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Spiel mir das Lied von der Ölsteppe

von Simone Kaempf

Berlin, 27. April 2011. Öl fließt in Schrittgeschwindigkeit. Mehr schafft eine  Pipeline nicht. Exakt in diesem Tempo bewegt sich der deutsche Bohringenieur, der vor zwanzig Jahren in Kasachstan nach Öl gebohrt hat, auf der Bühne in zähen Schritten auf einem Cardio-Laufband. Und legt gleich mal eine Pause ein, weil sich nicht nur Öl langsam bewegt, sondern Ölsuche, so erfährt man, immer auch Warten bedeutet.

Von wegen sprudeln. Wo der Mensch mit Öl in Kontakt kommt, scheint Verlangsamung zu herrschen – das ist die erste Einsicht von "Bodenprobe Kasachstan", in dem etwa auch der grauhaarige Spätaussiedler Heinrich Wiebe wie ausgebremst wirkt. Einst lieferte er als Tanklastwagenfahrer Benzin an kasachische Tankstellen aus. In Deutschland wurde er Hausmeister, weil sein Führerschein nicht anerkannt wurde, und symbolisch dafür radelt der ehemalige Fahrer nun auf einem Heimtrainer, auch das eher irritierend gemächlich, während an diesem Abend doch so viel davon die Rede ist, was das Öl zu bewegen vermag: Geld, Menschen oder glitzernde Hauptstadthochhäuser, die in Rekordzeit hochgezogen werden.

Zarte biographische Erzählungen, imposante Videobilder

Drei Männer und zwei Frauen, die es von Deutschland in die asiatischen Steppen oder umgekehrt zog, hat Stefan Kaegi (einer der Köpfe von Rimini Protokoll) für seinen neuen Dokumentartheaterabend gecastet. Dass mit Kasachstan dabei ein Land zum Thema wird, in dem zur Zeit riesige Erdölvorkommen erschlossen werden, zeigt, wie dicht dran an aktuellen Themen man bei Rimini Protokoll immer wieder ist. Die Art und Weise, wie die fünf als Repräsentanten ihrer Biographie von sich erzählen, halb inszeniert, halb improvisiert, überrascht erst einmal nicht.

Der besondere Clou sind da schon eher die Videobilder, die Chris Kondek in Kasachstan gedreht hat, und die diesseits unterirdischen Rohstoffreichtums das Sichtbare der Oberflächen zeigen: Steppe, so weit das Auge reicht, triste Förderanlagen, leere Dörfer, spätsozialistische Prunkbauten. Die Biographien der fünf Beteiligten sind das andere Element des Abends, und beides zusammen entwickelt Klüfte, die den Abend erst interessant machen: wenn in einer traditionellen Volksweise die Wiesen, Vögel und die Schönheit des Landes besungen werden, die Bilder aber den Matsch angetauter Permafrostböden zeigen; wenn eine Filmsequenz erzählt, dass tausende Ausländer auf den Bohrstellen arbeiten, aber auch ein Zehntel der Bevölkerung in den 90er Jahren ausgewandert ist.

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Dass der Abend Aufklärung betreibt, will man gar nicht absprechen. Aber semantisch tritt die Inszenierung bald auf der Stelle. In dem Puzzle aus Infos, Biographie-Ausschnitten und Videobildern fehlt auf der Bühne eine Zentralmetapher, die Struktur gibt oder gar das Netz enger zusammenzieht. Die Ölbohrung wird als Bild aufgegriffen und der Blick in die Tiefe nachgespielt. Die Veränderung von Grenzen, ob durch Kriege oder durch Vergabe von Förderkonzessionen, wiederholt sich als Motiv.

Lost in Translation

Erzählt wird auch, dass sich Familien zerstreuen: liebenswert skurril, wenn die russische Großmutter und der orden-behängte Großvater des Solarzellen-Verkäufers Nurlan Dussali ihren Enkel per Videobotschaft zurückzuholen versuchen. Eher traurig, wenn der Bruder von Helene Simkin im Film am heimischen Familiengrab zu sehen ist. Neben dem Friedhof erkennt man die Rohrleitungen einer Raffinerie. Alles passiert hier im Schatten des Öls, das ja. Aber es scheint zumindest doch nicht zwangsläufig von ihm bestimmt.

Deutsch und Russisch wird auf der Bühne gesprochen, und alles auch auf Englisch, Russisch und Deutsch übertitelt, denn nach Gastspielen in Hannover und bei den Wiener Festwochen wird der Abend auch in Moskau, in Strasbourg und im norwegischen Bergen gastieren. Lost-in-Translation-Effekte bleiben da nicht aus. Das eine oder andere Detail geht unter, und so richtige Spannung mag sich nicht aufbauen, wenn es heißt, dass die Vorfahren der Spieler zur Zeit Katharina der Großen aus dem Elsass und Schwaben nach Russland angelockt wurden, dass Stalin sie nach Sibirien verbannte und sie selbst durch Helmuts Kohl Gesetzesänderung nach Deutschland ausreisen konnten. Vielleicht schon damals aus Ahnung, an dem neuen Reichtum in Kasachstan nicht teilhaben zu können. Aber das sind Schlussfolgerungen, die man aus der Fülle an Material und Infos selbst ziehen muss.


