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Achtung für den Versager

von Thomas Rothschild

Stuttgart, 4. Juni 2011. Was für geniale Theatersätze: "When I was seventeen, I walked into the jungle. And by twenty-one, I walked out. And by God, I was rich!" Dieses Konglomerat aus großsprecherischem Pathos und Poesie! Diese Einheit von Realität – der Dschungel Afrikas – und Metapher – der Dschungel des Raubtier-Kapitalismus, zugleich eine Reverenz an Upton Sinclair! Willy Lomans Bruder Ben, eine Fantasiegestalt vom Format John Waynes, die wie eine mythologische Figur und gleichzeitig wie eine Karikatur wirkt, spricht diesen Satz.

Ben tritt in Stuttgart nicht auf. Willy Loman zitiert seinen Part in einem Monolog. Der Regisseur Jan Neumann verzichtet auf den bühnenwirksamsten Einfall in Arthur Millers modernem Klassiker und damit auf die eigentliche Gegenfigur zum Versager Loman. Die Streichung stellt Neumanns Konzept nicht in Frage, aber irgendwie ist es schade um Ben.

Denn Bens Rede vom Weg in den Dschungel, aus dem er reich herausgekommen sei, formuliert wie keine zweite den amerikanischen Traum von 1949, der mittlerweile zum deutschen, zum chinesischen, zu fast jedermanns Traum geworden ist. In ihm ist die Sehnsucht der Goldgräber aufbewahrt und die Verheißung von God's Own Country verewigt.

Geteilter Traum

Weil er mehr als je zur herrschenden Ideologie wurde, hat Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" an Aktualität eher gewonnen als verloren, muss, wer Bens Erfolg nicht teilt, als tragische Figur erscheinen. Denn darum geht es: um den Traum von Reichtum und Erfolg, von Beliebtheit und Karriere. Er löst sich in nichts auf wie Bankeinlagen bei einem Börsencrash. Um das zu zeigen, bedarf es keiner Laienchöre von schlecht verdienenden Handelsvertretern und keiner Statistiken über Selbstmorde wegen Verschuldung.

Henrik Ibsens Motiv der Lebenslüge wurde vom amerikanischen Drama ins 20. Jahrhundert hinübergerettet – zu Eugene O'Neill, Tennessee Williams und eben Arthur Miller. Nirgends aber wurde die individualpsychologische Thematik des Selbstbetrugs so sehr zum Sinnbild für die Befindlichkeit einer ganzen Gesellschaft wie im "Tod eines Handlungsreisenden". Was auf den ersten Blick wie das Psychogramm einer problematischen Persönlichkeit aussieht, ist in Wahrheit eine präzise Abrechnung mit einem inhumanen System und als solche heute nicht weniger gültig als zur Zeit der Uraufführung des Stücks vor mehr als sechzig Jahren.

Oben Uncle Sam, unten Wal-Mart

Das Bühnenbild in der Nebenspielstätte des Stuttgarter Schauspiels bringt es in Jan Neumanns Inszenierung nun auf den Punkt. Neben einem Disney-Schloss stehen, aus flachem Holz gesägt, Comicfiguren und amerikanische Symbole von der Freiheitsstatue bis zum Dollarzeichen. Überall liegen und hängen Ballons in den Farben der USA: blau, weiß, rot. Dann dreht sich die Fläche und wir sehen, angedeutet, ein dreistöckiges Haus, auf dem oben Uncle Sam thront und unten Wal-Mart wirbt. Das Bühnenbild sagt uns in der ersten Minute: Millers Stück zeigt die Rückseite der amerikanischen Fata Morgana.

Jan Neumann vertraut Arthur Millers Realismus, er hat offensichtlich keine Ambition, zu dekonstruieren, was in seiner Konstruktion nach wie vor überzeugt. Anders als die Vorlage, in der die Illusionen von Karriere und Geld locken, hebt er ab auf die Traumwelt des Entertainment, und seine Dramaturgin bemüht im Programmzettel sogar das Cannstatter Volksfest. Die Tristesse von New Yorker Hinterhöfen wird nur verbal beschworen. Neumann lässt häufig frontal zum Publikum sprechen, aber er erlaubt den Darstellern, Figuren zu entwickeln, aufeinander zu reagieren.

