altEs darf gelacht werden!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 19. Mai 2011. Rückblende. Elf Jahre zuvor, Theatertreffen-Stückemarkt 2000, Foyer des Berliner Schillertheaters. Man glaubt es kaum: Es darf gelacht werden. Auf dem Podium sitzen Astrid Meyerfeldt, Katrin Klein, Michael Maertens und Lars Eidinger, und sie entfesseln ein komisches Inferno. Wehrlos sind die Zuhörer den auf sie einschlagenden Pointen ausgesetzt, die in der Hauptsache um einen Mann kreisen, der vielleicht tot, vielleicht lebendig, vielleicht aber auch gar nicht in einer Truhe mitten im Wohnzimmer liegt.

Ich wage zu behaupten, dass David Gieselmanns "Herr Kolpert" die bislang lustigste Lesung in der Geschichte des Theatertreffens war (was schon allein die naserümpfende Reaktion des Berliner Feuilletons bewies). Wozu andererseits gar nicht so viel gehört, denn mit dem Lustigen hatte es der Stückemarkt und hatten es wohl auch die sogenannten Nachwuchsdramatiker nicht allzu sehr.

Eine stupende Mediensatire von Mario Salazar

Schnitt. Die Gegenwart, Theatertreffen-Stückemarkt 2011, Kassenhalle des Hauses der Berliner Festspiele. Familie Neumann kuschelt und drängelt sich auf einem runtergerockten Sofa. Während draußen der Aufstand der Anarchisten wütet, läuft hier drinnen der Fernseher, in dem die Familie sieht, wie draußen der Aufstand der Anarchisten wütet. In ihrem gesunden Weltverständnis lässt sich vor allem Mutter Iris nicht beirren: Die Welt ist nicht, was der Fall, sondern was im Fernseher ist. Und nach den Nachrichten mit den langweiligen Anarchisten, die der Staat doch endlich mal wegbomben könnte, kommt ja noch die Show, in der Familie Kaminski um einen Arbeitsplatz spielt: "Das sind solche Schwachköpfe. Die sind so doof. Sie müssen gegen einen Löwen kämpfen. Ich muss das sehen."

Ja, ich weiß: Mediensatire! Gähn! Das hatten wir schon. Doch dazu ist zweierlei zu sagen. Zum einen: Solange – um mit dem Soziologen Harald Welzer zu sprechen – "der Umstand, dass es beim neuen iPad womöglich zu Lieferengpässen kommt, weil Japan notwendige Bauteile im Moment nicht liefern kann, am Ende schockierender wirkt als das Verrecken von Millionen von Menschen", solange scheint im Grunde auch die plumpste Medien- und Konsumkritik noch immer angebracht. Und dann: Wenn das Ganze so irre lustig daherkommt wie in der Komödie "Alles Gold was glänzt" des 1980 geborenen Berliners Mario Salazars, dann lässt man sich Mediensatire doch recht gerne gefallen.

Lasst uns spielen: Star Wars oder NVA

Denn das ist die gute Nachricht: Es gibt wieder junge Dramatiker, die Komödien schreiben können. Bei Salazar (wie ja auch vor elf Jahren bei David Gieselmann) findet man ein stupendes Dialoggeschick – die Repliken sitzen pointensicher, die running gags sind wohldosiert über das Stück verteilt, die virtuos geschnittene Überlappung von nebeneinander herlaufenden Dialogen sorgt für zusätzlichen Witz, und zwischendurch erden eingestreute Monologe das Tempo.

Salazars drollige Überzeichnung seines Typenarsenals tut ein Übriges: Fast stoisch nehmen die drei Generationen der Neumanns ihren fortschreitenden sozialen Abstieg hin, indem sie sich mit ihren diversen sie ruhigstellenden Steckenpferden ablenken – das kann die Sammlung der NVA-Orden sein oder das "Star Wars"-Computerspiel, dem lebendige Figuren entsteigen.

