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Stolz auf die Schöpferkraft

von Ulrich Fischer

Lübeck, 15. April 2011. Niklaus Helbling siedelt seine "Amphitryon"-Inszenierung im Fiktiven an: das Bühnenbild mit viel Pappmaché und die Kostüme (Dirk Thiele/Luisa Beeli) wie die Musikzitate (Felix Huber) erinnern an Hollywood-Filme, die in Nordafrika spielen. Amphitryon wie Jupiter ähneln englischen Kolonialoffizieren, Sosias und Merkur sehen aus wie Sergeants.

Slapstick, Sahnetorten und Hollywood

Mitunter spielen die Darsteller episch, dann wieder fühlen sie sich ein, das Konzept ist uneinheitlich, unentschieden und wirft viele Fragen auf. Anlehnungen an Slapstick-Effekte, die bis zu den berühmten Sahnetorten reichen, die dem Gegner ins Gesicht geworfen und geschmiert werden, weisen darauf hin, dass Niklaus Helbling wohl vor allem der Komödie nachspüren will. Er traut Kleists Text wenig und fügt deshalb anachronistische Scherze hinzu – der Regisseur will unterhalten. Dabei geht aber das vielleicht wichtigste Element von Kleists Komödie verloren: Das Subtile.

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Für das Publikum wäre die Konzentration auf das Derb-Handfeste nicht nötig gewesen, es lacht auch bei Verwechslungen und der Suche der Figuren nach ihrem Ich. Helbling hätte ruhig auf die Intelligenz seiner Zuschauer setzen dürfen.

Am anfechtbarsten ist Helblings Entschluss, die Differenz zwischen Göttern und Menschen einzuebnen. Götz van Ooyen als Jupiter fehlt genauso Glanz wie Andreas Hutzel als Amphitryon. Die beiden wirken sehr alltäglich. Dadurch wird Alkmenes Erkenntnisprozess gegenstandslos. Sie gewinnt bei Kleist die Einsicht, wie ihr berühmtes "Ach" am Ende beweist, dass es einen Unterschied gibt zwischen ihrem Amphitryon, wie er ist, und dem, der er sein könnte – sein könnte, wenn er das Potential, das er in sich trägt, entfalten würde.

Spiel mit den Möglichkeiten

Kleist beschreibt den Unterschied zwischen Spießer und Gott vor allem, indem er (stolz als Künstler) auf die Schöpferkraft verweist. Götter können schaffen, Erdenmenschen bleiben dem Istzustand verhaftet. Aber es muss nicht so sein. Im dritten und letzten Akt, ehe sich Jupiter auf den Olymp zurückzieht, weist er noch einmal darauf hin, dass er mit Alkmene einen Jungen gezeugt hat. Es ist Herkules. Amphitryon zeugt gleichfalls einen Knaben, Iphikles, die beiden kommen als Zwillinge zur Welt. Während Herkules, der Halbgott, die Welt verändert, bleibt sein Bruder ein Kritikaster, der nichts bewegt – ein Stoff, den Peter Hacks aufgegriffen hat, um den Unterschied zwischen Revolutionär und Bourgeois zu kennzeichnen, ein Gedanke, der Kleists Gegensatz zwischen Menschen und Göttern aufgriff und weiterführte.

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© Thorsten Wulff

Diese Tiefe fehlt Helblings Inszenierung – das nimmt dem wacker spielenden Ensemble Möglichkeiten, nuanciert(er) zu spielen. Es bleibt häufig beim Typisieren – ganz stark bei Patrick Heppt als Merkur, aber auch bei Jörn Kolpe als Sosias. Götz van Ooyen darf als Jupiter nicht wirklich göttlich wirken, wenn er sich seiner Schöpferkraft rühmt, er ist mehr ein eitler Hahn, der mit seiner Manneskraft protzt; Andreas Hutzel spielt einen Amphitryon, der nie bemerkt, was er sein könnte, wenn er sich dem Vorbild, das Jupiter in seiner Verkleidung darstellt, annähern würde – dieser Amphitryon ist weit stumpfer als der, den Kleist entworfen hat. Anne Schramm skizziert Alkmene als Hollywood-Diva, aber bleibt doch arg hinter den großen Vorbildern zurück. Marlene Dietrich ist eine andere Klasse.

