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Finger in Europas Wunden

von Katja Schlonski

Heilbronn, 23. April 2011. Die Wutbürger tragen rote Mützen und wollen die Aristokraten an die Laternen hängen: "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit", diese Ideale der Französischen Revolution gelten als Gründungsmythen unserer neuzeitlichen Demokratie. Noch hat sie keiner ernsthaft in Frage gestellt. Doch das Wesen des Theaters ist es, Fragen zu stellen und das Glück des Theaters ist es, Fragen nicht immer beantworten zu müssen.

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© Thomas Frank / Fotostudio M42

Die Wucht der Worte

Wie wird gelebt, wie verteilt, wie arbeiten und produzieren wir, was treibt uns um und wer kann es richten? Die Textvorlagen stammen aus 222 Jahren und die ältesten, die Büchner- Texte, bestechen in ihrer Aktualität. Anleihen machen Peggy Mädler, Christian Marten-Monár und Axel Vornam, die drei Autoren dieser Collage, außerdem bei Ernst Toller, Heiner Müller, Walter Benjamin und Katrin Röggla.

Auch die Revolutionäre der ersten Stunde kommen zu Wort. Eindrücklich sind die eingespielten Filmsequenzen aus "Problema" von Klaus Schmerberg, in denen Künstler, Wissenschaftler und Menschenrechtler Antworten auf globale Fragen suchen. Als Klammer benutzen die Autoren die Form eines Requiems in neun Bildern. Die Totenmesse als Abgesang an Europa?

Das Volk skandiert: "Totgeschlagen wer kein Loch im Rock hat". Die Revolutionäre streiten über die Legitimation von Gewalt. Eine Masse Mensch formuliert die Verheißung von "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit". Die Worte der Revolutionsführer von einst, die sich der Utopie so nah wähnten, entfalten sich voller Wucht. "Die Revolution ist wie ein Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder," lässt Büchner seinen Danton sagen. Eine ideale Vorlage und ein starker Einstieg in diesen Abend.

Privates Unglück, heutige Arbeitswelten

Die Passagen aus Ernst Tollers "Masse Mensch" und "Maschinenstürmer" führen dann sehr schnell ans Ende der Träume. Schlagwerke hämmern und zwingen die Arbeitermassen in ihren Takt. Der Betrachter wird in die Maschinenhalle von Metropolis entführt. Auch hier bewährt sich der Auftrieb auf der Bühne, der sich den ganzen Abend auf, vor und hinter hölzernen Europaletten abspielt.

Mit gekonnter Lichtregie und präziser Choreografie entstehen starke Bilder. Und der Rhythmus bestimmt den Verlauf des Abends. Jeder Gang, jede Pause, der Duktus der ganz unterschiedlichen Sprache muss sitzen. Das funktioniert fast durchgängig, fein abgestimmt mit der Musik, die einfühlsam Brücken baut und Brüche schafft. Alexander Suckel bedient sich in seinen Kompositionen bei vielem, vom Volkslied bis zum Rap, ohne sich je in den Vordergrund zu drängen.

Unterdessen werden die Schauspieler durch den Abend getrieben. Hinein in Heiner Müllers Fahrstuhl, der in heutige Arbeitswelten und in das private Glück oder Unglück führt. Dabei verlangt ihnen die Regie ein Höchstmaß an Konzentration und Präzision ab. Wie ein griechischer Chor begleitet das Ensemble in seiner geschlossen starken Leistung das Selbstgespräch des kleinen Angestellten auf dem Weg zum Chef.

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© Katja Zern /Fotostudio M42

Die Banalität des Alltags

Nahtlos dann der Übergang zu den Filmsequenzen aus "Problema" von Ralf Schmerberg. Dadurch bebildert sich das Stück mit den Nöten der Kriege, der Globalisierung, der Umweltzerstörung. Die Montage suggeriert hier Zusammenhänge, beschwört Endzeit. Immer stärker fokussiert die Inszenierung anschließend das Individuum. Das funktioniert bei Büchners lebensmüdem Traumprinzen Leonce, der nur die Langeweile kennt, noch trefflich.

