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"Volker, hör die Signale!"

von Sarah Heppekausen

Recklinghausen, 10. Mai 2011. "In die Zeit gefallen: Schiller" hat Festivalleiter Frank Hoffmann als Motto über die diesjährigen Ruhrfestspiele geschrieben. Für Albert Ostermaier ist der junge Schiller dieser "in die Zeit Gefallene". Der politische Schiller, der gegen Fremdbestimmung und für Freiheit anschreibt. Der 1779/80 seine "Räuber" im moralisch-sittlichen Impetus gegen den Absolutismus richtet. Beim Personal für sein Stück "Aufstand" hat Ostermaier sich unüberlesbar bei den "Räubern" bedient.

Das Wort Freiheit fällt allerdings nur zweimal im Text, und das erst ziemlich zum Ende. Da geht es dann mehr um persönliche, denn um politische Freiheit. In demokratischen Zeiten sind Freiheitsfesseln eben andere, da kann es um familiäre Einengung gehen oder um die Entscheidung über Leben und den eigenen Tod. Aber auch bei Schiller umfasst der Begriff immer mehrere Aspekte, vor allem bedeutet Freiheit bei ihm Selbstbestimmung.

Der kommende Aufstand - im Ratssaal

Im Stück ist Charles die zentrale Figur, die um Autonomie kämpft. Seine Waffen sind Worte – wie bei Schiller. Er leidet unter Fieberanfällen – wie Schiller. Er ist ein leidenschaftlicher, idealistischer Revolutionär – wie Karl Moor. Und er ist Verfasser des Pamphlets "Der kommende Aufstand". Ostermaier nimmt Bezug auf die gleichnamige Flugschrift des "Unsichtbaren Komitees" aus dem Jahre 2007 in seinem Stück, das mindestens so viele verschachtelte Ebenen wie Referenzpunkte hat. Der vordergründig simple Strang: Die anarchistische Gruppe um Charles hat Erfolg mit ihrem Manifest, das nach radikaler Gegenwartsbeschreibung zum Streik aufruft, und wird deshalb von einem Ermittler (Eduard) und einer Politikerin (Gudrun) verfolgt.

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Den Aufstand proben diese Revolutionäre direkt im städtischen Machtzentrum der Politik, im Rathaus. Und Frank Hoffmann lässt die Uraufführung auch tatsächlich im Recklinghäuser Ratssaal spielen. Die Zuschauer sitzen in Zweierreihen hinter großen Sitzungstischen wie Abgeordnete oder Zeugen. Die Wandgemälde sind mit Folie abgehängt, in den Ecken stehen zwei Gerüsttürme. "Baustelle" heißt es schließlich im Stück. Soviel Realismus passt allerdings dann kaum zum idealistischen Schiller, den Ostermaier ansonsten bemüht. Die Bühnensituation (Christoph Rasche) verstärkt allenfalls die verwischte Grenze zwischen Verfolgern und Verfolgten, zwischen Polizei und Gesetzesbrechern. Beide Gruppen befinden sich laut Autor im selben Raum. Aber Türen- und Taschenlampenspielereien veralbern jegliche Krimi-Ansätze des Stücks.

Versprecher unter Strumpfmasken

Dennoch: Manches komödiantische Geschick der Schauspieler, manches Nicht-so-ernst-nehmen des Textes tut dem Abend gut. Die sekundenkurz erhobene geballte Faust, die Strumpfmasken (Kostüme Katharina Polheim), das In-die-Rebellenrolle-fallen, die Versprecher (Boulevard- statt Beauvoir-Schlampe) oder die sexuell aufgeladene April (Jacqueline Macaulay), die Charles beim Essen auf Deutsch, Englisch und Französisch angiert ("Seit wir uns kennen, agitierst du mich und ich will dich ficken…").

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© Birgit Hupfeld

Udo Wachtveitl, der Münchner Tatort-Kommissar Franz Leitmayr, spielt Trotzki, Hirn der Gruppe und Verräter. Er fällt im Gegensatz zu Steve Karier (Mirror) allerdings kaum als fies und böse auf. Wolfram Koch, der im vergangenen Jahr auch in Hoffmanns Robert Guiskard spielte, ist ein Charles der lässigen Poesie und beiläufigen Vehemenz. Seine Augen sprühen, während er in engen Jeans locker am Tisch lehnt. Koch kombiniert Ernst und Wahnsinn, Ironie und Todessehnsucht, Gehässigkeit und Leidenschaft – und es macht großen Spaß, ihm dabei zuzusehen.

Verzettelt im Individuellen

Man könnte diese Vielseitigkeit allerdings auch als Schwäche werten. Sozusagen als Folge einer unklaren Textvorlage, die mit Zitaten, Anspielungen und Verweisen um sich wirft, auf dem langen Weg des Konstruktionswillens und der Handlungsverkreuzung aber die eigene Poesie verliert. Oder als Folge mangelnder Figurenentwicklung des Regisseurs, der in seiner Arbeit zwar dem Text treu bleibt, aber nur eine im Ansatz spielerisch-leichte Bühnenübersetzung findet.