Unbelehrbarkeit, die unter die Haut geht

Elmar Roloff spielt Willy Loman ohne Koketterie, ohne dem Affen Zucker zu geben, als den mittelmäßigen Kleinbürger, der er ist. Es kommt Gabriele Hintermaier als seine Frau Linda zu, ihm mit einem Minimum an Gesten und Gängen Würde zu verleihen, wenn sie – ein Echo von Gorki – erklärt, warum er Achtung verdient. Was "Tod eines Handlungsreisenden" so aufreibend macht, ist Lomans Unbelehrbarkeit. Kein Argument, keine Erfahrung kann ihn von seinen Ilusionen befreien. Wenn er kurzfristig zu einer Einsicht gelangt, verdrängt er sie gleich darauf wieder. Die etwas reißerische Erklärung für Biffs Animosität, die gegen Ende geliefert wird, wäre nicht nötig. Auch ohne den Schock über die Lüge des Vaters, dessen Fremdgehen, ist der Konflikt hinreichend motiviert und das tragische Ende Lomans vorgezeichnet. Und die Entlassung Lomans just in dem Augenblick, da er sich eine Verbesserung seiner Arbeitssituation erhofft, geht einem zu Zeiten von Hartz IV wohl mehr als je unter die Haut.

Arthur Miller bediente sich in Übereinstimmung mit einer zeitgenössischen Tendenz im "Tod eines Handlungsreisenden" filmischer Techniken, insbesondere der "Rückblende" (wobei der Begriff "Blende", auf das Theater angewandt, streng genommen irreführend ist): Szenen aus der Kindheit von Willy Lomans Söhnen erscheinen als Visionen. In Stuttgart werden die "Rückblenden" vor dem Disney-Castle gespielt, von einer Mischung aus Comic- und Playmobil-Figuren. Sie stammen nicht aus der Erinnerung, sondern aus Lomans Fantasie. Von oben fallen golden verpackte Bonbons und rote Konfetti herunter.



Tod eines Handlungsreisenden
von Arthur Miller, Deutsch von Volker Schlöndorff und Florian Hopf
Regie: Jan Neumann, Bühne: Thomas Goerge / Daniel Angermayr, Kostüme: Nini von Selzam, Dramaturgie: Sarah Israel.
Mit: Elmar Roloff, Gabriele Hintermaier, Claudius von Stolzmann, Matthias Kelle, Lukas Rüppel, Stephanie Schönfeld, Bernhard Baier, Markus Lerch.

www.staatstheater.stuttgart.de

 

Weitere Inszenierungen vom Tod eines Handlungsreisenden in dieser Saison: Stefan Puchers Inszenierung, die zum Theatertreffen 2011 eingeladen war, jagte Willy Loman durch eine Scheinwelt. Felix Rothenhäusler inszenierte das Stück karger im März 2011 in Heidelberg.

 

Kritikenrundschau

"Einmal mehr beweist Regisseur Jan Neumann in seiner Inszenierung, dass Arthur Millers Erfolgsstück über den aus der Erfolgsspur gerutschten Handlungsreisenden unzerstörbar ist", findet Cornelie Ueding im Deutschlandfunk Kultur vom Tage (5.6.2011). "Auf der Drehbühne ein weißes Dornröschenschloss. Drumherum eine 'Hecke' aus amerikanischen Mythen von der Freiheitsstatue bis zu Marilyn Monroe. Dreht sich die Bühne, zeigt sich im funzligen Dämmerlicht die Abseite, das hölzerne Gerippe dieser Disney-Märchenwelt. Kein Lebensraum." Schauspieler Elmar Roloff trage diese Stuttgarter Aufführung bis zum bestürzenden, völlig unsentimentalen Ende. Ein Abend "ganz ohne Aktualisierungsmätzchen, hoch aktuell".

Eine "menschenfreundliche Inszenierung", die gleichwohl "ohne Hoffnung auf ein richtiges Leben im falschen" daherkomme, hat Nicole Golombek für die Stuttgarter Nachrichten (6.6.2011) erlebt. Neumanns Inszenierung zeige "kleine Leute, schuldlos und schuldig zugleich" seien. Das "unsympathisch Egoistische, das den Protagonisten eigen ist", werde gemildert. Verzichtbar ist für die Kritikerin "manch unmotivierter Slapstick mit Rosen, die sich in Vorhängen verheddern und hampelnden Kellnern". Gleichwohl gelängen an diesem Abend "anrührende und präzise gespielte Szenen".

"Das bemerkenswerte Bildertheater" von Neumann setze Millers Drama "stimmig und stark" in Szene, schreibt Elisabeth Maier für die Esslinger Zeitung (6.6.2011). Dabei mache Neumann kein Hehl aus seiner "Faszination für das Plakative"; sobald die Bühne gedreht würde, erkenne man hinter der "Fassade" aus Freiheitsstatue und Coca Cola und die Wirklichkeit: das "billige Häuschen", das die Lomans bewohnen. Ein "feinnerviger Umgang mit dem Text" zeichne diese Inszenierung aus. Sie sei "brillant durchkomponiert" und trage Neumanns "markante Handschrift", wobei Millers "psychologisches und gesellschaftskritisches Drama" nie "übertönt" werde.



 
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