Die Banalität des Alltags stellt das Stück nach der Pause anhand von Tagesprotokollen von Heilbronner Bürgern dar, die ihr Leben über 24 Stunden in Stichworten öffentlich machten. Und hier wird spätestens spürbar, dass die extreme Bandbreite der Texte nicht immer nur positive Reibung erzeugt. Die Ausschnitte aus Kathrin Rögglas "draußen tobt die Dunkelziffer" geraten streckenweise zum Slapstick. Die zweite Hälfte des Abends hat Längen.

Der Ausgang bleibt offen

Die Tiefe der intellektuellen Durchdringung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die die Revolutionäre 1789 erreichten, kann Der kommende Aufstand nicht herstellen. Das Manifest einer unbekannten französischen Autorengruppe aus dem Jahr 2007 ist eine Absage an jegliche Utopie. Radikal und undemokratisch. Dieser Text kann Büchner nicht Paroli bieten.

Am Ende beerdigen drei Narren mit den Insignien der linken Szene auf der Brust, die Gründungsmythen unserer Demokratie. Dazu klingt Mozarts Requiem an. Doch eine Totenmesse ist diese Theatercollage nicht. Der Ausgang bleibt offen. "Da steht der Mensch allein", sagt Ernst Toller. "Wer aber hilft da?"

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Ein spannender, handwerklich gut gemachter Theaterabend, der den Finger in Wunden legt, die ganz bestimmt nicht von autonomen Anarcho-Grüppchen geheilt werden können.

 

Exit Europa. Requiem für einen Kontinent
Schauspielkollage von Peggy Mädler, Christian Marten Molnár, Axel Vornam, u.a. mit Texten von Johann Wolfgang von Goethe, Georg Büchner, Ernst Toller, Walter Benjamin, Heiner Müller und Kathrin Röggla.
Regie: Axel Vornam, Ausstattung: Tom Musch, Licht: Carsten George, Musik: Alexander Suckel, Choreografie: Ute Raab, Dramaturgie: Peggy Mädler, Christian Marten Molnár.
Mit: Julia Apfelthaler, Nils Brück, Alexander Darkow, Stefan Eichberg, Rolf-Rudolf Lütgens, Judith Lilly Raab, Sabine Unger, Ingrid Richter-Wendel, Raik Singer, Katharina Voß, Sebastian Weiss.

www.theater-heilbronn.de


Der Regisseur Axel Vornam, 1956 in Castrop-Rauxel (BRD) geboren und in Leipzig (DDR) aufgewachsen, ist seit 2008 Intendant des Theaters Heilbronn. Arnim Bauer hat schon 2008 die erste Zeit von Vornams Heilbronner Intendanz billanziert.

 

Kritikenrundschau

Thesen, Fakten, Forderungen, Allgemeinplätze – das ist zu viel, findet Claudia Ihlefeld in der Heilbronner Stimme (26.4.2011). Und vor allem: kein Theater. "Mit Büchners 'Dantons Tod' und Textstellen aus Ernst Tollers 'Hinkemann' schließlich endet das Requiem als wäre der Abend ein Lektürekurs 'Einführung in die neuere und enste Politische Ideengeschichte' für Erstsemester." Taugt revolutionärer Terror oder Mäßigung aus der Revolutions-Krise? "Keine neuen Fragen, die in einer global vernetzten Welt aber neu gedacht werden müssen. Regisseur Vornam koppelt allerdings zu viele Einzelaspakte, so dass dringliche Probleme letztlich kaum berühren – trotz der Leistung der elf Schauspieler (...)."

Einen recht kurzweiligen Abend hat Arnim Bauer gesehen, wie er in der Ludwigsburger Kreiszeitung (26.4.2011) schreibt: "Es ist immer was los auf der mit Palettenstapeln – einem Symbol für die merkantile Welt – ausstaffierten Bühne von Tom Musch." Auch die Texte fügten sich gut ineinander. "Deutliche Worte fallen, ohne dass nur der ideologische Holzhammer hervorgeholt wird." Musikuntermalung dämpfe die Brisanz, "so dass das in seinem Kern ungemein zeitkritische Stück fast ein bisschen leise daherkommt".

 
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