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Mit dem kleinen (Stasi-)Mann im Ohr

von Esther Slevogt

Berlin, 17. Mai 2011. Möglich, dass die DDR auf Grund von Vorkommnissen wie diesem untergegangen ist: an einem Märztag in den frühen achtziger Jahren geht um 15.35 Uhr in der Telefonzentrale des Zentralen Operationsstabs des Staatssicherheitsdienstes der DDR der Bericht eines Abschnittsbevollmächtigten ein, der auf der Straße Unter den Linden, etwa in fünfzig Metern Höhe über dem Prinzenpalais, einen herzförmigen Luftballon schweben sah. Hernach sei der rote Herzballon am Palast der Republik vorbeigeschwebt, und schließlich vor dem Palasthotel niedergegangen. Nun sei der Ballon verschwunden. Wahrscheinlich habe ein Bürger ihn an sich genommen.

An dieser Stelle wird der Beamte am anderen Ende der Leitung hellhörig, der den Bericht des Außendienstkollegen bisher nur mit einem stoischen "hmhm" nach jedem Halbsatz kommentiert hat. Ob da irgendwelche Zettel drangehangen hätten, an den schwarzen Schnüren des roten Herzluftballons. Das aber kann der Mann am anderen Ende der Leitung nicht sagen. Und das Gespräch ist aus – ein dokumentarischer Tonschnipsel aus den Archiven des Ministeriums für Staatssicherheit, der eine leise Ahnung davon vermittelt, was für ungeheure Energien für allersinnloseste Untersuchungen verschwendet worden sind, die woanders womöglich produktiver hätten eingesetzt werden können.

Wachsam sein immerzu und das Herz ohne Ruh'

Man hört das Telefonat jetzt, fast drei Jahrzehnte später, ziemlich genau an jenem Ort, wo der Ballon damals zuerst gesichtet wurde – über Kopfhörer, die an ein Smartphone angeschlossen sind. Erhalten hat man es in der ersten Etage des Foyersockels, der den Fernsehturm am Alexanderplatz umschließt und gerade zu einer Art Shopping Mall ausgebaut wird. Und einmal das stolze Wahrzeichen der Hauptstadt der DDR gewesen ist.

Das Kollektiv Rimini Protokoll ist für sein jüngstes Projekt "50 Aktenkilometer" tief in die Archive der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen getaucht, hat Telefonmitschnitte und Überwachungsprotokolle daraus zu Tage befördert, und mit Menschen gesprochen, die entweder als Täter oder Opfer in das Stasi-System geraten sind. Auch gesprochene Anleitungen zur Wachsamkeit dem allseits auf seine Chance zur Sozialismusvernichtung lauernden Klassenfeind gegenüber sind darunter. Oder lustige Marschlieder, die (wie im Kundschafterlied) die Kämpfer an der unsichtbaren Front besingen, und die Spitzeltätigkeit in den oberen Preisklassen des Heldentums ansiedeln: "Wachsam sein immerzu/ und das Herz ohne Ruh'." Was man nun hört, während man gerade am abgeräumten Schloßplatz vorbeigeht, wo einst der Palast der Republik sich befand.

Und so gerät man mal mehr, mal weniger tief in ein Gespinst aus kleinen Hörstücken hinein, das die Stadt von heute mit der Tonspur einer vergangenen Zeit unterlegt. Sie aktivieren sich per GPS-Ortung, in dem man bestimmte Punkte ansteuert, innerhalb eines Areals zwischen Rosa-Luxemburg-Platz und Brandenburger Tor, dem ehemaligen "Checkpoint Charlie" im Süden und der früheren "Ständigen Vertretung" der Bundesrepublik Deutschland in der DDR im Norden. Im Hörstück erzählt eine Frau davon, wie sie einst diese BRD-Botschaft stürmte, um ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen.

Mit Bart und Perücke bei Brecht um die Ecke

Das entwickelt gelegentlich seinen Charme. Doch so recht will sich der Effekt, dass man als Spaziergänger der Gegenwart in den Tonsog der Vergangenheit gerät, nicht einstellen. Das Suggestivste sind stets die Mitschnitte aus der Stasi-Telefonzentrale, samt Knacken in der Leitung (und Rauschen auf den Bändern), die von der Paranoia dieses untergegangenen Staates erzählen, der noch in harmlosesten Vorkommnissen und Personen eine Bedrohung sah. Aber der Gag mit den Stasi-Gesängen, die sich immer wieder in größeren Lauflöchern zwischen Hörpunkten aktivieren, funktioniert nur einmal. Dann denkt man: hier sind Rimini-Protokoll doch eher den Spreewaldgurken-Klischees pittoresker DDR-Memorabila erlegen. Eine nähere phänomenologische Untersuchung fällt aus.

