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Im Echoraum des Trash-TV

von Steffen Becker

Linz, 13. Mai 2011. Kindesmisshandlung, Drogenmissbrauch, verzweifelte Hausfrauen, das Jugendamt. Mit heutigen Nachmittags-TV-Augen betrachtet wäre Gerhart Hauptmann ein toller Autor für skripted reality. In "Die Ratten" ist alles drin, was das Publikum auch hundert Jahre später noch zu fesseln vermag.

ratten christian brachwitz
© Christian Brachwitz

Entsprechend groß muss für eine Regie der Reiz sein, bei der Bearbeitung total auf Hier und Heute zu setzen. Bernarda Horres fährt in ihrer Inszenierung am Landestheater Linz einen sensibleren Kurs. Sie vertraut darauf, dass das Stück aus sich heraus genug über die jetzige Gesellschaft sagt. Gut, die Tochter der süchtigen Frau Knobbe hängt vorm Fernseher und schaut Spongebob Schwammkopf. Andererseits führt Horres die Schauspieler in einen Duktus nah am Orginaltext, inklusive Berliner Dialekt.

Kokettieren mit Unterschichts-Striptease

Man ertappt sich dennoch bei der Suche nach Bezügen zu Produkten des Trash-TV. Der erbitterte Streit der Frauen, wer die wahre oder bessere Mutter für das Kind der verzweifelten Pauline Piperkarcka ist – ein Hauch von "Frauentausch". Das Jammern der drogenkranken Frau Knobbe – ein Talkshow-Echo zum Thema "Er hat mich auf den Strich geschickt". Das Krimipuzzle vor der Auflösung der Geschichte – ein Fall für Lenßen und Partner.

Die Inszenierung kokettiert mit dem Unterschichten-Striptease, ohne allerdings in den Sozialporno abzudriften. Katharina Hoffmann als kinderstehlende Jette John bewältigt diesen Drahtseilakt am besten. Mit der halb herausgewachsenen Blondierung und dem Leopardenmuster-Oberteil sieht sie auf den ersten Blick aus wie die perfekt gecastete Protagonistin einer Hartz-IV-Doku.

Die Überraschung folgt sofort: Sie wirkt darin sehr echt. Sie liebt und verteidigt das übernommene Kind mit der Verzweiflung einer Frau, die weiß, dass Mutterschaft das einzige Glück sein wird, das das Leben einer Putzfrau mit selten anwesendem Mann schenken wird. Man nimmt ihr das Muttertier genauso ab wie die pragmatische Schnodderschnauze, die Nudeln mit Pesto Rosso kocht, um ihre Konkurrentin zu besänftigen.

Abrutschende Mittelschicht

Ein Glanzlicht setzt auch Sven-Christian Habich als Ex-Theaterintendant Harro Hassenreuther. In ihm kulminiert der stärkste aktuelle Bezug: Die abrutschende Mittelschicht trifft auf Immer-Schon-Unterschicht. Habich schafft es mit jovialer Arroganz gepaart mit sozialem Anstrich, seinem Hassenreuther Immunität zu verschaffen gegen die Einsicht in seine kippelige Situation. Nicht nur optisch meint man eine nur leicht übertriebene Version von Claus Peymann vor sich zu haben.

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Die Absurdität seiner Grenzziehung zwischen ihm und denen unterstreicht das offene Bühnenbild von Anja Jungenreich. Da Horres den bürgerlichen Erzählstrang um Hassenreuther stark gekürzt hat, gibt es auch keine räumliche Trennung zwischen der bürgerlichen und proletarischen Welt. Die Figuren bewegen sich alle auf einer offenen Bühne über einen Boden mit der aufgemalten Fensterfront einer Mietskaserne.

Nach hinten verjüngt er sich zu einer Art Half-Pipe, die allerdings erst nach der Pause ihren Zweck erfüllt als unüberwindliches Hindernis gegen Ausbruchsversuche aus dem Milieu. Davor spitzt sich das Drama zu.

Im Gegensatz zur Pseudo-Doku steht am Ende jedoch keine Lösung oder Fazit. Nur der Rückzieher Hassenreuthers, dass er leider keine Zeit hat, sich um das schließlich völlig verlassene Baby zu kümmern.

 

Die Ratten
von Gerhart Hauptmann
Regie: Bernarda Horres, Bühne: Anja Jungheinrich, Kostüme: Alexandra Pitz, Dramaturgie: Kathrin Bieligk.
Mit: Sven-Christian Habich, Silvia Glogner, Angela Šmigoc, Manuel Klein, Markus Subramaniam, Katharina Hofmann, Aurel von Arx, Barbara Novotny, Bettina Buchholz, Anja Jemc, Karoline Schragen.

www.landestheater-linz.at


Andere Die Ratten inszenierte u.a. David Bösch im Januar 2011 am Schauspielhaus Bochum. Michael Thalheimers am Deutschen Theater entstandene Version des Dramas war 2008 zum Theatertreffen eingeladen.

 

Kritikenrundschau

Die "Ratten" hätten in Linz "mit zur Hysterie übersteigerten Ausbrüchen und zur Lächerlichkeit übertriebenem Gejammere die Schärfe dieses Sozialdramas" verloren, meint Silvia Nagl in den Oberösterreichischen Nachrichten (16.5.2011). "In dieser Inszenierung von Bernarda Horres kommt es immer wieder zu störenden, ja manchmal auch peinlichen bis lächerlichen Gefühlseruptionen und ärgerlichen Überlagerungen von gesprochenem Text und Gewimmer. Wie überhaupt störend ist, dass zumeist Fernseher oder Plattenspieler laufen." Manches in der Inszenierung werfe "Rätsel auf: Wieso beispielsweise muss Angela Smigoc schreiend sechs Mal gegen die Wand rennen und sich die Knie aufschürfen? Einmal hätte es auch getan. Warum muss Aurel von Arx als entrückter Bruder der Frau John barfuß Kletterkünste zeigen, sich sprachlich aber an undeutliches Nuscheln halten?"

Margret Czerni (Neues Volksblatt, 16.5.2011) vermisst in Bernarda Horres' Inszenierung "die dem Komödienteil angemessene Personenführung. Umso mehr wird geschrien und outriert, umso tragischer rollt das weitere Geschehen in der jeder Stimmung baren Allzweckbühne von Anja Jungheinrich ab." Schade sei, "dass Horres dieses Großstadtthema, das Hauptmann als Symbol für eine moralisch herabgekommene Gesellschaft behandelt hat, von der wir aktuell gar nicht so weit weg sind, nicht griffiger gestaltet hat, sondern der Langatmigkeit ihren Lauf ließ. Der Beifall hielt sich in Grenzen."

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