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He, du superschönes Germany

von André Mumot

Fallersleben, 26. Mai 2011 An dieses Bild wird man sich erinnern, bestimmt: Gunter Gabriel sitzt auf der Bühne vor einem schönen historischen Fallersleben-Stadt-Stich, nickt lässig und lächelt markig und berichtet davon, dass er mal bei Johnny Cash auf dem Scheißhaus gesessen und sein großes Herz gespürt hat. Also das vom Johnny Cash. Und davon, dass er neulich bei Carmen Nebel festgestellt hat, dass er heute, mit 72 Jahren, viel besser aussieht als Howard Carpendale. Man wird also an ihn denken, wie er sagt, dass jeder wissen soll, dass er "ein German Patriot" und ein "deutscher Junge" sei, und deshalb auf einer schwarz-rot-goldenen-Gitarre seine erdigen teutonischen Country-Hymnen anstimmt: "Deutschland", singt er, "ist ein Teil von dir – Deutschland ist wir alle hier."

Wirtshaustische und das Lied vom einfachen Mann

Wahrscheinlich macht Gunter Gabriel so was öfter, es ist ja auch sein Beruf. Hier in diesem Umfeld, und während ein düster brodelnder Thomas Thieme neben ihm sitzt und zeitbombengleich bedrohliche Blicke wirft, kann all das aber schon etwas irritierend wirken. Es ist Teil des Konzeptes, Teil eines unterschwellig auf Konflikt gebürsteten "Wirtshausabends" im Hoffmannhaus in Fallersleben, dem Geburtsort jenes August Heinrich Hoffmanns, der den Deutschen ihr Lied gedichtet und damit auch diese bemerkenswert ambivalente Revue motiviert hat. "Fallers Leben – vom deutschen Wesen" gehört zu den von der Autostadt Wolfsburg ausgerichteten "Movimentos"-Festwochen, bei denen es einiges an Tanz zu sehen gibt und jede Menge Schauspielstars (Iris Berben oder Maria Schrader), die Texte lesen und vielleicht auch hin und wieder etwas Szenisches vorstellen.

Das soll und will als kultureller Hoch- und Sondergenuss konsumiert werden, was bei dieser Veranstaltung ganz besonders gilt, da alle Besucher an langgestreckten, kariert bedeckten Biertischen vor der Wirtshausbühne sitzen (die allerdings eher wie eine Kongresssaalbühne anmutet), Brezeln essen, im Idealfall Bier trinken und mitklatschen, wenn Gabriel das "Lied vom einfachen Mann" anstimmt.

Aggressive Deklamationen

Aber es gibt da noch mehr zu bestaunen. Den Wolfsburger Männerchor 1952 e.V. zum Beispiel, bestehend aus gestanden, seriösen Herrschaften, die dann unter der Leitung von Andjella Harlamova plötzlich in chorischer Sprechschärfe "He, du superschönes Germany" raunen und die "ganze romantische Scheiße" nicht mehr hören wollen. Und dann ist da ja auch noch die glitzernd bekleidete Show-Band: Das "Heile-Welt-Orchester" stimmt endlos beschwingt "Liebeskummer lohnt sich nicht" an, bis die Thomas-Thieme-Bombe schließlich hochgeht: "Reicht jetzt! Das volkstümliche Lari-Fari nervt!" Mal ordentlichen "asozialen Nazi-Rock" zu spielen, schlägt er vor, und im Publikum sagt eine enttäuschte Dame leise "Pfui".

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"Fallers Leben" mit Julia von Sell, Thomas Thieme, Gunter Gabriel und dem Heile Welt Orchester
© Thomas Ammerpohl

So aufreibend und anregend schizophren geht es im Grunde zwei Stunden lang zu. In Koproduktion mit der Stiftung Schloss Neuhardenberg haben Thieme und seine im roten Abendkleid auftretende Kollegin Julia von Sell diese Deutschland-Collage zusammenkomponiert, die recht verstörend beginnt, indem Bassist Jan Fabricius die Nationalhymne als zerfallende, fragende Tonfolge schlägt, während die beiden Schauspieler in immer aggressiveren, verzweifelteren Deklamationen die Heine-Worte "Denk ich an Deutschland in der Nacht" in die Mikrofone geifern.

Toleranz und Charakterfestigkeit

Immer mehr Lyrik folgt, immer mehr Texte, Mentalitäts-Klassiker von Brecht und Eichendorff zum Beispiel, und alle werden in fabelhafter Hochspannung vorgetragen: Thieme gibt auf zwanghafte, getriebene Weise den Faust-Monolog "Hab nun, ach ...", Julia von Sell liest Ausschnitte aus Moritz von Uslars "Deutschboden" und leitet von einer erotisierten Würstchengrill-Szene ohne Umschweife zu Celans "Todesfuge" über, die sie auf schneidende, markerschütternde Weise in den irritierten Raum stößt.

Es gibt auch echt Erlebtes. Mehrere Chormitglieder geben Erinnerungen aus ihrem Leben zum Besten, erzählen von der Flucht aus Danzig, von traurigen russischen Soldaten nach dem Krieg, von der Zonengrenze. Julia von Sell liest einen 1942 geschriebenen Brief ihres Großvaters, einem von den Nazis in Plötzensee zu Tode gebrachten ungarischen Juden. Und Thieme, der virtuos Garstige, lobt perfide die verlorene DDR, "in der Toleranz und Charakterfestigkeit noch groß geschrieben wurden", was er an der Geschichte einer Theologin demonstriert, die von ihrem Ehemann jahrzehntelang bespitzelt wurde.

