altWeg mit der Charity, her mit dem Stadttheatertreffen!

von Matthias Weigel

Berlin, 22. Mai 2011. So ein Ende kann manchmal befreiend wirken. Es schlagen die letzten Tage der diesjährigen Fachmesse und Leistungsschau "tt11", und nicht nur Festivalchefin Iris Laufenberg ist nach eigenem Bekunden durchaus erleichtert, die Leitung des Theatertreffens im nächsten Jahr abzugeben (im Zuge der neuen Festspiel-Intendanz von Thomas Oberender). Auch Theaterkritiker Andres Müry ließ sich von seiner heute endenden Jury-Mitgliedschaft zu einigen befreiten Worten hinreißen. Müry und seine sechs Jury-Kollegen, die die Theatertreffen-Einladungen zu verantworten haben, stellten sich in der traditionellen Abschlussdiskussion den kritischen Fragen des Publikums – oder heute eher: den Fragen der Teilnehmer des Internationalen Forums.

Das ist doch kein Theater!

Aber zuerst einmal wollte Moderatorin Barbara Burckhardt wissen, weshalb Herbert Fritsch gleich mit zwei Produktionen vertreten ist, "Nora" und "Biberpelz". Da schlug Jury-Mitglied Franz Wille erwartungsgemäß die vorjährigen Nörgler mit ihren eigenen Waffen: Man sei schließlich kein kuratiertes Festival, er wolle kein Tableau des heutigen Theaters abbilden, sondern die bemerkenswertesten Inszenierungen einladen. Es sei somit mehr oder weniger Zufall, wenn nun zwei Fritsch-Regiearbeiten darunter sind. Oft genug war in den Vorjahren der Vorwurf zu hören, dass die Jury zu sehr auf die Festivaldramaturgie achten und Doppeleinladungen gezielt vermeiden würde. Die alljährlichen Standard-Kritteleien waren es wohl auch, die dazu führten, dass in diesem Jahr niemand müde wurde, gebetsmühlenartig hinzuweisen auf die eingeladenen Frauen, ostdeutsche und Provinztheater, Postmigranten, freien Gruppen und was es noch alles für vermeintliche Minderheiten gibt.

tt-jury-diskussion_piero-chiussiDie TT-Jury in der Diskussion. © Piero Chiussi

Also doch absichtliches Tableau? Spätestens hier konnte Andres Müry nicht mehr an sich halten und ließ sich zu einer kleinen Generalabrechnung hinreißen. Er, Verfechter des Tableau-Gedanken, halte überhaupt nichts von performativen Formen wie She She Pops "Testament" oder Schlingensiefs "Via Intolleranza II", was in seinem Verständnis alles sei, aber kein Theater. Letzteres am ehesten eine Charity-Veranstaltung, aber ästhetisch keinesfalls in die Reihe der zehn Einladungen passend. Auch dieses "artifizielle Gebilde" von She She Pop sei in seiner Unprofessionalität vielleicht beim Impulse-Festival gut aufgehoben, aber diese herumgereichten Festival-Produktionen hätten hier nichts zu suchen. Das Theatertreffen sähe Müry gerne wieder auf ein Stadttheatertreffen zurückgeführt. – Da blieben selbst den Kollegen auf dem Podium die Münder offen stehen.

Artenschutz für Urgroßvaters Theater?

Nun wäre also auch diese Quote erfüllt, die Quote der Peymann-Vertreter – wenn da Claus Peymann selbst nicht sogar ernsthafte Konkurrenz erwachsen ist. Auf eine Diskussion über die persönlichen Theaterbegriffe wollte man sich dann aber doch nicht einlassen. Für Müry gab es an diesem Abend fortan sowieso nur noch ein Gesprächsthema: Andrea Breth, "Zwischenfälle", und nochmal Andrea Breths Inszenierung Zwischenfälle, ein Erbe, für das er sogar "Artenschutz" beim Theatertreffen einforderte. Wie gerne hätte Müry doch einen Fritsch für diese Einladung geopfert! Nur leider fand sich dafür keine Mehrheit in der Jury. Oder zum Glück – wie sofort der "heilfrohe" Jury-Kollege Wolfgang Höbel konterte.

Das muss man der Jury zu Gute halten: So laut Mürys letzte Worte waren, bevor er aus der Jury schied, so entschieden wurde er von seinen Kollegen abgekanzelt. Eine "schwer erträgliche, gestrige Veranstaltung", ja "Urgroßvaters Theater" ist Breths Inszenierung in Wolfgang Höbels Augen, eine "virtuose, aber kernlose Selbstspiegelung dieser einen speziellen Art von Theater" für Franz Wille. Vasco Boenisch warf Müry Ideologie vor, der er selbst bei der Nominierung der Einladungen nicht folgen wolle.

Outing-Runde in Harmonie

Doch trotz des – im Vergleich zu den sonst so unspektakulären Abschlussdiskussionen – verbalen Amoklaufes von Andres Müry wirkte die Jury-Runde in ihren Grundfesten harmonisch. Und es sollten auch noch einige Outings folgen, wenn auch vergleichsweise harmlose.

