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Mitklatschen beim Totentanz

von Regine Müller

Köln, 5. Mai 2011. Das Kölner Theaterpublikum weiß offenbar nur zu gut, was ihm bevorsteht, wenn der italienische Theatermann Antonio Latella inszeniert: ausuferndes, in jeder Hinsicht anstrengendes Theater. Nahezu fünf Stunden dauerte vor drei Jahren Latellas grandiose Goldoni –"Sommerfrische", mehr als drei Stunden sein grandios gescheiterter Kafka-Abend. Oder lag es bei der Premiere von "Mamma Mafia" im Erfolg verwöhnten Kölner Schauspielhaus diesmal etwa am Thema, dass im Zuschauerraum nicht einmal zwei Drittel der Plätze gefüllt waren?

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Dokumentarisches

Der Abend beginnt als staubtrockenes Thesentheater: Die Bühne ist leer, ein weißer Rundhorizont grenzt hinten den Raum ein, eine Projektionswand hängt in der Mitte, am vorderen Bühnenrand sind hölzerne Geländer aufgebaut, die an Laufstallgitter oder einen altmodischen Zeugenstand vor Gericht erinnern. Der Zuschauerraum ist hell erleuchtet, als Michael Weber mitten im Publikum mit einer Lesung beginnt: Ein mehrseitiger Text vom "Gomorrha"-Autor Roberto Saviano über die politischen Praktiken der Mafia-Clans, der im Übrigen auch im Programmheft abgedruckt ist kommt zu Gehör.

Dann bauen sich – nach einem sentimentalen Sologesang des Countertenors Maurizio Rippa – alle zwölf Darsteller vor dem Geländer auf und sagen auf Italienisch und Deutsch Texte auf, die das Thema Mafia von allen Seiten beleuchten. Sie beklagen die Verflechtungen der Clans mit allen Lebensbereichen, ihre Reichweiten vom Vatikan bis in die internationale Politik und schauen starr ins Publikum. Auf der Projektionswand sind die Texte nachzulesen, zwei Fotos von Mafia-Opfern illustrieren dezent den Horror.

Dann fragt einer der Italiener: "Warum sind wir hier?" Und beantwortet die Frage selbst: "Weil wir Distanz zu uns selbst suchen."

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© Oliver Fantitsch
Omertà

Im zweiten Teil wird überwiegend geschwiegen. Und damit einer der wichtigsten Regeln der Mafia Genüge getan: der Omertà, der absoluten Schweigepflicht. Die Geländer sind abgebaut, anfangs hört man aus der Ferne Glockengeläut, die Darsteller, verteilt nun in der ganzen Tiefe des Raums, formieren sich zu einer Performance-Truppe, die sich synchron bewegt.

Wie eine kalabrische Tai-Chi-Variante wirkt der Tanz der symbolischen Zeichen, Drohgebärden, Gesten und Codes, die Latella aus der stummen Sprache der Unterwelt zur Theatersprache destilliert hat. Es wird mit Messern hantiert, zu den skandierenden, harten Bewegungen gestampft, geschnalzt, und geklatscht, es werden archaische mehrstimmige Gesänge angestimmt und aus keuchenden Atemgeräuschen wird drängender Rhythmus. Das hat Kraft und sagt mehr als das überlange Textgewitter zuvor.

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 © Oliver Fantitsch

Der "lustige" Teil
Nach der Pause - mit merklicher Publikumsabwanderung – entert Michael Weber im goldenen Pailletten-Sakko die Bühne und kräht: "Jetzt kommt der lustige Teil!" Es folgt eine italienische Hitparade von Vivaldis Lauten-Doppelkonzert bis Adriano Celentanos "Lasciate mi cantare" und eine wilde Revue der Mafia-Klischees. Da kriecht dann die schale Erkenntnis hoch, dass all’ das, was wir an Italien so lieben, wohl auch Mafia ist. Dass es eben – wie Latella behauptet – vielleicht tatsächlich kein Italien ohne Mafia gibt?

