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Es gibt kein Außenleben

von Dirk Pilz

Wien, 13. Mai 2011. Zu Zeiten, als das Beichten noch geholfen hat, fanden die Menschen Trost im Erzählen von Geschichten. In jenen Zeiten aber, die das Beichten verlernt haben, zerfallen die Geschichten zu Brosamen des Nichts. Der New Yorker Theaterexperimentator Richard Maxwell kehrt sie in seiner neuen, bei den Wiener Festwochen präsentierten Inszenierung "Neutral Hero" zusammen. Er will aus ihnen eine Großgeschichte schaffen, er nennt sie Mythos. Eine schöne Unmöglichkeit: den Himmel abdichten, einen Gott erfinden, einen neuen, haltbaren Mythos errichten in himmel-, gott- und mythenferner Gegenwart.

Das Menschliche sind die Menschen

Zwölf schlichte Stühle stehen auf der Bühne. Ein Jeanshosenmann tritt auf, er verliest Anzeigen aus der New York Times. Eine Geburt wird vermeldet. Ein Tod wird beklagt. Die Scheinwerfer spenden grünes, blaues, rotes Licht. Ein anderer Mann erscheint, er spricht von Wolken, Himmelsbläue und einer Stadt mit 2500 Einwohnern, irgendwo in Amerika.

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Eine Frau, ein Bärtiger mit Hut: Sie zählen auf, was es gibt in dieser Stadt. Nadines Damensalon, das "Sportsport"-Sportgeschäft, die St. Henry-Kirche. Ein älterer Schlipsherr verkündet: "Ich liebe mein Land. Das Menschliche sind die Menschen."

Von hier aus biegt das Erzählen in verschiedene Richtungen ab, ins Allgemeinmenschliche und ins Konkretbiographische. Ein Held wird erfunden, ein junger Mann auf der Suche nach Liebe, Leben und dem verlorenen Vater. Der Held ist ein Mensch als Opfer seiner Träume, seiner Vergangenheit, seiner Phantasie. Wir hören Episoden von Gewalt und Geschlechtsverkehr, von Flucht und Heimkehr. Es wird erinnert und erdichtet, die Stadt weitet sich zusehends zur Welt, der Held wird zum Stellvertreter – und Beichter seines Daseins.

Ich will wieder fühlen können

Die Schauspieler der New York City Players, geübt im Vorführen unterspannter, minimalistischer Nicht-Figuren, gehen manchmal im Kreis und oft an die Rampe. Auf Gesten und Gesichtsausdrücke wird verzichtet, kein Wort wird herausgestrichen. Nichts soll nach Theater, alles nach Leben aussehen. Nach reiner, ungetrübter Erzählintimität. Nach nüchtern ehrlicher Beichtarbeit.

Aber die Geschichten zerfallen, die Sätze zerbröckeln, das Leben zerfasert. Zwischen den Szenen und Figuren herrscht eine Art Pakt der Nicht-Beziehung. Ein schwerer, wirrer Haufen Auseinandergelegenheiten wird aufgeschichtet. Eine Sammlung betont bezugloser Beicht- und Beschreibungsbrocken.

"Nichts ist stiller als das Vergessen."
"Es gibt nur das Jetzt."
"Ich will wieder fühlen können."
"Objekte wirbeln durch den Weltraum."
"Einsame Väter schreien nach Religion."
"Mein Sohn will wissen, warum er ist, wie er ist."

Jeder Satz, jeder Geschichtshappen ist eine Antwort auf eine unbekannte Frage. Je länger der Abend, desto schroffer tritt die Unmöglichkeit hervor, an der er sich abarbeitet: Es gibt keine neutralen Helden, keine geschichtsfreien Mythen, keine beziehungslosen Götter. Und – der Himmel ist leer, aber die Sehnsucht nach seiner Fülle hat uns noch nicht verlassen. Auf seine Weise erzählte abends zuvor auch "+-0", die neue Inszenierung von Christoph Marthaler, davon. Nur dass Marthaler durch Geistes- und Seelengebiete des Schweigens streift. Bei Maxwell wird immerfort geredet.

In wahrhaft verzweifelter Lage

Manchmal wird auch gesungen, zu Banjo,- Trommel- und Harmoniumklängen.

"Die Glocken klingeln, klingeling, und hör das Wasser."
"Schrei nach dem, was einmal war."
"Oh Sonnenstrahl!"
"Es gibt kein Außenleben."

Nicht für diese Inszenierung. Jeder Gesang ist hier eine Liturgie der Leere, ist Gebet ohne Gegenüber. Man kann so nicht beten, es gibt keine Liturgie der Leere. Die Unmöglichkeit, an der sich Maxwell versucht, erlaubt keine Zweifel an ihrer Existenz.

