Big Brother mit Benutzeroberfläche

von Ralph Gambihler

Magdeburg, 14. Oktober 2007. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. So lautet eine alte Weisheit, die dem einen leicht über die Lippen geht, dem anderen nicht. Wenn man nun das Bild eines Überwachungsstaates sieht, das der kanadische Autor Tim Carlson in "Allwissen" entwirft, dann möchte man diesen Satz endgültig zu den allerdümmsten rechnen – einerseits.

Andererseits ist einem ja zum Beispiel George Orwells "1984" oder Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" präsent, wo in epischer Länge durchgekaut wird, was Carlson in Variation auf die Bühne bringt, und so wird der eigene Impuls gleich wieder ausgebremst. Haben wir das alles nicht längst gewusst? Und ist nicht auch die Wirklichkeit voller Anschauung? Hat es kein Salem gegeben? Keinen Senator McCarthy? Keine Stasi?

Ein tickendes Uhrwerk
Das ist die Grundsituation, in der sich der Zuschauer befindet. Insofern ist es überraschend, wie nachdrücklich dieses konventionell gebaute Dialogdrama, das nun am Schauspiel Magdeburg zur deutschsprachigen Erstaufführung kam (die Uraufführung war 2004 in Vancouver), seine Wirkung entfaltet. Es ist wie ein Uhrwerk, das sich selber aufzuziehen scheint und immer lauter tickt. Offenbar ist "Allwissen" mehr als ein neuerliches Lehrstück zu einem bekannten, wieder brisant gewordenen Thema.

Vier Figuren sind es, mit denen das Klima des Verdachts auf seine zersetzende Wirkung hin betrachtet wird. Warren ist der junge, begabte Journalist in der Rolle des Propagandisten (bestens besetzt mit Daniel Flieger). Als Filmredakteur hat er sich an "Channel One" verkauft, wobei der Name dieser TV-Station für eine von oben gesteuerte Medienmonokultur steht und nicht für einen unabhängigen Sender unter vielen. Warrens Aufgabe ist, auf gut deutsch gesagt, Kriegspropaganda, denn der namenlose Staat in diesem Stück kämpft gegen Aufständische im eigenen Territorium.

Warrens Freundin Lieutenant Anna (bisweilen dick auftragend: Katharina Brankatschk) hat in diesem Kampf mit der Waffe gedient. Ein kurzer Fronteinsatz bei der "Operation Offene Stadt" machte sie zur Veteranin. Mit Mitte Zwanzig ist sie traumatisiert, trunk- und tablettensüchtig. Warrens Personalbetreuerin Beth (von aasiger Freundlichkeit: Meike Fink) hat im wesentlichen Kontrolle und Druck auszuüben. Sie steht ihrerseits unter Druck durch George (als jovialer Hardliner überzeugend: René Schittay), dem Emissär einer unsichtbaren "Zentrale", der nach einem Terroranschlag ermittelt und zunehmend unangenehme Fragen stellt.

Deformation durch Desinformation
"Allwissen" ist unübersehbar eine Reaktion des Theaters auf die Beschneidung der Bürgerrechte, die der "Patriot Act" und der "Krieg gegen den Terror" nach 9/11 bedeutete. Gezeigt wird die Deformation von zwischenmenschlichen Beziehungen als Folge staatlicher Kontrolle und Desinformation. Gezeigt wird auch die Deformation einer von Interessen geleiteten Sprache. In den Dialogen wimmelt es nur so von aseptisch-abstrakten Bezeichnungen und Begriffen, die die wahren Vorgänge verschleiern. Eine berufliche Veränderung ist ein "Switch", die Stimmung lässt sich medikamentös "rekonfigurieren", ein Verhör wird zur "Evaluation". Dafür erhält das Wort "Klatsch" eine neue Bedeutung. Als Synonym für mutmaßliche Wahrheit macht vor allem Warren, der heimliche Wahrheitssucher auf der Spur eines toten Kollegen, davon Gebrauch.

Big Brother ist in der schnörkellosen und punktgenauen Inszenierung von Isabel Osthues ein Meister der Videokontrolle. Ständig flackern Überwachungsbilder über Flächen und Tücher, die Video-Produktion von Lilli Thalgott bietet hier reiches Anschauungsmaterial. Die Protagonisten verfügen über eigene Videoarchive mit sprachgesteuerten Benutzeroberflächen. Utopisch kommt einem das nicht mehr vor. Es sind ziemlich reale Bilder, die das Unbehagen erzeugen, das von dem Abend ausgeht. Für die Umzingelung des Menschen durch sich selbst haben der Autor und das Ensemble eine gültige Sprache gefunden.

 

Allwissen (DEA)
von Tim Carlson
aus dem Englischen von Barbara Christ
Regie: Isabel Osthues, Bühne und Kostüme: Sigi Colpe, Video: Lilli Thalgott.
Mit: Katharina Brankatschk, Meike Finck, Daniel Flieger, René Schwittay.

www.theater-magdeburg.de

 

Kritikenrundschau

Für Andreas Hillger von der Mitteldeutschen Zeitung (16.10.2007) hat man es bei dem Text von Tim Carlson mit einer "Fallstudie aus dem Zeitalter der Paranoia" zu tun. Und Regisseurin Isabel Osthues treibe mit ihrer Video-Produzentin Lilli Thalgott "immensen Aufwand, um den gegenwartsnahen Futurismus des Textes zu beglaubigen". Es sei "ein enges Korsett, in dem die vier Schauspieler agieren müssen – und indem sie sich dennoch Freiraum erkämpfen." Dabei präsentiere das Magdeburger Schauspiel zwei beeindruckende Neuzugänge: Daniel Flieger und Katharina Brankatschk. Ihr Spiel setze "eine menschliche Dimension gegen das sterile Bildgewitter und gibt im offenen Schluss Hoffnung."

 

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