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Was wäre, wenn heute Revolution wäre?

von Hartmut Krug

Dresden, 7. Mai 2011. Hier findet Theaterarbeit statt, und zugleich wird sie ausgestellt. Zu Beginn bereiten sich die Schauspieler auf offener Bühne in weißen Bademänteln vor (nur der Darsteller des Marat trägt einen roten). Sie lockern die Glieder oder cremen sie ein, dann reihen sie sich am Bühnenrand auf. Eine Frau zeigt die Taschenbuchausgabe des Stückes vor, nennt dessen Titel und ihre Funktion: Ich bin der Ausrufer. Ein paar Erklärungen, ein paar Spielereien mit dem Publikum, das in den ersten beiden Reihen mit Plastikbahnen versehen wird, und los geht es.

Peter Weiss' offenes Ideendrama wird von Friederike Heller nicht wie sonst oft als großes, szenisches Spektakel, als figuren- und formenreiches Totaltheater geboten, sondern als ein Schauspieler-Suchspiel, als eine Art Laboratorium frei flottierender Gedanken. Das von Weiss vorgesehene Statistenheer fehlt, keine vier Sänger als Vertreter des 4. Standes, keine fünf Musikanten (nur ein auf der Bühne an seinen technischen Geräten hantierender Musikverantwortlicher), kein Institutsdirektors mit Familie, keine weiteren Patienten als Stimmen, Pantomimen und Chor.

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© David Baltzer

Toben in der Bodenloch-Wanne

Die ganze Arbeit machen in Dresden gerade mal sechs Schauspieler. Und es ist viel Arbeit, die sie sich mit Regisseurin Friederike Heller ausgedacht haben. Man nimmt sich das Stück vor und befragt es für heute, spielt im Spiel, kommentiert, ironisiert, theoretisiert, stellt vor und aus, als wolle man das Stück, mit dem sich Weiss von Brecht abkehrte, wieder zu diesem zurück führen. Nun hat der Autor von seinem teils dokumentarischen Drama, in dem er de Sade ("ich glaube nur an mich selbst") und Marat ("ich glaube nur an die Sache") in einer Irrenanstalt zusammenführt und sie dort in einem Theaterspiel mit- und gegeneinander argumentieren lässt, nach dem vorausgehenden Hörspiel mindestens fünf Fassungen angefertigt. Kein Problem, dass sich Friederike Heller aus diesem Material für ihr Frage- und Erklärtheater bedient, das eher ein aktueller szenischer Diskurs als entfesseltes sinnliches Spiel ist.

Auf Sabine Kohlstedts Bühne, die wie von der Schaubühne geborgt wirkt, herrscht Ordnung: Jeweils elf senkrechte Neonleuchten strahlen in drei Reihen von der Rückwand, und auch wenn auf der sich in den Zuschauerraum hinein neigenden Gitterboden-Bühne für die ersten Zuschauerreihen Plastikbahnen ausgeteilt werden, haben weder das häufige Nacktduschen noch das oftmalige Toben in Marats Bodenloch-Wanne Folgen für das Publikum. Das muss eher aufpassen, dass es die vielen gedanklichen Volten nicht verpasst, mit denen die Schauspieler sich durch den Text von Weiss bewegen und diesem eigene, aktuelle Überlegungen ("komm mir nicht Tsunami") hinzufügen.

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Und manch szenisch-inhaltliche Gags: Da beißt Marat, den Thomas Eisen nicht als Eiferer, sondern als nüchtern engagierten Denker gibt, einer gelben Quietsche-Ente den Kopf ab, worauf deren Blut ihn rot färbt, und der eifernde Priester Roux, der von der Ausruferin (schön ironisch und spielerisch direkt: Sonja Beißwenger) mit Zuckerlis ruhig gestellt wird, trägt Kokarden an seinen Badelatschen. Da fallen Blutballons vom Himmel und verspritzen aufplatzend ihre Ladungen, und während vom Fleisch auf den Straßen die Rede ist und Sade seinen großen Monolog vom Tod mit der Beschreibung einer schrecklichen Folter-Hinrichtung spricht, zieht er sich mit nacktem Hintern um, und während er erzählt, dass man dem Opfer brennendes Pech in die geöffneten Adern geschüttet habe, cremt und rasiert sich die Darstellerin der Charlotte Corday die Beine.

Wenn Marat engagiert aus der Wanne hüpft ...

Die Inszenierung kontrastiert immer wieder Haltungen mit szenischen Einfällen. Doch insgesamt verliert das unterhaltsam einfallsbestimmte Schauspieler-Spiel nie die unterschiedlichen Diskussionspositionen aus dem Blick, sondern kommentiert diese bildhaft. Es ist ein andauerndes Spiel zwischen Schein und Sein im Spiel im Spiel. Auch die vielen Gesangsnummern, bei denen ernsthafte Gedanken im schlimm-schlichten Schlagerton oder als Musical-Parodie erklingen, sind wohl diesem kritischen Kontrast-Impuls geschuldet. Während Torsten Ranft, der den de Sade nur zu Beginn wunderschön ironisiert, später vor allem zum laut dröhnenden Verlautbarer mit rot anlaufendem Kopf macht.

