Von Afrika lernen ...

von Elena Philipp

Berlin, 22. Mai 2011. "Geld hier rein" steht über dem kleinen Hüttchen, in dem die Programmhefte zu Via Intolleranza II verkauft werden. "Anlässlich der Aufführungen von Christoph Schlingensiefs 'Via Intolleranza II' möchte das Theatertreffen um breite Unterstützung für das Operndorf in Burkina Faso werben", kündigen die Berliner Festspiele auf ihren Webseiten die Diskussion "Kultur als Entwicklungsmotor?" an. Schlingensiefs letztes Großvorhaben, der Bau eines Dorfes nahe Ouagadougou, mit Schule, Krankenstation, Gästehaus, Fußballfeld und nicht zuletzt einem Festspielhaus, erfährt einmütige Unterstützung.

"Christoph war ein sehr, sehr starker Motor", sagt Aino Laberenz, Geschäftsführerin der Festspielhaus Afrika gGmbH und Schlingensiefs Ehefrau, vor der Podiumsdiskussion. "So wie er eben mal Spenden gesammelt hat, kann ich das nicht", setzt sie hinzu.

Wenn der Wind auf der Baustelle weht

Christoph Schlingensief habe Menschen mit einer ehrlichen Direktheit angesprochen, die ein Miteinander entstehen ließ, auch wenn Kulturen aufeinanderprallten. Das Operndorf als soziale Plastik solle jeden mit einbeziehen, sich auf das Land einlassen – in einem Beuys'schen Sinne, sagt Aino Laberenz. Auf keinen Fall gehe es darum, sich die Sozialnadel anzuheften oder ein Denkmal zu bauen. Kultur diene in diesem "Versuch, die Entwicklungszusammenarbeit neu zu denken und zu ordnen", wie die Berliner Festspiele schreiben, als eine gemeinsame Sprache, erklärt Aino Laberenz. Und dann sagt sie noch: Wenn der Wind wehe auf der Baustelle, denke sie, Christoph fege da herum.

Auch der Autor und Regisseur Henning Mankell erinnert sich an Christoph Schlingensief, bevor er in die Diskussion darüber einsteigt, was kulturelle Initiativen wie das Operndorf in Afrika bewirken können. Noch immer vermisse er Christoph jeden Tag, sagt er zu Aino Laberenz. Und als "surprise" kündigt er an, dass sein Teatro Avenida in Mozambique die Einnahmen einer Vorstellung – so gering sie auch sein mögen – für das Operndorf spenden wird. Kultur, wendet er sich dann den Mitdiskutanten und dem Publikum zu, könne den Menschen auf dem von Bürgerkriegen und kolonialen Erfahrungen zerstörten Kontinent eine Identität zurückgeben.

Diese Entwicklung müsse von Innen kommen, ergänzt Gaston Kaboré, Filmemeacher aus Ouagadougou: Afrikanische Künstler sollten die Imagination ihrer eigenen Kultur nutzen und Selbstvertrauen entwickeln, um die Zukunft zu formen. Das lehre er in seiner Filmschule, denn: "Nobody is going to come to build their continent."

Dynamik und intellektuelle Revolution

Dorothee Wenner, Filmemacherin und Delegierte der Berlinale für Afrika, sieht sich und ihr Festival in der Verantwortung, diese Entwicklung zu unterstützten. Dass klassische Entwicklungshilfe die eigene Erfindungsgabe und Kreativität unterdrücke, höre sie immer wieder von afrikanischen Gesprächspartnern, erzählt Uschi Eid. Die intellektuelle Revolution, die Dynamik auf dem afrikanischen Kontinent werde von der auswärtigen Kulturpolitik noch gar nicht erkannt, so die Vizepräsidentin der Deutschen Afrikastiftung und ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen.

Stattdessen werde die westliche Entwicklungshilfeindustrie perpetuiert. Ohne die "ownership" der afrikanischen Partner, ihre Identifikation mit einem Projekt, sei nachhaltige Entwicklung jedoch nicht möglich. Und, so setzt sie hinzu: "The content is something that we should never define." (Daran, so sei hinzugefügt, wird sich auch das Operndorf messen lassen müssen: Ob es einen Raum für afrikanische Künstler schafft, für ihre Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, ohne ein europäisches Kunstverständnis oder -programm aufzuoktroyieren.)

Gespräche auf Augenhöhe

Einen Entwicklungshilfebedarf sieht nicht nur Dorothee Wenner auf Seiten der Europäer: Sie konstatiert einen "dramatic lack of images from Africa" und wünscht sich mehr afrikanischen Film in Europa. Ihre Vision: Eine neue Art von Dialog. Auch Gaston Kaboré, der die Operndorf-Schule als zukunftsgerichtetes Projekt lobt, fordert das Gespräch auf Augenhöhe, Respekt. Immerhin ernähre der afrikanische Kontinent (ein "body with too many doctors") mit seinen Rohstoffen andere Länder. Für Gerechtigkeit müsse gekämpft werden, "we have to continue to be women and men of action", so Kaboré. "Christoph was that." Uschi Eid wünscht sich Gleichberechtigung, was bedeute, dass wir Europäer nicht mehr gebraucht würden. Dazu passend schickt Amado Komi im Einspieler zur Verleihung des mit 10.000 Euro dotierten 3sat-Preises an Christoph Schlingensief die Freunde des afrikanischen Kontinents in die Hölle.

Die Burkinabés haben das letzte Wort bei der Veranstaltung von Theatertreffen und GIZ, der bundesdeutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit: Issouf Kienou, Griot und Ensemblemitglied von "Via Intolleranza II", stimmt einen Lobgesang auf Christoph Schlingensief an.

"Seine Ideen und Visionen werden weiterleben. Gemeinsam lauschen wir seiner Utopie nach: 'Von Afrika lernen'", sagte Noch-Intendant Joachim Sartorius zur Begrüßung. Christoph Schlingensief fehlt. Er hätte der etwas zu beflissenen Werbeveranstaltung für das Operndorf wohl die nötige Widersprüchlichkeit verliehen.

 

Kultur als Entwicklungsmotor? – Was kulturelle Initiativen in Afrika bewegen können.
Diskussion mit: Uschi Eid, Gaston Kaboré, Henning Mankell und Dorothee Wenner
Moderation: Tina Mendelsohn

www.berlinerfestspiele.de

 
Kommentar schreiben