alt

Viel Platz an der langen Familientafel

von Sarah Heppekausen

Bochum, 6. Mai 2011. Ein langer gedeckter Tisch auf der Bühne – unmissverständlich weist der doch immer auf das eine hin: auf das Familiendrama. Auf ein Wiedersehen unter den lieben Verwandten mit ungeahnten Folgen. Aufgetischt werden dann nicht nur die leckersten Speisen und kostbarsten Weine, sondern auch geheim gehaltene Tragödien, Verhältnisse und Verwicklungen. Übrig bleibt am Ende meist nur ein Scherbenhaufen zerbrochenen Geschirrs und zerstörter Illusionen.

nachtkritik.de hat alles zum Theater. Damit das so bleibt, spenden Sie jetzt!

In den Bochumer Kammerspielen hat Alex Harb solch einen assoziationsbeladenen Tisch auf die Bühne gestellt, Autor Reto Finger hat die dazugehörige Familientragödie geschrieben. Ihr Inhalt: Drei Brüder und ihre Frauen treffen sich im alten Elternhaus am See, das einer der drei, nämlich Robert, zurückgekauft hat. Robert ist erfolgreicher Firmenchef und dominant. Sein Bruder Max ist Prokurist, Roberts Angestellter und Typ harmloser Familienmensch. Michael, der Jüngste, wird das schwarze Schaf, das Sorgenkind der Familie genannt. Die Frau an seiner Seite ist ihm eigentlich unbekannt, sie schlafen nur im selben Hotel. Vor allem aber ist diese Vera Roberts Tochter, von der dieser bislang nichts wusste. Sie kennt die Familienverhältnisse und sie weiß noch viel mehr.

Bootsfahrt bei stürmischer See

So ein Familiendesaster-Drama, in dem ein Trauma nach dem nächsten aufgedeckt wird, ist in der Literatur genauso häufig zu lesen, wie die lange Tafel auf der Bühne oder im Film zu sehen ist. In "Haus am See" – einer Auftragsarbeit für das Bochumer Schauspielhaus – schreibt Reto Finger spannende Dialoge mit kurzen Sätzen, die noch reichlich Raum lassen für Nachhall, fürs psychologische Weiterformulieren in Gedanken. Am Ende aber verlaufen sie sich unnötig in großen Themen und symbolträchtigen Bildern. Robert hat nicht nur unwissend eine Tochter. Er hat auch die als verschwunden erklärten Eltern umgebracht, bei einer Bootsfahrt auf dem stürmischen See. Sie wollten ihn und seine Freundin (Veras Mutter) retten, er hat mit dem Ruder draufgehauen.

hausamsee3_aurin
Im "Haus am See"                  © Thomas Aurin

Da verstopft die Wucht der Tat die sonst so reizvoll Lücken lassende Sprache, überdeckt alles Unformulierte und kann das erinnerte Geschehen trotzdem nicht erklären. Regisseur Anselm Weber reagiert mit noch mehr Verdeutlichung, als vertraue er plötzlich der Sprache nicht mehr. Wenn am Ende das Bootshaus brennt, lässt er Vera ein Miniaturhäuschen auf dem Tisch anzünden. Diese Doppelung reduziert jedes mögliche Bild im Kopf ebenfalls auf Miniformat.

Blicke, Licht- und Gedankenspiele

Aber Stück und Inszenierung beginnen stärker als sie enden. Auf Alex Harbs Bühne ist nicht nur der große Tisch, sondern auch ein Steg aufgebaut. Lichtspiele auf der dahinter stehenden weißen Wand deuten die Wasserspiegelungen des Sees an. Vera (Friederike Becht) beobachtet das Familienzusammentreffen stumm vom Steg, mit vorwurfsvollem Blick, als sammle sie Futter für ihren späteren sturen Ehrgeiz. In jedem Satz, den sie zur Familie sagen wird, fiebert die Herausforderung.

Am Tisch wird getrunken, gewitzelt, gezärtelt und gedemütigt. Max (Michael Schütz) hält sich an Sekt und Wein und bricht nur in gelegentlichen Übersprungshandlungen mal aus sich heraus. Seine Frau Sandra schwankt bei Schauspielerin Katharina Linder zwischen Gesichtswahrung und Lebensgenuss. Wirkt ihre Haltung zunächst so aufgesetzt wie ihre Perücke, legt sie sie nach und nach – kichernd und küssend – ab wie ihre Handtasche. Michael (Nicola Mastroberardino) ist ein unsicher Zur-Seite-Schauender, dem Dinge eher zustoßen, als dass er sie steuern könnte. Anke Zillich zeigt Roberts Frau Jasmin als gute, verzweifelte Seele, die alles ahnt, aber noch nichts weiß.