Insgesamt wirkt die eindreiviertelstündige Aufführung doch oft wie eine szenische Einfallsbastelei und Über-Montage. Man fühlt sich an die Hand genommen, aber auch mächtig gefordert. Es gibt einerseits allzu viel Bespaßung und andererseits auch mächtig viel Belehrung, mag sie noch so sehr in Form offen bleibender Fragen daher kommen. Wenn Marat engagiert aus der Wanne gehüpft ist und mit dem Text Der kommende Aufstand vom Unsichtbaren Komitee von Symptomen des Zusammenbruchs geredet und dezentralisierter Macht eine Zukunft gegeben hat, dürfen alle Darsteller mit von Lachgas kieksigen Stimmen ihre Vorstellungen von Selbstbestimmtheit formulieren. Dabei kommen ihre Antworten auf die Frage "Was würdest Du machen, wenn heute Revolution wäre" recht kleinmütig und harmlos daher.

.... bleiben alle Fragen offen

Am Schluss schneidet Charlotte Corday, anders als bei Weiss, nicht nur Marat, sondern zuvor auch Sade im halberotischen Dreier in der Wanne die Kehle durch und wird zur Napoleonfigur drapiert und aufgestellt. Mit allen offenen Fragen und dem Bewusstsein, Geld regiere die Welt, bleibt sie ganz allein auf der Bühne zurück, - im roten Bademantel.

Friederike Hellers manchmal sich allzu spielerisch verzettelnder Versuch mit Material aus dem Marat/Sade-Stück von Peter Weiss ist kein großer szenischer Wurf, aber ein durchaus ehrenwerter und stellenweise einfallsreicher, vom Publikum mit viel Applaus bedachter Versuch, große gesellschaftspolitische Fragen und Theorien auf der Bühne zu verhandeln.

 

Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade
von Peter Weiss
Regie: Friederike Heller, Bühne und Kostüm: Sabine Kohlstedt, Musik: Thomas Leboeg, Licht: Gunter Hegewald, Dramaturgie: Julia Weinreich.
Mit: Thomas Eisen, Torsten Ranft, Sonja Beißwenger, Thomas Braungardt, Annika Schilling, Sebastian Wendelin, Thomas Leboeg

www.staatsschauspiel-dresden.de


Alles über die Regisseurin Friederike Heller im nachtkritik-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Friederike Heller gehe in Dresden "unter 'Anleitung' von Peter Weiss' Stück in einem betont spielfreudigen und einfallsreichen Experiment der Frage nach, was passiert, wenn Revolutionen baden gehen", schreibt Bistra Klunker in den Dresdner Neuesten Nachrichten (9.5.2011), und setzt in Anspielung auf das Bühnenbild hinzu: "Dazu braucht man zunächst ein Bad." Die Regie setze "vor allem auf Spielspaß und Ironie, von den Schauspielern genüsslich umgesetzt. Kein politisierendes, in Gerecht-Ungerecht-Schubladen urteilendes Spektakel findet hier statt, sondern ein Spiel mit Gedanken, Bildern und Assoziationen". Dazugefügte Passagen aus dem Essay "Der Kommende Aufstand" kommen Frau Klunker jedoch nicht "so richtig erhellend", vielmehr "hölzern" vor. "Unterhaltsam oder zum Nachdenken anregend" seien hingegen "vor allem die Kombinationen aus 'leichter' Form und 'schwerem' Inhalt".

Friederike Heller "hätte den einfachen Weg gehen können", meint Johanna Lemke in der Sächsischen Zeitung (9.5.2011). "Sie hätte Wutbürger, Stuttgart21 und die arabische Revolution auf die Bühne holen und eine sehnsüchtige Inszenierung über den modernen Aufstand konstruieren können. Zum Glück tut sie das nicht – und fabuliert stattdessen mit den Theatermitteln, wie man es sich nur wünscht. Dass das manchmal grotesk wird und an die Grenzen der geschmacklichen Erträglichkeit gerät – nun gut. Unterhaltsam ist es, und zum Schluss stellt sich beim Zuschauer, fast wie nebenbei, die Einsicht ein: So fern ist uns das alles gar nicht."

Friederike Heller lasse die Schauspieler nach Aktualisierungen in Zeiten der Selbstverwirklichung suchen, schreibt Barbara Behrendt in der tageszeitung (10.5.2011). "Soziale Revolution oder Individualismus inklusive sexueller Befreiung - diese Antithese, die das Stück in den 60er Jahren zum Stück der Stunde machte, kann die Regisseurin offenbar nicht mehr ernst nehmen." Heller suche deshalb mit ihren sechs Schauspielern und dem Musiker Thomas Leboeg nach einer halbwegs glaubwürdigen Übertragung ins Heute – "oft allerdings nur mit oberflächlichen Szeneneinfällen. Statt de Sade auszupeitschen, legt die Corday ihm mit einem Gartenschlauch einen Einlauf – zu de Sade fallen einem eben leicht Spielereien mit Körperöffnungen ein." Obwohl der Text ein fulminantes Theaterspektakel nahe lege, belasse es Heller bei kleiner Besetzung – "am stärksten setzt sie auf die Lieder des Chores. Ironisch und gewitzt, wie Heller die Schauspieler dabei zu Schlagern und Elektropop singen lässt, die Szenen zwischen der Mörderin Corday und ihrem Geliebten Duperret wirken wie aus einem Disney-Musical. Wer den Text nicht kennt, wird allerdings Verständnisschwierigkeiten haben."

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