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Roland Jahn, Chef der Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen, bei "50 Aktenkilometer".
© Bettina Straub/Deutschlandradio

Wer damals schon lebte, erfährt nicht wirklich etwas Neues auf diesem Spaziergang durch die Stadt und die Zeit. Im Theaterdistrikt beginnt der Parcours mit einer konspirativen Stasiadresse in der Reinhardtstrasse 8, wo nicht nur vom Balkon aus kräftig fotografiert wurde, was sich zwischen Grenzübergang Friedrichstraße und dem Friedrichstadtpalast so tat. Hier befand sich auch ein Verkleidungsdepot, in dem sich die staatlichen Beschatter mit falschen Bärten und Perücken ausstatten konnten. Und das um die Ecke vom BE, wo einst Brechts Bettlerkönig Peachum mit seinem Ausstattungsbetrieb für Bettler das Licht der Welt erblickte! Davon aber erzählen der Schriftsteller Lutz Rathenow und Theaterregisseur Hans-Joachim Frank nicht, wenn man das Haus am Schiffbauerdamm nun passiert. Sie räsonieren nur – ein wenig allgemein – über das komplexe Verhältnis von Staat und Künstlern, über Zensur und Selbstzensur.

Am Spannendsten sind ohnehin nicht die im Tenor oft schon bekannten Berichte der Stasi-Opfer, sondern die Reflexionen derer, die das System mitgetragen haben. Hans-Dieter Schütt zum Beispiel, heute Theaterkritiker des "Neuen Deutschland", einst Chefredakteur der FDJ-Zeitung "Junge Welt", der die Person, die er in der DDR gewesen ist, sehr kritisch befragt und sein Erwachen aus der Verblendung beschreibt. Oder Salomea Genin, NS-Verfolgte und eine der wenige jüdischen Bürger der DDR, die nach ihrer Rückkehr nach Deutschland aus politischer Überzeugung IM geworden war und nun etappenweise erzählt, wie sie langsam sehend wurde.

Dumm und nassgregnet im Palasthotel

Aber es gibt auch Momente, die einen durch Plattheit und Übergriffigkeit peinlich berühren. Wenn beispielsweise Mario Röllig (der auch schon in Clemens Bechtels Potsdamer Staats-Sicherheiten dabei gewesen ist) berichtet, wie er sich mit seinem Lover aus dem Westen immer wieder im Palasthotel traf und angesichts der Allgegenwart von Stasimitarbeitern in der Lobby bei jedem Treffen paranoider wird. Als Teilnehmer am Projekt ist man auch aufgefordert worden, selbst in die Lobby des Hotels einzutreten, das sich heute an diesem Ort befindet. Man tut es. Und da flüstert einem nun ein gegenwärtiger IM von Rimini Protokoll ins Ohr, man solle sich umsehen, ob man selbst nicht beobachtet und überwacht werde. Wie man da so dumm und nassgeregnet mit seinen überdimensionierten Kopfhörern zwischen den schicken Gästen der Hotelbar steht. Da konnte man nur peinlich berührt die Flucht ergreifen und erleichtert zur Kenntnis nehmen, dass der Akku des Smartphones ohnehin nach fast fünf Stunden kurz vor dem Kollaps stand.

 

Radioortung 2: 50 Aktenkilometer. Ein begehbares Stasi-Hörspiel
von Rimini Protokoll (Helgard Haug, Stefan Kaegi & Daniel Wetzel)
Recherche und Dramaturgie: Sebastian Brünger, Mitarbeit Recherche: Michael Hoh, Sprecherstimme: René Stäbler, technische Produktionsleitung: Falco Ewald, Produktionsleitung: Heidrun Schlegel, Katja Sonnemann.