Die Kölner klatschen indes unverdrossen und munter mit zum Totentanz. Birgit Walter – wie immer fabelhaft – trägt die grün-weiß-rote Italien-Trikolore als gerüschten Tüll-Minirock, die Herren mal entsprechend farbige Boxershorts, mal Nadelstreifenanzug und Sonnenbrille. Im wiederum überlangen Finale wird Silvio Berlusconi die Rechnung aufgemacht: Sein Imperium aufgelistet, seine dunklen Verstrickungen, sein korruptes System. Und schließlich gibt es für Simon Eckert ein großes Solo als Ruby, Berlusconis Bungabunga-Gespielin. Ein Schwertkampf antiker römische Kämpfer beendet das Ganze, bevor Birgit Walter als "Mamma" die herumliegenden Berlusconi-Masken einsammelt und Maurizio Rippa Leoncavallos Arie vom lachenden Bajazzo anstimmt.

Was war das nun? Belehrendes Thesentheater? Eine große Klage? Eine böse Lachnummer? Von allem etwas, davon aber zu viel und insgesamt zu lang, zu redundant. Und trotzdem ein starker Abend mit einem großartigen, spielfreudigen Ensemble.


Mamma Mafia (UA)
von Federico Bellini und anderen, übersetzt von Eduard Winklhofer
Regie: Antonio Latella, Bühne und Kostüme: Annelisa Zaccheria, Musik: Franco Visioli, Licht, Simone de Angelis, Choreographie und Köpertraining: Francesco Manetti, Dramaturgie: Federico Bellini, Giuseppe Massa, Sybille Meier.
Mit: Marco Cacciola, Simon Eckert, Ralf Harster, Orlando Klaus, Giuseppe Lanino, Giuseppe Massa, Annibale Pavone, Maurizio Rippa, Maik Solbach, Rosario Tedesco, Birgit Walter, Michael Weber.

www.schauspielkoeln.de

 

Mehr zu Arbeiten von Antonio Latella gibt es naturgemäß in unserem Lexikon.

Kritikenrundschau

Bis zur Pause wirke dieser Abend "wie ein getanzter Wikipedia-Artikel", in seinem Versuch, zu informieren und die "Folklorisierung der Mafia" zu verweigern. So schreibt Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (7.5.2011). Nach der Pause solle dann nach Aussage des Hauptdarstellers "der lustige Teil des Abends" beginnen. "Kann man so sagen", kontert der Kritiker: "Latella fährt nun selbst die allergröbsten Italien-Klischees auf"; er "zieht die Krawallschraube an, das Ensemble trägt nun grinsende Berlusconi-Masken". Der Abend bringe bezüglich des Mafia-Bild nichts Neues hervor und kranke ansonsten am "kabarettistischen Einverstandensein". Quintessenz: "Mafia böse, Berlusconi auch böse, aber lustiger."

"Was die Paten wohl dazu sagen würden?" fragt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.5.2011). Und antwortet: "Ins Fäustchen lachen würden sie sich. Denn wie hier die Mafia, wo sie sich doch längst in Europa ausgebreitet hat und Politik und Finanzwesen unterwandert, als italienischer Sondermüll abgetan wird, ist die Fortschreibung ihrer Verharmlosung und Banalisierung mit unzulänglichen Mitteln." Schon der lexikonwissensgeschwängerte Anfang offenbare das Dilemma, eine Form für das Thema zu finden. Drei Stunden später sei man nicht klüger: "Als schale Satire auf die vulgären Fernsehshows in den Privatsendern des Ministerpräsidenten rutscht die Veranstaltung vollends ins Belanglose: Blickfang ist Birgit Walter als leicht bekleidete Blondine im grün-weiß-roten Tütü, die sich lasziv auf einem Barhocker räkelt und von bis zu neun grinsenden Berlusconi-Masken umkreist und begrapscht wird – die Hure Italia."

 
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