Figurentableau mit unterschiedlichen Haltungen

Und Robert? Bei Matthias Redlhammer ist er zunächst der lässige Komödiant im Blaumann, der in einer der ausgehobenen Gruben gräbt. Die Lässigkeit bewahrt er auch später im Ton, aber sein Agieren wird härter, kompromissloser. Seine Sätze und Taten spricht er weg, als wären es nicht seine. Reden will schließlich geübt sein auf Familienfesten.

Als schauspielerisches Figurentableau ist der Abend sehenswert. Aber gerade das Schlussbild zeigt noch einmal deutlich, woran es dem Abend mangelt: Robert sagt, er wolle ins Feuer kriechen, damit er nicht mehr friere, bis er lichterloh brenne. Dann allerdings lässt sich Redlhammer in eine seiner selbst gegrabenen Gruben plumpsen. Das wirkt eher lächerlich als verstörend. Mehr Mut zum Unbequemen hätte der Inszenierung gut getan. Ein Familientreffen am langen Tisch bietet dafür genügend Stoff, das wissen wir doch.


Haus am See (UA)
von Reto Finger
Regie: Anselm Weber, Bühne: Alex Harb, Kostüme: Meentje Nielsen, Dramaturgie: Thomas Laue.
Mit: Matthias Redlhammer, Anke Zillich, Michael Schütz, Katharina Linder, Nicola Mastroberardino, Friederike Becht.

www.schauspielhausbochum.de

 

Mehr zu Anselm Weber gibt es im nachtkritik-Archiv.

 

Kritikenrundschau

"Komödie, Krimi, Psychodrama, es ist alles drin in diesem Stück über dieses merkwürdige Geflecht, das sich Familie nennt", meint Ronny von Wangenheim in den Ruhr Nachrichten (9.5.2011) über Reto Fingers "Haus am See". Reto Fingers zentrales Thema sei Schuld, und wenn sich die Figur des Robert am seiner Schuld stelle und "tatsächlich sterbend in der Grube landet", schwäche das "den starken Eindruck ab, den der Abend bis dahin machte. Wenn Stück und Inszenierung Schwächen haben, dann hier. Da fehlt der leichte Ton, das psychologische Spiel, das vieles offen lässt. Das ändert nichts an der großartigen Leistung der sechs Schauspieler".

Bochum im Umsturzfieber? Nichts da, findet Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (10.5.2011). "Haus am See" sei "das gefühlt einmillionste Stück über eine verkorkste Familienfeier im gediegenen Wohlstandsmilieu, bei dem am Ende eine schreckliche Wahrheit ans Tageslicht kommt. Handwerklich sauber gebaut (man könnte auch 'vorhersehbar' sagen), bestückt mit der üblichen Geschlechterausgewogenheit und in alltäglichen knappen Sätzen darum bemüht, die Peinlichkeiten eines verkrampften Wiedersehens auf die blutige Pointe hin huldvoll auszumalen, ist Originalität dasjenige Element eines neuen Dramas, das der junge Schweizer Autor in etwa so fürchtet wie der Bermuda-Wirt den modernen Polterabend." Immerhin würden diese arg konstruierten Gestalten bei Weber und seinem Team Figuren aus Fleisch und Feigheit, "echte peinliche Menschen eben, wie sie in ihren niederen Manövern und kränkenden Rechthabereien auf jedes Familienfest abonniert sind."

Andreas Rossmann schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (11.5.2011): In "knappen, intensiven, schnörkellosen Sätzen" umreiße Reto Finger "Figuren und Situationen". Was wie ein besserer "Tatort" beginne, gerate im weiteren Verlauf "konstruiert und schicksalshubernd". Anselm Weber lasse es "allzu bedeutungsschwer" angehen. Vera müsse von Anfang an als "stummer Racheengel" auf der Bühne präsent sein, wirke aber wie ein Girlie bei Friederike Becht und gewinne "zu schnell" "fanatische Züge". Auch den anderen Schauspielern würde "mehr Beiläufigkeit gut tun". Das Motiv dieser Geschichte sei bekannt - "Baumeister Solness", "Haus Herzenstod", "Die Villa" - und bewährt. Reto Finger habe diesen "soliden Grundriss" mit seiner Fabel, Anselm Weber durch seine Regie "überlastet".

 
Kommentar schreiben