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Ego-Implosionen

von Steffen Becker

München, 14. April 2011. Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Es ist kein Zufall, dass diese Frage zum geflügelten Wort der Populärphilosophie wurde. Drei Inszenierungen, Gastpiele aus Belgrad, Brüssel und London, des Festivals Radikal jung am Münchner Volkstheater, zu dem erstmals auch junge ausländische Regisseure eingeladen sind,  beschäftigen sich mit dem Phänomen unklarer Persönlichkeiten.

Gott is a DJ, inszeniert von Miloš Lolic, Belgrad

In der Belgrader Fassung des Stücks "God is a DJ" von Falk Richter stellt Miloš Lolic einen "Er" (Nikola Vujovic) und eine "Sie" (Vladislava Djordjevic) gegenüber. Das Medienprekariat bastelt am Durchbruch/Comeback, indem es seinen Beziehungsalltag für ein Kunstprojekt abfilmt und ihn durch bedeutungsschwangere Sätze aufmotzt. Oder durch Konflikte. Oder durch Aussetzer. Hauptsache, es passiert immer etwas, das im Rahmen des Erwartbaren überrascht. Die Inszenierung setzt dabei nicht auf visuelle Effekte. Statt Videoleinwand muss ein roter Vorhang reichen und einige Ikeatüten, aus denen Er und Sie sich ihre Outfits für die nächste Rolle klauben. Dieser Kostümwechsel funktioniert als ausdrucksstarkes Bild für die Remix-Charaktere, die sie verkörpern. Dem Zuschauer bleibt zunächst unklar, ob es persönlich erlebte Geschichten sind, die sie zelebrieren oder solche, die sie als "private" erfinden.

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"Er" rattert eine dieser Geschichte in einem Affenzahn herunter, das Auge tanzt zwischen Übertitel und Bühne, das Gehirn kommt nicht hinterher, genießt allenfalls den erstaunlich melodischen Sound des Schnellsprech-Serbisch. Das Festival-Handicap der Übersetzung gerät der Inszenierung aber zur Stärke. Sie erzeugt eine Unruhe ähnlich der beim Betrachten eines Videoclips. Zumal das Stück die gehetzte Atemlosigkeit der Existenzen von "Er" und "Sie" auf die Spitze treibt. Ihre Versuche, das Leben abzumischen, erzeugen immer stärkere Dissonanzen: Die Frau behauptet, schwanger zu sein und setzt das Kind als Waffe ein.

Westliche Popkultur ersehnen, Amerika hassen

In kürzer werdenden Abständen erklingt eine Warnsirene, Jugendliche stürmen die Bühne und tanzen zu 90er-Euro-Mucke wie "Rhythm is a dancer". Sie sehen dabei mit ihren DJ-Bobo-Bewegungen und den Gospel-Chor-Kostümen so trashig aus wie die Armenien-Kombos beim Eurovision Song Contest – und sind genauso ernsthaft bei der Sache. "Er" und "Sie" alias Vujovic und Djordjevic laufen dazu zur Hochform auf und verausgaben sich in verzweifelt ekstatischem Gehampel. Auf den ersten Blick ist das vor allem unterhaltsam. Mit den Musik-Einschüben weist die Inszenierung aber auch über das Stück hinaus.

In der Belgrader Fassung gewinnen die Euro-Dance-Stücke eine besondere Bedeutung. Sie waren in den 90ern der Sound zu den Balkankriegen – in einem Land, das sich nach westlicher Popkultur sehnte, aber Amerika hasste. Noch heute regiert in Serbien der "Turbofolk", eine Mischung aus deutschem Techno und serbischer Folklore. Wirkt die Musik auf den mitteleuropäischen Hörer wie ein Echo aus Schullandheim-Tagen, entwickelt sie in dieser Inszenierung eine verstörende Anziehungskraft.

Zum Schluss erklingt ein letztes Mal die Sirene. Die Jugendlichen stürmen, der Beat pocht, aber "Er" und "Sie" stehen nur noch da – ausgelaugt und fertig. Man schaut in ihre leeren Gesichter und hat Mitleid. Wenn Gott ein DJ sein soll, dann ist er in Wahrheit ein Teufel.

Fatherland, inszeniert von Caroline Steinbeis, London

Ohne Medieneinsatz und noch intimer geht es in "Fatherland" von Tom Holloway zu. Auf der kleinen Bühne des Volkstheaters lässt die Inszenierung des Gate Theater London die schäbige Idylle eines Hobbykellers entstehen – mit Weihnachtsbaum, Klapptisch, alten Kinderfotos. Und zwei Menschen, die sich nicht entscheiden können zwischen einer Existenz als Rumpffamilie und gegenseitiger Zerstörung.