Radikal revolutionär ist an diesem Abend zumindest wenig. Aber auch das ist eine Zeitdiagnose. Beispiele für Gesellschaftsumbrüche gibt es gegenwärtig genügend. Aber individuelle Konflikte und Persönlichkeitsstörungen treiben uns doch scheinbar mehr um.

 

Aufstand (UA)
von Albert Ostermaier
Regie: Frank Hoffmann, Bühne: Christoph Rasche, Kostüme: Katharina Polheim, Musik und Soundeffekte: René Nuss, Dramaturgie: Olivier Ortolani.
Mit: Wolfram Koch, Luc Feit, Jacqueline Macaulay, Udo Wachtveitl, Steve Karier, Ulrich Kuhlmann, Anne Moll.

www.ruhrfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

Für Regisseur und Stückauftraggeber Frank Hoffmann, das sagt er im Interview in Fazit auf Deutschlandradio Kultur (10.5.2011) am Premierenabend, ist Albert Ostermaier von allen lebenden Dichtern Schiller am nächsten, er trage viel von Schiller in sich. Hoffmanns Auftrag an Ostermaier habe gelautet: er möge Schiller "revitalisieren". Für sein Stück "Aufstand" habe Ostermaier sich vom Internet-Manifest "Der kommende Aufstand", von den Stuttgarter "Wutbürgern", den Protesten gegen die Castor-Transporte inspirieren lassen. Anders als bei Schiller sei der Gegner heute nicht mehr greifbar, Pasolinis "grauer Morgen der Toleranz" sei inzwischen angebrochen, die staatliche Toleranz verstecke eine "andere Form von Unterdrückung".

Stefan Keim berichtet, ebenfalls auf Fazit von Deutschlandradio Kultur (10.5.2011) von einem "unglaublich verschachtelten", einem "komplett surrealen Stück". Er sei an ein Drehbuch für einen David Lynch-Film erinnert worden. Die Motive aus Schillers "Räubern" fänden sich überall. Trotz starker Schauspieler hatte Keim allerdings den Eindruck, der Abend habe noch nicht richtig seine Form gefunden. Die Schauspieler gingen mit "großer Gewalt nach vorne", hätten aber "sehr zu kämpfen" gehabt, um durch das Gewirr des Plots hindurch zu kommen und eine "klare Empfindung nach vorne zu bringen". Die Textvorlage sei "überkomplex", und der Aufführungsort viel zu realistisch. Der Rathaussaal lasse die Theater-Forderungen des Textes nicht zu.

Albert Ostermaier sei "einer der sprachmächtigsten, phantasievollsten und emotionalsten Dramatiker", schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (12.5.2011). "Er kann geheimen Gefühlen und Gedanken eine Sprache geben, er durchglüht sozusagen die Köpfe und Herzen (...). Ostermaier hat die Fähigkeit, Worte weiterzudenken, bis sie über sich selbst hinaussprudeln." Auch wenn er dabei gelegentlich übers Ziel hinausschieße. So bräuchte der Autor nach Michalziks Meinung "endlich mal einen Regisseur, der seinem überschäumenden Textmaterial Zügel und das heißt Form anlegt". Frank Hoffmann wähle hingegen "die Bebilderungsvariante" und versuche, sich "mit ein paar mehr oder weniger gelungenen Einfällen, lauten Tönen und viel Dampf im Kessel" durch die Bilder zu hangeln. Eine "eigene Regiesprache, Idee oder Spielstil" entwickele er jedoch nicht. So forme die Aufführung "den Text nicht, aber immerhin: Sie lässt ihn immerhin bestehen". Da hätten nicht einmal die Schauspieler eine Chance zu glänzen.

Als "ein Satyrspiel der Revolution" bezeichnet Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung (12.5.2011) den Text. Die Figuren hätten hier "wegen ihrer familiären und emotionalen Vorgeschichten ohnehin jede Handlungsfreiheit verloren (...). Ein Staat lässt sich vermeintlich leichter bekämpfen als das eigene Herz." Dieser Text bräuchte, meint auch Tholl, "einen souveränen Regisseur". Handwerklich kriege Hoffmann es zwar in den Griff – "aber um welchen Preis". Der Sitzungssaal des Rathauses als Aufführungsort sei "ein Riesenfehler", denn hier praktiziere Hoffmann, ohne den Raum "wie bei einer Ratssitzung wirken zu lassen", einfach "dampfenden, schwitzenden, lärmenden Naturalismus." Versuche man bei Ostermaier "jede Kleinigkeit in realistischer Possierlichkeit auf die Bühne zu bringen, hat man schon verloren. Der Text wird stumpf." So sei die Uraufführung nichts als "ein erster, lediglich quantitativ umfassender Umgang mit dem Stück". Von den Schauspielern ist Tholl sehr beeindruckt. Udo Wachtveitl spiele, "als habe er nie etwas anderes getan, als gemeinsam mit großen Mimen auf großen Bühnen zu stehen", ein "sympathischer Schauspieler, ausgestattet mit unaufgeregter Präsenz, der ab und an zu Momenten eisiger Härte fähig ist" und ein "Gespür für den zwischen Intellektualität und Albernheit changierenden Humor Ostermaiers hat".

