Berlin, 29. Mai 2011. Jubel brandet auf, als Showcase Beat le Mots "Burnout-Man" im Lunapark knisternd in sich zusammenstürzt. Funken stieben wie Goldregen durch die Luft, illuminieren geheimnisvoll die Dämmerung, schweben als glühende Sternentaler zu Boden.

Kurz zuvor hatte ein wilder Reigen um die Absperrung die Hand voll Feuerwehrmänner zunehmend nervös gemacht: Immer mehr Menschen tanzten und sprangen Hand in Hand am Metallzaun entlang, Kinder in goldenen Masken taumelten voran. Hatten sie genug davon, auf ihrer Titanic-Hüpfburg die Lust am schrägen Untergang zu feiern?

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© Sebastian Katzer

Die goldenen Masken konnte man – wie aufgeblasene Liebeskeulen und groteske Stofftiere – an Billig-Büdchen gewinnen, die dem Gelände des einstigen Spreeparks tatsächlich eine Jahrmarktsaura verleihen. Länger winden sich die Schlangen vor dem Fressbuden mit Wurst und Crêpes.

Was hier Kunst ist und was Spektakel, wer aus Neugier und wer aus Nostalgie kommt, die Frage stellt sich bei den Menschenmassen kaum noch, die sich übers Gelände schieben. Sie bleiben neugierig, auch zweifelnd vor dem Großraumorchestrion stehen, das Tobias Euler (und seine Freunde, wie der Infozettel unterstreicht) aus Akkordeon, zwei Schlagzeugen und altem Elektronikkram zusammengebastelt hat. Lange fiept und wimmert es traumverloren vor sich hin. "Hier ist gar nichts", versucht eine Frau ihren Freund wegzuziehen. Plötzlich legt die Installation los – mit ziemlich irdischen Rhythmen.

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© Sebastian Katzer

Auch auf Überraschung gebürstet ist die "Katastrophen-Uhr" an der ehemaligen Achterbahn: Zu jeder vollen (Geister-)Stunde saust ein gellendes Kreischen vorbei, wieder und wieder, als rotierten die Räder noch. Doch hier ist ebenso wenig das Leben zu Hause wie in den anderen brachen Attraktionen; die Parkbahn liegt verwaist.

Für die Touren, die angeboten werden, trödelt eine Pseudo-Bahn auf Gummirädern über die Betonwege. Dennoch ist da eine Spannung, eine Erregung im Publikum, dieser unüberschaubaren Menge zwischen 25 und 45, etliche mit Kind und Hund, als ob alle hofften, dass sich die in der Dämmerung immer unwirklicher ausnehmenden Fahrgeschäfte plötzlich doch noch zu bewegen begännen.

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© Sebastian Katzer

"Gemeinsam machen wir dem Spuk der Vergangenheit ein Ende und beleben das Gelände neu", sagt das Konzeptpapier des HAU. Dabei ist es anders: Gerade weil die Stimmung zwischen Vergnügungs-Gerippen und Kunstversuchen so surreal ist, feiert der Spuk fröhliche Urständ.

Auf dem Heimweg durch den Treptower Park strahlt es immer noch verheißungsvoll, das neonleuchtende Riesenrad, ein Halbkreis, der sich im Wasser der Spree verzerrt wie ein Albino-Sonnenuntergang.

(geka)

 

 
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