Die Tochter bleibt im Eingang stehen, während der Vater Dominosteine aufbaut. Das Spiel mit den Steinen, die jederzeit umfallen können, reicht fast schon, um die kipplige Grundstimmung auszudrücken. Unter dem, was als typische Unterhaltung zwischen einem pubertierenden Teenager und ihrem Vater startet, läuft ein Subtext, der mit Händen zu greifen ist, in der Inszenierung von Caroline Steinbeis aber immer subtil bleibt. Der Vater setzt sich sehr nahe an seine Tochter, ein klingelndes Telefon friert die unterschwellig aggressive Unterhaltung ein.

Anziehung, Angst, Familienleben

Über allem liegt ein Befremden, ohne dass das eigentliche Thema sexueller Missbrauch so hervortritt, dass es den Blick auf die beiden Menschen verstellt. Das liegt einerseits daran, dass das Stück viele Fragen offen lässt, vor allem aber an der Leistung der Schauspieler. Angela Terence brilliert als Tochter. Man sieht ihr das Unbehagen im Umgang mit dem Vater an, aber es bleibt so kontrolliert, dass man es abnimmt, dass nur der Zuschauer es bemerken kann. Gleichzeitig überzeugt sie auch als Charakter, der für den geliebten Vater alles richtig machen will. Sowohl Anziehung wie Angst wirken beängstigend glaubhaft in einer Rolle, die zum Dick-Auftragen einlädt. Jonathan McGuinness überzeugt als Vater mit mühselig unterdrückter Aggression. Dabei wirkt er nicht monströs, er erregt das Mitleid desjenigen, der nicht die Kraft hat, der gute Vater zu sein, der er sein will.

Die Inszenierung steigert das Unbehagen noch durch surreale Elemente. Das Motorrad des Pizzaservice knallt durch die Bühnentapete, in den Trümmern deuten Lichtwechsel während einer Umarmung den Missbrauch an. Danach haben sich die Rollen vertauscht. Die Tochter hält einen Vortrag über Schokolade im Eis und beschmiert den am Boden liegenden Vater. Während sie sich verliert, fährt die Bühne zurück. Die Tochter schleppt sich in den Zwischenraum, schleift den Vater mit – zwei zerstörte Ichs mit nichts bei sich als kalte Pizzaschnitten.

Life:Reset von Fabrice Murgia, Brüssel

Wesentlich gemächlicher geht die Inszenierung von "Life:Reset" von Fabrice Murgia das Thema scheiternder Ich-Suche an. Das Stück ist eigentlich eine Kunstinstallation. Eine Frau schleppt sich in ihrer trostlosen Wohnung durch den Alltag – Kaffee trinken, duschen, das Bett machen. Bis auf eine Karaoke-Version von "The winner takes it all" von Abba wortlos. Die Bilder strahlen dabei die Melancholie von Edward-Hopper-Gemälden aus. Atmosphäre und Hintergrund-Sound wirken wie aus einem David-Lynch-Film. Wer eine Handlung erwartet, wird enttäuscht. Hat man sich aber erst mal auf das Setting eingelassen, genießt man die intensive Spannung der Szenen.

Als roter Faden von "Life:Reset" dient das unerfüllte Begehren der Frau – symbolisiert durch eine rote Lampe in ihrem Schlafzimmer und ein rotes Abendkleid, in dem sie den Abwasch macht. Eine Kamera sorgt ständig für eine zweite Perspektive per Video. Diese wechselt ins Virtuelle, wenn sich die Frau ins Internet begibt. Daraufhin bewegt sie sich auch im Real-Modus wie ein Avatar.

Für den Zuschauer hält "Life:Reset" viele Bezüge und Assoziationen bereit – und gibt ihm auch die Zeit, sie zu entdecken. Im Netz loggt sie sich etwa als Ondine ein – eine mythologische Figur, die erst eine Seele bekommt, wenn sie sich mit einem Menschen vermählt. Ein intensives Kunst-Erlebnis, nach dem man sich an seine Begleitung klammert, um sich zu versichern, nicht allein zu sein. Oder mit dem Gefühl geht, ganz schnell sich und jemand anderen finden zu müssen.



Gott ist ein DJ - Bog je di džej
von Falk Richter Gastspiel des Kleinen Theater "DuŠko Radovic" Belgrad
Regie: Miloš Lolić, Bühne: Jasmina Holbus, Kostüme: Maria Jelesijević, Musik/Choreographie: Luka Ivanović/Bojana Denić.
Mit: Nikola Vujović, Vladislava Djordjevic, Sofija Ivanović, Tamara Danojlić, Nemanja Stanković, Đorđe Kosić.

Life:Reset
Gastspiel des Théâtre National Brüssel
Regie: Fabrice Murgia Bühne: Vincent Lemaire, Kostüme: Sabrina Harri, Videoinstallation/Musik: Arié Van Egmond/Yannick Franck.
Mit: Olivia Carrére.