Stefan Keim äußert sich auch in der Welt (12.5.2011) noch einmal. Ostermaier wolle "ganz aktuell" sein, "die durchs Internet geprägten Umwälzungen in der arabischen Welt durchschimmern lassen, deutsche Ängste satirisch zuspitzen und gleichzeitig einen heutigen Schiller schaffen". Dabei erzähle er erzähle "nicht kontinuierlich, springt zwischen Zeiten, auch zwischen Realität und Fantasie. Gerade wenn sich der Zuschauer einmal orientiert hat, kommt ein Bruch, und alles ist wieder anders." Die Schauspieler agierten zwar "mit großer Kraft, aber viel Energie läuft ins Leere". Und der Inszenierung fehle, so auch Keim, "eine überzeugende Form, was auch am Spielort liegt". Das "verwirrende, vielschichtige" und "qualitativ uneinheitliche" Stück" brauche eine "starke Atmosphäre, die sich mit Licht und Musik herstellen ließe", wofür die Technik des Ratssaals allerdings nicht ausreiche. Der Ort verströme "einen Realismus, der stört, je mehr aus dem Thriller ein Gedankendrama wird". "Dieses Stück braucht einen Regisseur mit starker Handschrift, nicht die feinen Verzierungen Hoffmanns. Die Körper dampfen, die Gedanken rasen, nur die Zuspitzung fehlt."

Andreas Rossmann von der Frankfurter Allgemeinen (12.5.11) sieht in Ostermaiers "Aufstand" nur "ein vermeintlich politisches Drama". Schon der Spielort sei "ein Missverständnis: rebellische Sätze im wilhelminischen Setting". Die Grundkonstellation von Schillers "Räubern" werde "übernommen und vulgarisiert", dazu stritten die neuen Räuber über das Pamphlets "Der kommende Aufstand" des "Unsichtbaren Komitees" von 2007. "Wie der Autor Klassiker und Kolportage, Schiller und Systemkritik ineinanderheinermüllert und verschachtelt, ist, positiv gesagt, hochkomplex und, nüchtern betrachtet, hochbeliebig: ein Konglomerat aus Szenenschnipseln und Sentenzen, Dialogfetzen und Monologblöcken, Bekenntnissen und Brüchen, Anspielungen und Zitaten, das sich weniger vexier- als verwirrspielerisch zerfasert." Mit großen Worten würden hier "Ereignisse suggeriert, die gar nicht stattfinden, Botschaften verkündet, als gäbe es welche, und Bedeutungen behauptet." Hoffmann setze die Schauspieler "unter Hochdruck, als ginge es ihnen um etwas. Schiller-Simulation. Die Karikatur politischen Theaters."

Auch aus Sicht von Martina Schürmann ist das Auftragswerk von Hoffmann "artiger als der Stoff erlaubt in Szene gesetzt", wie sie auf dem Portal Der Westen (11.5.2011) schreibt. Das Stück erzähle von einer "radikalisierten Gesellschaft, die das System nicht mehr verändern, nur noch sabotieren will". Der Texte lese sich "wie ein schwüles Gemisch aus Politik und Privatem, Erotik und Rebellion, Gefühlen und Gefasel". Dieser "ebenso ambitionierten wie anstrengenden Überwältigungs-Dramatik" begegne das "fabelhafte Ensemble (...) mit schöner Gelassenheit, die auch mal ei¬nen schnoddrigen Witz zu¬lässt, eine ironische Brechung des Parolen-Pathos. Vor allem der großartige Wolfram Koch schillert als ambivalenter Gruppen-Anführer Charles zwischen fiebriger Wut und eisiger Arroganz, zwischen Leidenschaft und Zynismus." Auch Schürmann wünscht sich "ein wenig mehr Radikalität im Zugriff".

Ebenfalls auf Der Westen (11.5.2011) berichtet Ralph Wilms von einem Treibhaus, zu dem die blick- und luftdicht verklebten Fenster, die geschlossenen Türen und die Scheinwerfer den Ratssaal gemacht hätten. Die "stickige, fast erstickende Schwüle des Premierenabends" passe allerdings "zum 'Lagerkoller' der Fünf", die bei Ostermaier "Revolution spielten und doch nur in ständig wechselnden Koalitionen gegeneinander agitierten". "Es war ein Kraftakt – nicht nur angesichts des Raumklimas. Mit enormer, für keinen Moment nachlassender physischer Präsenz" bewältige die Truppe den Text. "Ein politisches Stück" habe Ostermaiers nicht geschrieben – da seien "Don Carlos" oder "Maria Stuart" "politischer, analytischer". "Das mit hohem Pulsschlag getaktete Pendeln zwischen Tragödie und knalliger Farce gleicht weniger Schiller als vielmehr Brendan Behans 50 Jahre altem IRA-Drama 'Die Geisel'." Jedem der großartigen Revoluzzer gebe Hoffmann einen besonderen Moment – "der Applaus hätte noch stürmischer sein dürfen".


 
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