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Gleich bei Schilda, auf dem Weg zur Hölle

von Ulrich Fischer

Essen, 21. Mai 2011. Essen ist der ideale Ort für diese deutschsprachige Erstaufführung. Denn Michal Walczak, ein bei uns noch kaum bekannter Dramatiker (Jahrgang 1979) aus Polen, lässt sein "Bergwerk" in einer Stadt spielen, in der es längst zugemacht hat – nicht zufällig hat Walczak das Stück für das Theater der Bergbaustadt Wałbrzych mit deren stillgelegter Zeche entwickelt. Zappenduster – die Ähnlichkeiten zwischen einer polnischen und einer deutschen Stadt, die den zentralen Arbeitgeber verloren haben, sind unübersehbar.

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Walczak lässt bei seinem Bühnenpersonal keine Wünsche übrig: Alt und Jung, Frau und Mann, Arm und Reich, (schein)heilig und profan bilden den repräsentativen Querschnitt einer schäbigen, heruntergekommenen kleinen Stadt, die Polen heute, das nachsozialistische Polen repräsentiert. Satiriker haben ja immer wieder den nationalen Stolz selbstverliebter und wirklichkeitsblinder Eliten düpiert, indem sie ihr jeweiliges Land nicht mit einer prosperierenden, glänzenden Metropole gleichsetzten, sondern mit Plundersweilern, Krähwinkel, gleich bei Schilda, auf dem Weg zur Hölle: Lasst alle Hoffnung fahren!

Absurde Geisterbahn mit realistischen Elementen

Die Lage ist aussichts-, hoffnungs-, herz- und hirnlos. Seitdem das Bergwerk geschlossen ist, hat keiner mehr Arbeit. Sogar der Priester ist verzweifelt. Keiner stirbt, heiratet oder zeugt Kinder, so dass eine Taufe nötig wäre. Wie soll der heilige Mann so sein Brot verdienen? Und Geld für neue Glühbirnen für sein mannshohes Kreuz? Es verliert schon an Leuchtkraft. Er, wie alle anderen, warten. "Warten!?" – Da war doch was? Walczak macht Anleihen bei Beckett, beim absurden Theater, das er mit realistischen Elementen bis zur Glaubwürdigkeit vermischt – es ergibt sich eine akute Lähmung, keine Bewegung, nirgends. Polnischer absurder Realismus mit europäischen Anklängen, das erinnert an Slawomir Mrożek.

Ausstatterin Henrike Engel hat eine Geisterbahn entworfen und auf die Drehbühne gestellt. Niemand soll sich von den bunten Lichtern täuschen lassen, um hundertachtzig Grad gedreht sieht jeder: nichts als Fassade aus billigem Sperrholz. Zu ihren Kostümen hat sich die gnadenlose Ausstatterin von langen Unterhosen und schäbigen Schlafanzügen inspirieren lassen. Der Präsident trägt einen gelben Pyjama, darüber einen Bratenrock aus dem 19. Jahrhundert zu einer blauen Schärpe und einem Karnevalsorden. So üppig haben es die andern nicht.

Walpurgisnacht mit Tomatensoße

Initiative wäre erfordert – aber sie kommt nicht. Alle warten auf einen Anstoß von außen. Als der Präsident in die Hauptstadt fährt, um bei einem alten Genossen aus der Zeit vor der Wende Hilfe zu suchen, weist der ihn ab. Die schon fast erstorbene Hoffnung erwacht, als ein Fremder kommt. Für die junge Frau ist klar, dass er nach dem neuen Superstar fürs Fernsehen sucht, also nach ihr. Die anderen hoffen ebenfalls. Eine perfekte Grundlage für jeden Betrüger – aber die vieldeutig-rätselhafte Figur könnte ebenso gut der Tod sein.

Regisseur Tilman Gersch arbeitet mit sorgfältiger Boshaftigkeit und Liebe zum grotesken Detail die schlechte Nachricht heraus: Nach dem Fall der Kommunisten ist es bergab gegangen. Vielleicht war es sogar vor der Wende erträglicher, denn da gab es noch Arbeit. Schön war sie nicht, aber besser als gar nichts. Jetzt ist das Bergwerk zu. Im Programmheft (Juliane Gigler, Carola Hannusch) ist zu lesen, wie viele Polen sich nach der "guten alten Zeit" zurücksehnen.