"Nur die, die weder einen inneren Ruf noch eine äußere Doktrin kennen, sind wahrhaft in einer verzweifelten Lage. Das heißt: es ist die der meisten von uns Heutigen, in diesem Labyrinth draußen und drinnen." Das schreibt der Mythen-Forscher Joseph Campbell in seinem Buch "Der Heros in tausend Gestalten"; es ist im Programmzettel zitiert. Maxwell bezieht sich ausdrücklich darauf.

Seine Inszenierung will indes, dass das Beichten wieder hilft. Sie will einen verlässlichen Gott zurück, einen dichten Mythos, einen Zusammenhalt, einen Sinn. Sie ist Rückzug ins Eigentliche, sie stolpert an den Rändern des Spielbaren entlang und sucht dort etwas, was im Theater bislang noch nicht gefunden wurde: Trost, das Leben, das Außerhalb des Theaters. "Neutral Hero" gibt keine Hinweise darauf, dass diese Suche erfolgreich sein könnte.

 

Neutral Hero
von Richard Maxwell und New York City Players
Text und Inszenierung: Richard Maxwell, Bühne und Licht: Sascha van Riel, Kostüme: Kaye Voyce, Dramaturgie: Tom King.
Mit: Lakpa Bhutia, Janet Coleman, Keith Conolly, Alex Delinois, Bob Feldman, Jean Ann Garrish, Rosie Goldensohn, Paige Martin, James Moore, Philipp Moore, Andie Springer, Andrew Weisell.

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

"Das Ensemble ist gut." Das ist das Positive, was Barbara Petsch in der Presse (15.5.2011) Richard Maxwells "Neutral Hero" abgewinnen kann. Ansonsten heißt es: "Die ineinandergeschichteten, teils überaus poetischen, lyrischen Erzählungen strömen aus den Akteuren heraus, unterbrochen von Balladen und Gesang im Stil jener Hymnen, mit denen Amerika seine Werte preist, die immer brüchiger werden." Man denke "an die vielen Bücher über den American Way of Life: John Updike, John Irving, Philipp Roth, T.C. Boyle oder den Apokalyptiker Cormac McCarthy. Die meisten dieser Bücher sind episch, aber nicht langweilig, was man vom dem 100 Minuten kurzen 'Neutral Hero' nicht behaupten kann."

"Stimmungen wie in menschleeren Gemälden von Edward Hopper und in Kinofahrten durch öde Kleinstädte des Mittelwestens. Sprechmenschen in kühler Beschwörungsmagie geführt wie Puppen." So beschreibt Hans Haider den Abend in der Wiener Zeitung (16.5.2011). "Aber zu sehen ist kein Funken Emotion." Maxwell baue sein Theater "aus einfachen Sätzen und gereimten Liedzeilen. Die glockenklare Sprache fasziniert auf dem Papier. Sie verneigt sich vor anderen Kleine-Leute-Milieubeschreibern wie Thornton Wilder ('Unsere kleine Stadt'). Doch die Zuschauererwarten sich Theater. Manche gaben bei der Premiere auf."

"Das postdramatische Theater der New York City Players gibt sich nicht mit so randständigem Unsinn wie regelrechten Stücken ab. Es erinnert in Textabsonderungen eher an das pädagogisch wertvolle Schul- und Laientheater", schimpft Ronald Pohl im Standard (17.5.2011). Der Versuch der New York City Players das "Außerordentliche, somit 'Heldische' als mittlere Größe wiedereinzuführen - das Theater also durch dessen Verzwergung zu retten" sei an diesem Abend gescheitert.

Richard Maxwell untersuche in "Neutral Hero" "das Amerikanische im Mythos", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (18.5.2011). Herauskomme allerdings bloß "naiv-pathetisches, pseudo-poetisches, schwer patriotisches, textlich zuweilen höchst kryptisches Erbauungs-und Erweckungstheater, fast möchte man sagen: Sektentheater (...) in simpelster Gemeindezentrums-Ästhetik". Das alles sei nicht einmal ironisch gemeint, "sondern eine gruppendynamische, tiefgläubige Heimatbodenfeier, wie sie schwer auszuhalten ist. Man sucht nach Brüchen, Zitaten, Selbstkritik, nach Analogien zu anderen literarischen Amerika-Streifzüglern (...) – aber nichts davon hilft einem hier auf die Sprünge". Dass die Produktion auch noch unter 'Musiktheater' firmiere, sei "ein Witz".

 
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