Die Komödienstruktur des Stücks ist so robust, dass bei einer Aufführung eigentlich kaum etwas schiefgehen kann. Und so vermag auch schon die schnell hininszenierte szenische Einrichtung Florian Fiedlers mit einem famos chargierenden Ensemble (aus dem die ihre Sätze im Margit Bendokat-Sound herausknatternde Margit Bendokat als Mutter Neumann noch einmal herausragt) das Publikum mühelos zu kriegen.

Komische Talente im Dramatikerworkshop

Dass Mario Salazar nicht das einzige komische Talent unter den Jungdramatikern ist, hatte sich bereits zwei Stunden zuvor bei der Präsentation der drei Teilnehmer am (von John von Düffel geleiteten) Dramatikerworkshop des Stückemarkts gezeigt. In einer Szene aus Benjamin Lauterbachs "Der Chinese" durfte sich dort eine andere deutsche Musterfamilie vorstellen, die einem von der chinesischen Regierung entsandten Kundschafter das Erfolgs- und Glücksmodell deutscher Lebenskultur nahebringen soll. Wunderbar absurd ist bereits, wie sich die Familie schon im Vorhinein gutmenschelnd auf den Gast positiv einzuschwingen versucht, gipfelnd in dem euphorischen Satz des Sohnes: "Ich habe den Chinesen jetzt schon lieb, obwohl er noch gar nicht da ist."

Glaubte man den Auguren in Form der ersten Stückmarkt-Gesamtbesprechungen in den Feuilletons, so ging Mario Salazar als Favorit ins Rennen um die Preise. Er erhielt dann aber "nur" den Preis "Theatertext als Hörspiel", der die Realisierung des Stückes bei Deutschlandradio Kultur nach sich zieht (siehe die Meldung zur Preisvergabe). Der "Förderpreis für neue Dramatik" ging an Juri Sternburgs auch nicht unkomisches "der penner ist schon wieder woanders". Der Werkauftrag des Stückemarkts aber wurde an Anne Lepper erteilt, und das mit gutem Grund. Mit ihrem bei der Workshoppräsentation wohl etwas unter Wert, weil zu läppisch nebenbei verkauften Stück "Hund wohin gehen wir" war sie die wohl einzige unter den ausgewählten Autoren, die sich zu so etwas wie einem eigenen Sprachstil vorwagte.

Während sich die Komödianten – wie versiert auch immer – bei einer im Film- und Fernsehrealismus vorgeprägten Sprache bedienen, hat Anne Lepper ihre um einen Außenseiter in einem Kinderheim herum gebaute Geschichte mit durchaus artifiziellen Rhythmen versehen, die repetierend einzelne Worte umkreisen oder sie fremd und mitunter fast archaisch aufleuchten lassen. "Immer hat die ganze Leberwurst der Hund bekommen und nicht das Kind die ganze Leberwurst dem Hund und nicht dem Kind was das ein Gott ist der dem Hund alles gibt und dem Kind nichts". Das ist jetzt nicht unbedingt sehr lustig. Aber es muss ja auch nicht gleich alles lustig sein.


Alles Gold was glänzt
von Mario Salazar
Szenische Einrichtung: Florian Fiedler, Dramaturgie: Bert Zander, Ausstattung: Kathrin Frosch.
Mit: Margit Bendokat, Horst Kotterba, Anja Schneider, Ole Lagerpusch, Christian Grashof, Andreas Leupold, Aljoscha Stadelmann, Halito (Pferd).

Präsentation Dramatikerworkshop:

Hund wohin gehen wir
von Anne Lepper

Schiffbruch
von Rebecca Christine Schnyder

Der Chinese
von Benjamin Lauterbach

Leitung und Moderation: John von Düffel, Szenische Einrichtung: Tilmann Köhler, Austattung: Nora Johanna Gromer.
Mit: Meike Droste, Julischka Eichel, Ursula Werner, Max Simonischek.

www.stueckemarkt.de


 
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