht. Im übrigen liest eine Wahrsagerin die Zukunft aus dem Plutarch, Shakespeares Quelle, und auf dem Einband (in den ersten Reihen gut zu sehen) prangt der Ausleihe-Aufkleber der Kieler Uni-Bibliothek.

Reicht's? Noch lange nicht. Ab und an kommt ein Jung-Darsteller, in goldenen Strümpfen und gleichfarbigem Sporthöschen, mit Brille und Gold-Haar, herein gerannt und tut so, als sei er hier der Regisseur – der unter anderem entscheidet, dass Messer für den Tyrannenmord zu banal seien; stattdessen müssen die bedauernswerten Darsteller nun so tun, als würden sie erst Cäsar (und später sich selber) mit den Turmspitzen kleiner Kirchenmodelle aus Pappmaché erdolchen. Wie gut, dass der Kölner Dom zwei Türme hat – da geht's schneller.

Unfassbar, das Ganze. Das Kieler Publikum immerhin hat sich entschieden, diesen dämlichen Schmarren, dieses Gaga-Gewurschtel aus dem "Quatsch Comedy Club" irgendwie ulkig zu finden. Na gut.

 

Julius Cäsar
von William Shakespeare
Fassung von Marc Lunghuß
Regie: Marc Lunghuß, Bühne: Martin Dolnik, Kostüme: Jennifer Thiel, Dramaturgie: Jens Paulsen.
Mit: Marko Gebbert, Zacharias Preen, Imanuel Humm, Felix Zimmer, Christian Kämpfer, Roman Hemetsberger, Almuth Schmidt, Siegfried Jacobs und anderen.

Julius Cäsar (UA)
von Feridun Zaimoglu / Günter Senkel nach William Shakespeare
Regie: Anne Sophie Domenz, Bühne: Saska Senge, Kostüme: Anne Sophie Domenz, Dramaturgie: Marcus Grube.
Mit: Isabel Baumert, Katrin Bethke, Jennifer Böhm, Ellen Dorn, Claudia Friebel.

www.theater-kiel.de

 

Noch mehr Julius Cäsar? Bei Ivo van Hove war das Stück nur ein Teil der Römischen Tragödien, die vor drei Jahren bei den Wiener Festwochen aufgeführt wurden. Das Gastspiel der New Yorker "Aquila Theatre Company" brachten mit "Julius Caesar" anlässlich des Shakespeare-Festivals einen Hauch von Globe Theatre nach Neuss. Und in der Open-air-Arena der Volksbühne rauschten im Sommer 2009 die Brecht'schen Geschäfte des Herrn Julius Cäsar, in der Regie von Silvia Rieger, an den Zuschauern vorbei.

 

Kritikenrundschau

"Frech und dazu klamaukig-komisch bringt Marc Lunghuß das Stück auf die Bühne", schreibt Herdis Hiller auf shz.de (12.4.2011). Shakespeares Tragödie werde zu einer "Mischung aus Asterix-Comic und Monty-Python-Film mit Verweisen auf Kino, Politik und Werbung. Das Ergebnis sind "Brot und Spiele" - schräg und überzogen, aber durchaus witzig." Die Freude der Schauspieler, "die sich hier mal so richtig austoben können", sei "ansteckend".  Anders sei es bei der zweiten Inszenierung von Anne Sophie Domenz. "Hier steckt nichts an: Die Sprache (...) ist zu kryptisch und die Inszenierung zu anstrengend, als dass der gemeine Theaterbesucher folgen könnte - und wollte".

 
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