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Shakespeares neue Welt

von Andreas Schnell

Bremen, 21. April 2011. Dass die ersten Vorstellungen der neuen Produktion der Bremer Shakespeare Company schon vor der Premiere ausverkauft waren, mag nicht zuletzt an der Örtlichkeit liegen, an der die Bremer Shakespeare Company den zweiten Teil von Lee Beagleys "Sturm"-Bearbeitungen zeigt: Der alte Wasserturm auf der Werderhalbinsel, vom Bremer Volksmund liebevoll die "umgedrehte Kommode" getauft, war bislang schließlich höchstens am Tag des Offenen Denkmals zu besichtigen. Nun also Theater. Und das beginnt schon vor dem Stück, denn den Spielraum betritt man über ein Gerüst. Das soll Assoziationen wecken an die Treppen, die zur Kabine einer Weltraumrakete führen.

Insel mit Ausblick

Oben angekommen, gruppiert sich das Publikum längs eines Laufstegs, an dessen Ende die Instrumente einer Band aufgebaut sind. Angekündigt ist "Shakespeares Pleasure Island" als "Cabaret-Cocktail", und dazu gehört natürlich Musik. Schon werden wir in eine Zukunft entführt, in der das 20. Jahrhundert so etwas ist wie für uns das finstere Mittelalter. Eine Zeit, in der alles weit barbarischer war und die Menschen beschlossen, eine neue Welt zu schaffen. Eine bessere natürlich.

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Wie schon bei Shakespeare wird dieses Projekt auf überschaubarem Raum durchexerziert. Die Insel, auf der Prospero seine Zauberkünste ausübt, ist zweigeteilt, die Menschen auf ihr natürlich auch. Da gibt es die Alpha-Typen und die Kategorie C – übrigens auch der Name einer politisch dubiosen Hooligan-Band aus Bremen. Und Fische kommen auch vor. Zwei Fische, die im nächsten Moment vergessen haben, was sie gerade gesagt haben. Der Abend beginnt sozusagen eher kleinteilig, das Assoziationsfeld ist weit. Und von Shakespeare ist zunächst auch nicht viel zu sehen.

Das Individuum und die Rädchen im Getriebe

Im weiteren Verlauf ändert sich zumindest das. Die Varieté-Form, in der sich hinreißende satirische Szenen mit Musikeinlagen abwechseln, erlaubt es auch, Motive des "Sturms" einzubauen. Allerdings fällt es innerhalb der zwei Stunden, die dieses Stück dauert, nicht immer leicht, den Überblick zu behalten. Zwar schält sich schon bald eine Botschaft heraus: ein Plädoyer für Individualität, und nicht zuletzt eine durchaus gewitzte Polemik gegen den grausamen Standpunkt, den Menschen vor allem auf seine Funktionalität für die Gesellschaft zu beurteilen.

Zurück zu den Fischen, zurück zur Kategorie C. Die einen werden in ihrem Ehrgeiz gezeigt, ihren Instinkt zu überwinden, nach mehr zu streben - "Stell dir vor, du könntest Sex genießen!" Die Menschen wiederum scheinen allzeit bestrebt, sich nur mehr als Rädchen im Getriebe einrichten zu wollen und ansonsten mit Hilfe von Drogen gezielt zu vergessen, was gewiss mit voller Absicht an Huxleys neue Welt erinnert. Hat natürlich mit der Kategorie C nichts zu tun, wobei fraglich ist, ob das nun eine weitere Anspielung in einem an Anspielungen alles andere als armen Stück ist, oder eher eine zufällige Namensgleichheit.

Musik, Spiel, Varieté

Womit wir bei der größten Schwäche des Abends wären: Zwar rechtfertigt der Varieté-Charakter die Aufsplitterung der Geschichte in eine Reihe von Nummern. Allerdings wird so etwas wie ein roter Faden durch das Stück nicht ganz klar, weshalb es sich am Ende in eine Reihe von Songs rettet, die nicht viel zum Verständnis beitragen.

Dass man sich den Abend aber trotz einiger Längen und Undeutlichkeiten gern ansieht, hat seinen Grund unter anderem in den vielen wunderbaren Einfällen, mit denen Beagley und die Schauspieler der Company, die allesamt gekonnt ihr komödiantisches und auch musikalisches Talent ausspielen, die kleinen Szenen mit wenigen Requisiten liebevoll ausmalen. Fliegende Hüte, eine Flugreise mit gestressten Managern, die Bekenntnisse einer Flugbegleiterin – das sind echte Perlen, wie sie das Publikum der Shakespeare Company gewohnt ist. Und von diesen kleinen Perlen gibt es auf "Shakespeares Pleasure Island" einige zu entdecken.



Shakespeares Pleasure Island
nach William Shakespeare
Spielfassung/Regie: Lee Beagley, Bühne/Kostüme: Heike Neugebauer, Musik: Andy Frizell.
Mit: Hannah Beagley, Andy Frizell, Gunnar Haberland, Tim D. Lee, Peter Lüchinger, Michael Meyer, Erik Roßbander, Markus Seuß, Janina Zamani.

www.shakespeare-company.com

 
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