Bodenprobe Kasachstan
Konzept & Regie: Stefan Kaegi, Video Design: Chris Kondek, Musik: Christian Garcia, Bühnenbild: Aljoscha Begrich, Dramaturgie: Aljoscha Begrich, Julianne Männel.
Mit: Elena Panibratowa, Helene Simkin, Gerd Baumann, Nurlan Dussali, Heinrich Wiebe.
Koproduktion mit dem Schauspiel Hannover, Wiener Festwochen, Goethe-Institut Almaty, Le Maillon - Théâtre de Strasbourg / Scène Européenne, Territory Festival 2011 und BIT Teatergarasjen.

www.hebbel-am-ufer.de
www.rimini-protokoll.de

 


Kritikenrundschau

"Bodenprobe Kasachstan" spürt, mehr noch als den Wegen des Öls, den Biografien von fünf Menschen nach, und so wenig die Dinge zwischen diesen Fünf, zwischen ihnen und dem Öl aufgehen, "so sehr berührt sich in dem Arrangement aus Erzählungen, Landschaftsprojektionen und Modellen alles auf zarte Weise", findet Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (29.4.2011). "So andeutungshaft aber nur, dass das eine das andere allein durch die eigene Geschichte erhellt". Schicht für Schicht werden die Erzählungen von Menschen-, Natur- und Maschinenkräften aufgeklappt, in immer anderen Formationen prallen die Kraftdifferenzen zwischen Mensch, Zeit und Natur aufeinander. "Kontexttransfers" nennt Kaegi selbst dieses Verfahren, das gerade da am fruchtbarsten tätig ist, wo Lücken bleiben. Und auch wenn am Premierenabend noch manch ungeplante Lampenfieberlücke klaffe, "webt er doch mit großer Könnerschaft an einem schönen Lückenteppich".

Bodenprobe Kasachstan lebt von den "widerstreitenden Sehnsüchten des Regisseurs und seinen aus der Gegenrichtung gekommenen Protagonisten", schreibt Tom Mustorph in der taz (28.4.2011). "Für Spannung sorgen auch die sich mal ergänzenden und mal widersprechenden Perspektiven der Spieler selbst." Zu seinem großen Glück sei der Abend mehr als Erinnerungswandzeitung und Reisebericht. Die fünf so verschiedenen Protagonisten verschmelzen beim zauberhaft umständlichen Bedienen einer durch die Lüfte schwebenden Kamera, deren Bewegung von vier Menschen an vier Seilen gelenkt wird und die jeweils einen fünften im Fokus hat, für kurze Momente zu einem harmonischen und authentischen Kollektiv. "Mit seiner erprobten Land- und Themenerkundungsapparatur ist Kaegi mal wieder ein größerer Wurf gelungen."

"Astana ist, wie Ölmetropolen auf der arabischen Halbinsel, ein Phantom aus Beton. Und es wäre schon Thema genug für einen Rimini Abend", so Eberhard Spreng in DLF Kultur vom Tage (29.4.2011). Stefan Kaegi habe in seiner "Bodenprobe Kasachstan" eher der Themen zu viel. In schütteren, verstreuten Bildeinblendungen werde aus den privaten Erinnerungen von der Geschichte der Wolgadeutschen erzählt, auch das eigentlich ein Thema für drei Rimini-Abende. Fazit: "Zu wenig überrascht, was diesmal erzählt wird. Zwischen dem großen Weltthema Erdöl und den individuellen Biografien der Migration zwischen Kasachstan und Deutschland entsteht keinerlei fruchtbare Reibung." 

So viel und elegisch gesungen wie an diesem Abend wurde wahrscheinlich noch nie bei Rimini Protokoll, stellt Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (30.4.2011) fest. Vom Informationswert abgesehen, gelinge es diesem Abend vor allem, "zwischen Gestern und Heute eine sehr spezielle Stimmung zu erzeugen." Dass man schon sehr genau nach den kleinen Widerhaken suchen müsse, das liegt für die Kritikerin "wohl in der Natur der Sache. Aber erstens erzählt auch das einiges über die Kollisionspunkte zwischen Vergangenheit und Gegenwart." Doch auch grundsätzlich empfindet Wahl das bewusste Offenlassen von Differenzen und Deutungslücken in 'Bodenprobe Kasachstan' als wohltuend.

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