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So bekannte sich Ulrike Kahle-Steinweh zum emotionalen Teil der Jury und argumentierte in Fritsch-Vokabular: "Kalt" finde sie Breths Stück, Fritschs Inszenierungen (wie auch die neueste in Schwerin) seien so "voller Energie", dass ihr das allein schon als Theatertreffen-Grund reiche. Ihr (nicht eingeladener) Liebling: Kimmigs Version von Kinder der Sonne. Und in Franz Wille schließlich, so wurde klar, schlägt mindestens ein Literaturwissenschaftler-Herz, wenn nicht (immer noch) ein Dramaturgen-Herz. Seine Sternstunden erlebte er bei Fritsch, der ihm eine neue Lesart des "Mitleids-Stückes Biberpelz" eröffnete: Die sonst als arm und unterdrückt gezeichneten Figuren würden schlüssig als raffgierige, rücksichtslose Menschen gezeigt. Und bei Roger Vontobel habe er in Schillers "Don Carlos" das erste Mal ein Todesspiel um Freiheit gesehen, in dem jede Figur ihrem maximalen Freiheitsdrang folgt, wodurch alle in Tod und Unglück stürzen.

Bleiben zu guter Letzt einige "Theatertreffen-Talente" des Internationalen Forums, die zum Ende im Publikum ihrer Anti-Stimmung Luft machten: Die ganze Auswahl blöd, alles schlecht, alles doof! Und zwar grundsätzlich! Und da es einem in diesem Quoten-Jahr ja auch nicht gerade leicht gemacht wird, gab's diesmal halt keine Argumente – manches muss eben raus, wenn's aufs Ende zugeht. Da hat dann sogar Andres Müry verdutzt geschaut.

 

Schlussdiskussion
mit der Theatertreffen-Jury: Vasco Boenisch, Wolfgang Höbel, Ulrike Kahle-Steinweh, Ellinor Landmann, Andres Müry, Christine Wahl, Franz Wille.
Moderation: Barbara Burckhardt.

www.berlinerfestspiele.de

 

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Presseschau

Katrin Bettina Müller von der taz (23.5.2011) hat beim Theatertreffen eine wohltuende "Ausweitung der Spielzone" beobachtet. Schon bei der Nominierung sei die Erleichterung zu spüren gewesen, "neuen Akteuren zu begegnen, auch freie Produktionen (...) und kleinere Stadttheater beteiligt zu sehen". Die Volksbühne spiele zwar "zurzeit keine große Rolle mehr", habe jedoch "den Schutzraum geboten", in dem Herbert Fritsch und Christoph Schlingensief "den wilden Kern ihrer Kunst keimen lassen konnten". Fritsch habe diesen nun "in die Provinz getragen und einen neuen Funken daraus geschlagen, der all die Vorurteile gegenüber dem Provinztheater, von Anachronismus und Armut über den Hang zum Ranschmeißerischen bis zum Zwang, Unterhaltung um jeden Preis bieten zu müssen, aufnimmt und so maßlos in die Affirmation treibt, bis es böse wird". Sein Theater zerre die Leute "vom Fernseher weg mit dem Versprechen, deren Comedy- und Slapstickformate noch zu toppen" und verbinde das mit der "Stilisierung eines Robert Wilson und der Beschleunigung eines Michael Thalheimer im Umgang mit den Klassikern". Schlingensiefs "Via Intolleranza II" verhandele ob des geografisch erweiterten Blicks auch die Frage neu, "wer wir eigentlich sind" und zeige "die Lücke, die er hinterlässt": Niemandem sonst gelinge "so ein essayistischer Zugriff auf ein Thema". Das Verhältnis Europas zu Afrika werde hier auf den Punkt gebracht: "Wir, die selbst Geschädigten, die sich selbst nicht helfen können, suchen jetzt andere, denen wir helfen können, um von der eigenen Nabelschau wegzukommen", wobei der Regisseur "seinen eigenen Enthusiasmus" mit Zweifel kommentiere. Schlingensief und Nurkan Erpulat verbinde, dass sich beide "neuen Herausforderungen an die Identität des Deutschseins" stellten. Erpulat bearbeite "die Vorurteile, Projektionen und Selbstethnifizierungen, die junge Deutsche mit Familien aus den Einwanderergenerationen treffen, mit einem pointen- und fintenreichen Theater", das manchmal naiv wirke, aber einen Nerv treffe und eine Leerstelle fülle. "Der Hunger nach dem Echten und das Leiden an Erfahrungen aus zweiter Hand" verbinde Schlingensief außerdem mit Fritschs "Nora" und Rögglas "Die Beteiligten". Wie Vampire hingen die Männer an der "zu Niedlichkeit und Sexyness verdammten" Nora, wie Vampire hingen auch die "Beteiligten" an jenem "Rotkäppchen des Medienzeitalters", das "ihnen Sinn geben soll", sich ihnen jedoch entzieht". Ein "Festival der ungleichen Größen" sei dieses Theatertreffen gewesen, wirke in seinem Programm aber gerade deshalb so reich. "Das hatte die Anmutung eines vitalen Existenzbeweises" des deutschsprachigen Theaterraums.

 
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