Vom Recht, sich schlecht zu fühlen

von Alexander Schnackenburg

Bremen, 19. Oktober 2007. Es ist schon paradox. So gründlich sich Lukas Holligers Figuren auch selbst belügen, haben sie doch zuweilen etwas bestechend Ehrliches an sich. Beinahe unvermittelt sagen sie dann solch wunderbare Sätze wie: "Ich wollte dort nie sein und ich will hier nicht sein" (Michael), "Alles in meinem Leben ist Spielmaterial" (Patrick) oder auch "Ich habe immer im richtigen Augenblick gekniffen" (Hermann). Um letzteres, um das Kneifen, geht es dem Autor in seinem neuen Stück "Angst verboten", jetzt uraufgeführt am Theater Bremen.

Im Zentrum der Raumbühne des Moks-Theaters steht wie fest gewachsen ein Mann, der laut Regieanweisung eigentlich sitzen müsste: Hermann, ganz und gar nicht stolzer Vater eines Sohnes und einer Tochter, ist seit einem Autounfall an den Rollstuhl gefesselt. Doch die junge Regisseurin Alice Buddeberg hat das Stück entnaturalisiert: Bei ihr spielt nicht nur alles auf derselben kargen Dachterrasse – auch gibt es in Buddebergs Konzept für Rollstühle oder Wohnzimmersessel (und manch andere Requisite) keinen Raum.

Ein schwankender Turm

Statt auf Ausstattungstheater setzt die Regisseurin auf ebenso einfache wie überraschende Verfremdungseffekte. Wie ein – gleichwohl sehr wackliger, immer mal wieder schwankender – Turm scheint der Schauspieler Siegfried W. Maschek in der Rolle des Hermann die übrigen Figuren zu überragen. Warum das so ist, leuchtet dem Zuschauer unmittelbar ein: dieser Mann, so albern er auch in seinem reichlich kurz geratenen Trainingsanzug aussieht, ist das Familienoberhaupt – bei aller Hilfsbedürftigkeit, die seine Querschnittslähmung mit sich bringt.

Hermann steht seiner Familie allerdings nicht deswegen vor, weil uns Lukas Holliger in die fünfziger Jahre zurückversetzen wollte, sondern schlicht, weil er die Miete der gemeinsamen Wohnung zahlt. Schnell wird deutlich, worin die Gegenleistung der – durch die Bank ebenso albern kostümierten – Familienmitglieder besteht, des Schwiegersohns Sven (Jan Byl), der Tochter Jana (Franziska Schubert) und des Sohns Michael (Johannes Flachmeyer): Sie müssen die furchtbaren Launen und das fortwährende Gejammer des Alten ertragen. Mit der Wohnung hat sich Hermann gleichsam das Recht erkauft, sich von allen am schlechtesten fühlen zu dürfen.

Und das will was heißen. "Angst verboten" ist ein Stück der Jammerlappen. Zumindest sämtliche Herren auf der Bühne haben eines gemeinsam: Sie sind Gefangene der eigenen Ängste – und ergehen sich in Selbstmitleid. So, wie sich der eine vor Prüfungen fürchtet und es deswegen lieber gar nicht erst drauf ankommen lässt, ängstigt sich der andere vor der familiären Verantwortung – und schlägt den Kinderwunsch seiner Frau vorsichtshalber aus. Zwar gestattet sich niemand, das Problem mit der großen Angst offen zu thematisieren, mit der schlechten Grundbefindlichkeit aber hält keiner hinterm Berg.

Klischees und wandelnde Karikaturen

Die Voraussetzungen, die sich Holliger geschaffen hat, um nun wahlweise eine bittere Komödie oder ein packendes Drama zu entwickeln, sind im Grunde hervorragend. Doch leider vermag der Autor das Niveau nicht annähernd zu halten. Vielmehr scheint es, als könne Holliger die selbst aufgebaute Spannung nicht ertragen. Statt die Geschichte mit der gleichen Sorgfalt fortzuspinnen, macht er sich durch banale Gegensätze und plumpe Klischees alles kaputt: Mit dem abenteuerlustigen Nebenbuhler Patrick (Maximilian Grill) führt er eine wandelnde Karikatur als fünfte Figur ein.

Den weinerlichen, frustrierten Herren stellt er mit Jana eine mutige und tatendurstige Frau gegenüber.  Auf Kosten des ohnehin blässlichen Schwiegersohns weidet er ohne jede Not das Klischee vom penetranten, schleimigen Versicherungsvertreter aus: Holliger verliert sich in Nebenschauplätzen – und opfert das Stück dem Klamauk.

Schließlich erwürgt Hermann zum Entsetzen seiner Tochter einen kleinen Hund und fühlt sich auf einmal viel besser: weil er ja nun seine Angst vor Hunden besiegt hat. Der Zuschauer sieht es mit einer gewissen Ratlosigkeit. Dass er das Geschehen überhaupt noch verfolgt, ist letztlich das Verdienst einer klugen Strichfassung, die die allzu albernen Auswüchse des Stücks behutsam glättet.


Angst verboten
von Lukas Holliger
Regie: Alice Buddeberg; Bühne und Kostüme: Sandra Rosenstiel.
Mit: Franziska Schubert, Siegfried W. Maschek, Johannes Flachmeyer und Jan Byl

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

Für Benno Schirrmeister (taz Bremen, 22.10.2007) verdient Lukas Holligers Stück "Angst verboten" die Bezeichnung "Tragikfarce". Es gebe sich wie ein "beklemmendes Kammerspiel", verfalle aber "in krachende Komödienszenen und am Ende, das wieder Herzklopfen provozieren zu wollen scheint – kehrt die nötige Spannung nicht zurück." Denn die Familiensituation habe sich da "schon zu sehr als eine am Reißbrett entworfene Möchtegern-Hölle denunziert". Der könnten auch die "kluge, strenge Regie" von Alice Buddeberg und die "starke Schauspieler keinen Schrecken abgewinnen."

 
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