Die absorbierende Kraft Gunter Gabriels

Und dann singt Gunter Gabriel "Komm unter meine Decke" und auf eigentümlich entlarvende Weise ist alles wieder gut. Als rührend reiner Tor steht dieser Barde auf der Bühne und absorbiert ganz arglos jede Ironie, jede historische Zerrissenheitsbekundung, jede selbstquälerische Sentimentalitätsangst um sich herum. Originell ist dieser Abend vor allem deshalb, weil er abgeklärt genug ist, ihm dabei freie Hand zu lassen, auch klug genug, um zu wissen, dass die Mitklatschfreude immer stärker sein wird als der Grübel-Reflex. Das Publikum hier liebt den "German Patriot" jedenfalls von Herzen, und höchstens bleibt die Frage: Wie deutsch müsste man wohl sein, um ihm das zu verübeln?

 

Fallers Leben – vom deutschen Wesen
Ein Wirtshausabend
Buch und Regie: Julia von Sell, Thomas Thieme, Kostüme: Angelika Vogt, Julia von Sell.
Mit: Julia von Sell, Thomas Thieme, Gunter Gabriel; Das Heile-Welt-Orchester: Jan Fabricius, Rainer Frank, San Glaser, Xenia Jürgensen, David Kirchner, Sönke Reich. Wolfsburger Männerchor 1952 e.V. Leiterin: Andjella Harlamova
Eine Koproduktion der Autostadt GmbH Wolfsburg und der Stiftung Schloss Neuhardenberg

www.movimentos.de



Kritikenrundschau

"Dieser Abend hat es wirklich in sich", schreibt Ulrich Seidler angesichts der überarbeiteten Version in Neuhardenberg in der Berliner Zeitung (16.8.2011): "Er ist böse, pathetisch, banal, erhaben, abstoßend, berührend; er baut milde Melancholie auf, macht kameradschaftliche Identifikationsangebote mit persönlichen Biografien und reißt das Ganze dann in die Asche von Auschwitz." Kreuz und quer gehe es, "es gibt eine verdiente Guido-Knopp-Schmähung, Fausts 'Habe nun ach'-Monolog, Kriegstagebücher von den nahe gelegenen Seelower Höhen, die Stasi-Ehe-Geschichte von Vera L., Volkslieder, Sauflieder, Wanderlieder." Der Clou sei die "von Thema und Aufführungsort inspirierte Besetzung" – Gebhard Graf von Hardenberg und Sigmund Jähn erden den Wolfsburger Abend lokal.

"Zwei Auftritte fallen aus dem Rahmen", findet auch Patrick Wildermann im Berliner Tagesspiegel (16.8.2011). Der des Grafen Gebhard von Hardenberg, der das Familiengut in Lietzen verwalte und "kurz eine faszinierende Familiengeschichte" aufscheinen lasse. "Und Sigmund Jähn, der als erster deutscher Kosmonaut zu DDR-Ruhm gelangte" und der im früheren Marxwalde auf dem Testgelände für Raketenantriebe arbeitete:  "Für den Blick auf die Erde aus dem All hat man ja auch nicht alle Tage Augenzeugen." Aber dann dauere es nicht lange, und Gunter Gabriel beginne wieder zu singen. Wildermanns Fazit: "Der Abend sähe sich gern widerborstig, aber er ist durch und durch konsensfähig. Und damit sehr deutsch."

"Buletten, Brezeln, Bier, karierte Tischdecken – so rustikal wie gestern Abend zeigten sich die Movimentos Festwochen noch nie", konstatiert syt in der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung (27.5.2011). "Es ging hoch her, wie in der Kneipe. Es wurde gepfiffen und auch mal dazwischengeredet. So sollte es sein, so hatte es sich Bernd Kauffmann, künstlerischer Leiter von Movimentos, gewünscht." Klarer Star des Abends sei Star Gunter Gabriel gewesen: "Der Sänger, der immer für einen Spruch gut ist, sorgte mit seinen Songs für Stimmung im Saal."

Gegen Gabriels deutsche Gesangswesen sei kein geistiges Erbe gewachsen, findet Frank Quilitzsch in der Thüringischen Landeszeitung (27.5.2011). "Da haben es Brecht und Goethe schwer. Ob Julia von Sells zart gehauchte 'Marie A.' oder Thiemes schlagzeugverstärkter Faust-Monolog – der Gabriel schluckt alles." Ja, es gebe sie, die verstörenden Momente: "Als Paul Celans 'Todesfuge' mit 'aschenem Haar' im banalen Alltag auftaucht, wird es totenstill im Saal. Und fassungslos quittiert man einen Brief, den die Wiener Schauspielerin verliest. Ihr jüdischer Großvater schrieb ihn während der Nazi-Diktatur aus dem Gefängnis Plötzensee, wo er bald darauf jung verstarb."
Aber bei Sauerfleisch, Bier und Laugenbrezelseligkeit fehle "dem traditionsbewussten, sangesfreudigen Abend die Zuspitzung in die unerforschte Gegenwart": "Wo steht die deutsche Jugend? Wie packt man das Wesen der Generation Internet? Hartz IV und 'Hey Boss, ich brauch' mehr Geld!'"

 
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