altDem kranken Enddarm ein Ende

von Kerstin Edinger

Bochum, 4. Mai 2011. Leicht macht es sich das Prinz Regent Theater mit seiner Spielplangestaltung nicht: Neben aktuellen Stücken sind es immer wieder die großen Klassiker der Weltliteratur, an die sich das kleine Theater herantraut. Es ist mutig, da das kilometermäßig nicht weit entfernte, gut subventionierte Bochumer Schauspielhaus eher auf diesem Gebiet zu Hause ist. Doch das Prinz Regent Theater hat sich seit 20 Jahren genau mit diesem Konzept einen Stammplatz in der freien Szene der Stadt erkämpft.

Nun hat es sich den "Eingebildeten Kranken" vorgenommen, Molières Komödie über den tyrannischen Hypochonder Argan, der Arzt und Apotheker auf den Leim geht. Das Bühnenbild ist spartanisch: Eine mit weißen Vorhängen abgesteckte drehbare Bühne verkleinert die Spielfläche, macht das Spiel intimer, Auf- und Abtritte sind dadurch elegant gelöst. Einziges Requisit: der in der Mitte stehende Sessel, auf dem Argan sich pupsend und jammernd in seinen Krankheiten ergeht und flehentlich nach den Ärzten ruft.

Gepupst, gerotzt, im Ohr gepult – ein wenig

Regisseurin, Bühnenbildnerin und Intendantin Sibylle Broll-Pape stellt das Spiel der Schauspieler in den Mittelpunkt, stülpt ihnen kein überflüssiges Regiekonzept über. Den Purismus kann sie allerdings nicht für sich nutzen: Freigeräumt von überflüssigem Bühnen- und Kostümballast stehen die sechs in ihren Rollen wechselnden Schauspieler oft statisch nebeneinander und monologisieren frontal zum Publikum, anstatt zu interagieren. Das nimmt Tempo und Intensität. Wie die Regie bleibt auch die Ausstattung unentschieden: Noch überspitzter, noch gewagter hätte der Stilbruch sein können, wenn sich Zylinder und Handy begegnen. So wirkt das Nebeneinander fast zufällig.

Auch die Herangehensweise an Molières Komik ist uneinheitlich. Jede Rolle, jeder Schauspieler schlägt einen anderen Weg ein – ob leicht klamottig (Daniel Seniuk hüpft als kleine Tochter Louison herum), gefühlsduselig (die als Hippie ausstaffierte Katharina Kwaschik als Angélique) oder mit leicht ironischem Abstand zur Rolle (Wolfram Boelzle als Argan). Selbst die dargestellte Derbheit ist nicht entschieden genug. Es wird ein wenig gepupst, gerotzt und im Ohr gepult. Anstatt eine durchgängige Komik zu erzeugen, hangelt sich Broll-Pape so von Witz zu Witz, greift dabei auch mal daneben, so wenn sie die Worte "totale Genesung" im Hitlerduktus bellen lässt.

Verwirrspiel der Wahrheiten

Wolfram Boelzle schlägt sich wacker als Argan. Mürrisch grummelt er mit hängenden Mundwinkeln herum, schwankt zwischen Lüsternheit, Aggressivität und Weinerlichkeit. Als eigentliche Hauptdarstellerin des Abends erweist sich Katharina Brenners Dienstmädchen Toinette, die die Fäden im Hause Argans in der Hand hält. Sie versteht es, den richtigen Mittelweg zwischen Klamotte und ernsthaftem Spiel zu finden.

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"Der eingebildete Kranke"    © Ursula Kaufmann

Das Stück, das mit seinen doppelten Wahrheiten und dem ewigen Verwirrspiel von Schein und Sein eine gute Vorlage bietet, falsche Krankheiten und leeres Geplapper wunderbar entlarvt, könnte noch mehr doppeldeutige Ironie und Süffisanz vertragen. Was so leicht scheint, erweist sich als schwerer Klotz am Bein der Regisseurin. Starke Szenen, wie die, in der Cléante und Angélique unter dem vermeintlichen Deckmantel eine Musikstunde abhalten, ein kitschiges Liebelied trällern und Argan währendessen gefühlsduselig wird und berauscht mitwippt, zeigen auf humorvolle Weise die tragikomische Seite der gesellschaftlichen Konvention, in dem das junge Liebespaar gefangen ist.

Solche Szenen bleiben aber zu selten. Am Ende wird klar: Die aufgestauten Falschheiten müssen wie die Winde in Argans Enddarm entweichen, damit sie keinen Schaden anrichten. Argan beschließt, selbst Arzt zu werden, um keinem falschen Medizinern mehr auf den Leim zu gehen. Die Bochumer Inszenierung endet mit einer Anspielung auf Karl Theodor zu Guttenberg: "Ein Doktorhut bastelt sich heute wie von selbst." Ein Gag, der schmunzeln macht. Wie die ganze Inszenierung nicht ärgert, aber auch nicht überzeugen kann.

 

Der eingebildete Kranke
von Molière
Deutsche Fassung von Simon Werle
Regie und Raum: Sibylle Broll-Pape, Video: Peer Engelbracht.
Mit: Wolfram Boelzle, Katharina Brenner, Katrin Schmieg, Martin Molitor, Katharina Kwaschik, Daniel Seniuk.

www.prinzregenttheater.de

 

Kritikenrundschau

Das "auch heute noch zeitgemäße Schauspiel" von Molière erfahre im prinz regent theater "eine herrlich komische Neuinszenierung", schreibt ein sich vb abkürzender Rezensent in den Ruhr Nachrichten (6.5.2011). Wolfram Boelzle als Argan und Katharina Brenner als Toinette hätten sich "gesucht, gefunden und harmonieren nun hervorragend auf der Bühne". Die "weiteren vier Schauspieler im Bunde begeistern in Doppelbesetzungen."

Der Inszenierung sei "stets eine geometrische Statik eigen", meint Tom Thelen in der Westdeutschen Allgemeinen (7.5.2011). Das Ensemble dürfe "den Abend alleine tragen, denn die Regisseurin hat dem Stoff kein aktuelles Konzept aufgepfroft". Leider habe aber "jeder seine eigene Volkstheater, die Spannweite reicht von zuweilen ironischen Rollenzugriffen bis hin zur dreisten Klamotte". Fazit: In dieser harmlosen Inszenierung stimme "einfach die Mischung nicht".

Wolfram Boelzle verkörpere den Argan "leidenschaftlich amüsant und stimmig", schreibt Björn Althoff im Westfälischen Anzeiger (7.5.2011). "Ganz einfach, ganz effektiv" inszeniere Sibylle Broll-Pape das Stück. "Bei allen Darstellern stimmen nicht nur Einzelleistung, Erscheinungsbild und Begeisterung, sondern auch Abstimmung und Zusammenspiel untereinander."

 
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