Fatherland
von Tom Holloway
Gastspiel des Gate Theatre London / ATC
Regie: Caroline Steinbeis, Ausstattung: Max Jones, Musik: Simon Slater.
Mit: Jonathan McGuinness, Angela Terence.

www.radikaljung.de

 

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Kritikenrundschau

"Die Produktion ist durchgeknallt und unverschämt", schreibt Egbert Tholl (Süddeutsche Zeitung, 16.4.2011) über das Gastspiel Verrücktes Blut. Der Abend sei "gnadenlos witzig, weil sie eine respektlose Natürlichkeit im Umgang mit Migrationsthemen zeigen, die im deutschen Stadttheater so wohl noch nicht möglich ist"; das treffe auch auf Arabqueen vom Berliner Heimathafen Neukölln zu. "Verrücktes Blut" sei dabei eine "infernalisch rasante Aufführung, die hart am Rand von Kitsch und Kabarett operiert" und "entlarvt nur jene Zuschauer, der glauben, Bescheid zu wissen über unsere Türken". "Arabqueen" dagegen sei "milder, aber nicht weniger lustig". Antú Romero Nunes' Peer Gynt vom Schauspiel Frankfurt operiere dagegen "mit einem enervierend eitlen Hauptdarsteller, der jede Behauptung sofort mit blöden Geschwätz zurücknimmt". Bastian Kraft erzähle "ganz brav und ohne jede Haltung zum Stoff Wildes Dorian Gray und lasse den tollen Darsteller Markus Meyer in einer "technisch allerdings stupenden Videoinstallation verschwinden. Alles reine Oberfläche." Viel souveräner dagegen Heike M. Goetzes "sprachgenaue Umsetzung von Frischs Roman Stiller". Ähnliches gelte für "Fatherland" von Caroline Steinbeis: "Sehr unwohl berührt und doch ein wenig fasziniert blickt man auf diese Vater-Tochter-Geschichte, bis sich die Darsteller buchstäblich das Herz rausreißen." Ein "technisches Faszinosum sei "Life: reset", aber im Kern bleibe es "eine magere Depro-Nummer über den Verlust des Ichs im Chat". Mit Falk Richters "Gott ist ein DJ" zeige Milos Lolic dagegen "eine wummernde Trash-Nummer voller Verzweiflung und wütender Selbstbehauptung".

Schnell, sehr schnell beginne Milo Lolic' Version von Falk Richters Stück "Gott ist ein DJ", schreibt Sabine Leucht (taz, 19.4.2011): "Ende der neunziger Jahre in Deutschland entstanden, ist Richters Stück der dereinst grassierenden Schockästhetik verpflichtet und (...) fast prophetisch: Ein Ex-DJ und eine Ex-TV-Quasselstrippe lassen ihre Wohnung kameraüberwachen und stellen in der Hoffnung auf künstlerische Anerkennung ihr Leben nach, das sie dabei mehr und mehr verfälschen." Dass der Abend aus einem Land mit noch frischer Kriegserinnerung komme, werde aber hier deutlich. Beim Festival für junge Regisseure war die Belgrader Produktion "eine der beherztesten und sicher die schrecklich-schönste". Auch Caroline Steinbeis' "Fatherland" habe "wunderbar funktioniert, solange sie allein den Darstellern vertraut". Wie Steinbeis "mit ihrer wie auch immer gelungenen Abkehr vom rein Psychologisch-Realistischen" genieße auch Murgia in seinem Land eine Sonderstellung: "Sein bild-, aktions- und technikaffines Theater kann mit der im wallonischen Teil Belgiens noch immer vorherrschenden Tradition der Comédie-Française kaum in Einklang gebracht werden." "Life: Reset" sei ein "mit großer formaler Strenge gestalteter Abend". Doch scheine der Regisseur und Autor des Abends dem alleine nicht zu trauen: "So bläut einem die Musik immer wieder Gefühle ein".

Gezielt fördere dieses Festival das Gespräch der Regisseure miteinander, schreibt K. Erik Franzen (Frankfurter Rundschau, 19.4.2011): "Über eine Woche lang wird noch nicht fest etablierten Spielleitern die Gelegenheit gegeben, ihre Arbeiten zu zeigen und ihre Kollegen kennenzulernen – vor teilweise großem Publikum. Und Preise gibt’s auch noch. Den Anspruch, hier jährlich neue 'Generationen' von Kunstschaffenden auszurufen, haben die Leiter des am Münchner Volkstheater verankerten Festivals nicht." Bastian Kraft etwa habe mit Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray einen Text inszeniert, "der noch heute schillert: wegen seines geistreichen Spiels mit Verschleierung, Entlarvung, Ironie, Abgrund". Die Suche nach dem radikalen Ich werde von Kraft "als vielschichtige Verfallsgeschichte eines Individuums erzählt, das sich in den Augen der anderen verliert". "Man mag das Setting als Design-Ästhetik abtun, die den Zuschauer doch ein wenig ermüdet. Aber Kraft hat gemäß der Vorlage eben dieses Spiel mit dem schönen Schein ins Zentrum gestellt." Fazit: "Was wir haben, und das hat das Festival eindrucksvoll gezeigt, sind Regisseure von heute, die sich ihr Material dort holen, wo sie Stoffe finden, die ihnen neue Spielräume eröffnen. Das muss kein Drama sein."

 
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