Nur, dass mal sichtbar wird, wer hier alles bezahlt: Eine Produktion von Deutschlandradio Kultur und Rimini Apparat in Koproduktion mit dem HAU, gefördert durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten und den Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien, mit beratender Unterstützung der Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen und der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., in Zusammenarbeit mit dem Theatertreffen tt11, mit freundlicher Unterstützung von Sony Ericsson.

www.hebbel-am-ufer.de

www.dradio-ortung.de

 

Mehr dazu: Für das Handyhörspiel-Projekt "Radioortung" können vorprogrammierte Handys im Fernsehturm am Alexanderplatz (Panoramastr. 1a) bis zum 13. Juni täglich ab 14 Uhr ausgeliehen werden. Empfohlene Laufzeit: 2-4 Stunden. Karten sind über den Koproduktionspartner HAU erhältlich. Ab Mitte Juni können Smartphone-Besitzer sich die kostenlose Android App herunterladen. Weitere Informationen auf http://dradio-ortung.de.

 

Kritikenrundschau

"Möglichst unterschiedlich sollten die Haltungen der Einzelnen sein, um eine vielstimmige und stark kontrastierte Materialsammlung zu gewinnen", sagt Andrea Gerk (Deutschlandradio Kultur, 17.5.2011). Sie zitiert hierzu Helgard Haug von Rimini-Protokoll: "Ich glaub', die Befürchtung ist ja immer zum einen, die Perspektive der Täter einzunehmen. Also zu sagen, man versucht sich da rein zudenken, warum so was überhaupt stattfand, also in welchem Umfang überhaupt observiert wurde, dass die Leute sich privat die ganze Zeit protokolliert haben oder bis ans Messer geliefert haben. Das find ich persönlich total interessant, zu fragen, warum ist das denn passiert und was für eine Rolle hätte ich denn da gespielt. Da ist, glaub ich ­– auch niemand so ganz frei davon." Und je länger man sich durch Berlins Mitte bewege, so Gerk, "umso mehr überlagern sich die bunten, von Touristen bestimmten Wege mit den grauen und grauenhaften Bildern der Vergangenheit". Das sei "minimalistisches Theater, bei dem man zunehmend sensibler wird für die eigene Wahrnehmung" Man verstehe, "dass nur ein winziger Schritt entscheidet, auf welcher Seite eines Überwachungssystems man sich befindet".

Das "begehbare Hörspiel" von Rimini Protokoll "50 Aktenkilometer" sei "ein Augen öffnender Gang in die DDR-Geschichte wie in die gegenwärtige Selbsterfahrung jedes Menschen", schreibt Doris Meierhenrich für die Berliner Zeitung (20.5.2011). Dass man auf seinem Weg durch die Stadt von den "Performern digital dauerobserviert" werde, realisiere man vollends erst, wenn einem die eigene zurückgelegte Route am Ende als Plan ausgehändigt werde – dann "fährt einem der unerwartete Stich durch die Magengrube." Auf seinem Weg durch die Stadt verlasse man "alles Routinewissen und gerät unversehens in fremde Wahrnehmungsstadien". Bald kämpfe man "mit dem Ehrgeiz des schnüffelnden Pedanten in sich." Die Tour biete "dramatische und tragische, widersprüchliche und in ihrer Banalität bitter lachhafte Geschichten" und sodass die "Reise ins Labyrinth des Verdachts wie im Fluge" vergehe.

"Seit kurzem (und bis auf weiteres) ist die Audio-Installation über das Internet frei verfügbar: Wer ein Android-Smartphone besitzt, kann die Applikation herunterladen und die '50 Aktenkilometer' auf eigene Faust erkunden. Anhand des dazugehörigen Stadtplans (zu beziehen beim HAU) macht man sich auf den Weg. Gerät man in den Empfangsbereich einer Audio-Station, wird das Handy lebendig", berichtet Sieglinde Geisel in der NZZ (30.6.2011). Während man zum Beispiel im Café Einstein Unter den Linden einen Platz sucht, sagt die Stimme aus dem Handy: "Schauen Sie sich um. Wem würden Sie etwas anvertrauen? Aus wem könnten Sie hier Informationen holen?" Diese inszenierte Aufforderung zum Mitspielen fegt die Erzählung von Matthias Melster gleich hinweg, der von fünf Monaten Isolationshaft berichte. Fazit: Es ist, als spräche die Stadt zu einem, "die Stadt wird persönlich - ein Besucher, der sich Berlin auf diese Weise nähert, ist kein Tourist mehr".