Das Ensemble ist Walczaks hohen Anforderungen mehr als nur gewachsen. Gerade bei einer Schlüsselszene zeigt es seine Meisterschaft und Spielfreude. Der Alptraum eines Bergarbeiters: Er wird auf einer Art Operationstisch serviert, zum Verzehr bei lebendigem Leibe mit Tomatensoße begossen – das hat das Format von Dario Fo. Zangen, Sägen werden gezückt, Messer gewetzt – ein Höllenspektakel, Walpurgisnacht. Wer sich am Unglück der Bergleute mästet, ist nicht genau zu sehen – vermutlich hat die Königin Vorteile, die mit ihrem Narren im Autoscooter durchs Land reist. Sie versteht von nichts was, ist aber huldvoll. Nirgends ist Walczaks Satire ätzender als beim Umgang mit Politikern.

Der Lyriker als Hund

Ines Krug spielt die Königin als anmaßende, eitle dumme Pute, die nichts von den Problemen ihrer Untertanen begreift, Jens Ochlast ihren Narren (die Intellektuellen, die der Macht zuarbeiten sind gemeint), der an seiner Prinzipienlosigkeit leidet – aber am überzeugendsten kommt Tom Gerber als "Hündchen" über die Rampe. Bevor er zum Vierbeiner degradiert wurde, war er Lyriker. Er hat nie gewagt, die Wahrheit zu sagen – und zur Strafe verwandelte der Dramatiker den Opportunisten in ein Haustier. Das Porträt ist genau: Gerber hat nicht nur aalglatte Anpasser studiert, sondern auch Hunde. Sein Spiel ist das reinste Vergnügen.

Ein starkes Stück, eine geglückte Erstaufführung – vor allem aber ein vielversprechender neuer Dramatiker. Polen hat schon immer originelle Stückeschreiber hervorgebracht. Wenn der Schein nicht trügt, gehört Michal Walczak zu ihnen.

 

Das Bergwerk
von Michal Walczak
Deutschsprachige Erstaufführung
Deutsch von Martin Pollack
Regie: Tilman Gersch, Bühne und Kostüme: Henrike Engel, Musik: Bernd Jestram, Chorleitung: Barbara Morgenstern, Chorleitung bei Vorstellungen: Patrick Jasolka, Dramaturgie: Carola Hannusch, Licht: Michael Hälker, Ton Reinhard Dix.
Mit: Ingrid Domann, Tom Gerber, Gerhard Hermann, Ines Krug, Holger Kunkel, Jens Ochlast, Jan Pröhl, Johann David Talinski, Sebastian Tessenow, Rezo Tschchikwischwili, Silvia Weiskopf.

www.schauspiel-essen.de

 

Michal Walczak gehört zu den Autoren, die nachtkritik.de 2009 ausführlich im Rahmen des Osnabrücker Spieltriebe-Festivals für zeitgenössisches Theater vorstellte.


Kritikenrundschau

Kein gutes Haar lässt Lars von der Gönna auf dem Portal der WAZ-Mediengruppe derwesten.de (22.5.2011) an diesem Abend: "Wäre nicht schon auf weiten Strecken Walczaks schlichter Sozialkitsch, gekleidet in fades Episodentum, zu beklagen, verhinderte Tilman Gerschs Inszenierung (in teils schlimmer Gripstheater-Manier) vollends, den Rest an Meriten des Stückes zu dokumentieren." Fade und absehbar seien der Handlungsverlauf und seine Pointe, nirgends verspüre man den Hauch einer Literatur à la Horváth, die zeige, "wie man den Schicksalen der kleinen Leute mehr als gernegroße Tragödien entlocken kann." Bei Walczak lausche man "dem Pathos jener Binsen mit Grausen, die den Erhalt von Bergwerken fordern, weil sonst nur Oberfläche bleibe." Nicht weniger Grausen bereitete dem Kritiker das "hoffnungslos manifeste Bühnenbild Henrike Engels". Es baue eine "Dauergeisterbahn" auf, in der "Schauspieler von ohnehin begrenztem Vermögen durch die allzu schwer auf ihnen lastende Dauersymbolik vom Jahrmarkt verlorener Illusionen" irrlichterten.

Einen "stürmischen Schlussapplaus" für "Tilman Gersch und sein gut aufgelegtes Ensemble" hat ein Anonymus in der Borkener Zeitung (23.5.2011) vernommen. Das Drama schildere eine gelähmte Gesellschaft: "Alle erwarten Hilfe von außen, niemand ergreift selbst die Initiative." In der "fantasievollen, präzisen und kurzweiligen Inszenierung" von Gersch, die zeige, "wie viele Schichten das Stück hat", ist "Das Bergwerk" nicht nur "der konkrete, geschlossene Betrieb, es ist auch eine Metapher für das Theater, das tief in die Schächte von Menschen und Gesellschaft hinabsteigt."



 
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