Ideal und Realität

Nur Susanne Höhne gelingt es, Sosias' Frau Charis einen überraschenden Charakterzug zu geben: die einfache Frau des Sergeanten verfolgt staunend, Anteil nehmend, fasziniert die Auseinandersetzungen zwischen Jupiter und Alkmene: So möchte sie auch geliebt werden. Sie begreift, welche Welt von Möglichkeiten sich eröffnen, wenn frau nicht im Sumpf der schlechten Realität stecken bleibt, den ihr Sosias verkörpert, sondern wenn man Idealen nachstrebt. Sie versprechen ein besseres Leben.

Veränderungen sind möglich. Kleists Humor, Kleists Komik, ein wesentlicher Bestandteil seiner Poetik, nicht nur im Drama, liegt darin begründet, dass der Junker zeigt, wie sehr wir diese Möglichkeit (immer wieder) verfehlen, ja, ihr blind gegenüberstehen. Die Spannung zwischen Ideal und Realität gibt dem Drama Dynamik, der Komik Heiterkeit, den Figuren Leben – dieses Erbe gibt Niklaus Helbling Preis für ein Linsengericht platter Lacher über flache Witzchen. Ach!


Amphitryon
von Heinrich von Kleist
Regie: Niklaus Helbling, Bühne, Kostüme: Dirk Thiele/Luisa Beeli, Musik, Sounds: Felix Huber, Dramaturgie: Peter Helling.
Mit: Patrick Heppt, Susanne Höhne, Andreas Hutzel, Jörn Kolpe, Götz van Ooyen, Anne Schramm.

www.theaterluebeck.de

 

Mehr zu Niklaus Helbling gibt es im nachtkritik-Archiv. Weitere "Amphitryon"-Inszenierungen der jüngsten Zeit: Julia Hölscher inszenierte das Stück im März 2011 in Potsdam, Simone Blattner im März 2010 am Berliner Ensemble. 

 

Kritikenrundschau

Niklaus Helbling halte sich mit den Fragen nach dem mythischen Überbau nicht auf und lege kühn die Seifenoper frei, schreibt Michael Berger in den Lübecker Nachrichten (18.4.2011). Seine Darsteller spielen mit großer Lust, allen voran Jörn Kolpe als Diener Sosias. Die Komik werde in der Inszenierung verstärkt von Geräuschen und Musik, die Handlung und Dialogen unterlegt sind - auch das ein Mittel des Kinos. "Es werde gemeinhin eingesetzt, damit auch in der letzten Reihe kein Gag verloren geht, da greift das Regie-Team etwas zu tief in die Tasche."

Warum Helbling ein Kolonial-Fort als Kulisse wähle, erschließe sich inhaltlich zwar nicht, "es passt jedoch stimmungsmäßig zu der dick aufgetragenden, operettenhaften Art der Darstellung", so Sabine Spatzek in den Kieler Nachrichten (19.4.2011). "Droht die Show ins Alberne zu kippen, überrascht Helbling immer gerade rechtzeitig mit der Rückkehr zum Identitäts- und Seelendrama." Dass diese etwas aberwitzige Achterbahnfahrt zwischen Kleist, Laurel & Hardy und Exotismus-Trash gut geht, verdanke sich auch den souverän agierenden Schauspielern.

Großes Wohlwollen gibts auch vom Autor/der Autorin mit dem Kürzel "Güz" in der Lübecker Stadtzeitung (19.4.2011): "Klassische Komödie an unsere Zeit herangeholt und als gemischtes Doppel lustvoll aufgemischt: Niklaus Helbling lässt Heinrich von Kleists 'Amphitryon' zum Vergnügen werden. Geschickt gerafft auf neunzig Minuten, prallen Götter- und Menschenwelt aufeinander." Helbling inszeniere ein Spiel der Täuschung und des Selbstbetrugs mit leichter Hand und klarem Blick für Charaktere und Situationen.

 
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