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"Kein sich'reres Land in dieser Zeit ..."

von Guido Rademachers

Bonn, 10. Juni 2011. Der Diskurs über und – endlich auch – mit Migranten nimmt im Theater unübersehbar an Fahrt auf. Ganz reibungslos gestaltet er sich offenbar noch nicht. Im Publikumsgespräch nach der Aufführung von "Heimat (n)irgendwo", einem gerade einmal eine dreiviertel Stunde dauernden dokumentarischen Abend über Einwanderungsbiografien im Lampenlager des Theaters Bonn, spricht Regisseurin Marita Ragonese erst einmal über die Nicht-Teilnehmer. Viele seien nach ersten Proben weggeblieben, weil sie nicht erkannt werden wollten und juristische Folgen fürchteten. Schließlich ginge es um illegale Einreisen, das Wegwerfen von Pässen und ähnliches.

Andere rechtliche Konsequenzen hätten einer Asylbewerberin bei einer Teilnahme gedroht, weil sie ihre Lebensgeschichte an einen Buchverlag verkauft habe. Und ja, es wäre sicher toll gewesen, wenn auch Flüchtlinge aus Afrika dabei gewesen wären, aber auf einen Aushang im Deutsch-Afrikanischen Zentrum habe sich nur die deutsche, von afrikanischer Musik beeinflusste Perkussionistin Kathrin Bechtloff gemeldet.

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© Theater Bonn

Begleitumstände

Kathrin Bechtloff steht in legerer Freizeitkleidung, Hose, T-Shirt, leichter Strickjacke, auf einer Bühne, die von Hemden im Karo- und Pünktchenlook übersät ist, und erklärt ihren Nichtbezug zum Thema: Ihre Eltern flohen aus der DDR, da war sie noch nicht geboren, und Orte mit einer besonderen persönlichen Bedeutung kennt sie nur aus Büchern. Dann versucht sie die verschiedenen Dialekte und Sprachen ihrer Mitspieler zu imitieren.

Am Besten gelingt das beim Thüringischen von Aide Rehbaum, die einen Teil ihrer Kindheit in westdeutschen Flüchtlingslagern verbrachte und jetzt den Haushalt ihrer Mutter auflöst: Sie von ihrer selbst aufgebauten "Heimat" ins Heim schicken muss. Das Rheinische von Bonns Integrationsratsmitglied Kathrin Krumbach fällt ihr schon schwerer, erst recht ein polnisches "Fischers Fritze" von Lech Matusiak, der das kommunistische Polen während des Kriegsrechts verließ. Von dem, was die beiden aus Dagestan stammenden Cousinen erzählen, glaubt sie, nur noch ein "Idiot" herauszuhören.

Deutschland - ein grenzbewehrter Flickenteppich

Die Flucht aus Dagestan ist das inhaltliche Gravitationszentrum des Abends. "Wir sind Muslime, aber wir haben kein Kopftuch getragen, und wir wurden früher auch nicht gezwungen. Wenn man uns zwingt, das mögen wir überhaupt nicht." Milana und Nurjana Magomedova sagen das im Chor. In einer Nacht- und Nebelaktion gelangten sie zuerst nach Österreich, dann nach Deutschland. Beide leben in einem Flüchtlingsheim und haben Abitur gemacht. Die eine will Raumdesignerin werden, die andere Architektur in Aachen studieren. "Das liegt in einem anderen Regierungsbezirk", wirft Integrationsbeauftragte Krumbach ein. Und dorthin darf man als Asylbewerber nur unter besonderen Auflagen reisen.

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Vieles, vielleicht allzu vieles wird angesprochen und verharrt freundlich unbestimmt nebeneinander. Die Biografien der Darsteller sind zu verschieden, als dass sie ohne weiteres zu vergleichen wären.

Der Wert von klaren Regeln

Ragonese fügt dem eine Vielfalt an szenischen Mitteln hinzu. Zwischen den autobiografisch erzählten Passagen wird getanzt, im Chor gesprochen, "Kein schöner Land" gesummt, ein Karl-Valentin-Sketch ("Fremd ist der Fremde nur in der Fremde") eingestreut, mit Plakka-Farbe die Fluchtroute auf eine Plexiglasscheibe gezeichnet und mit kleinen Stabpuppen das Publikum ins Verhör genommen: "Wo kommen Sie her?" - "Wie lange leben Sie schon in Deutschland?" Dass Ragonese sonst als Theaterpädagogin arbeitet, ist ihrer Inszenierung durchaus anzumerken. Am Ende werden zu John Lennons "Imagine" Bilder des aktuellen Flüchtlingelends in Nordafrika gezeigt.

Der Abend würde wohl auseinanderfliegen, hielte ihn nicht das große Band der Sympathie zusammen. So aber hören die (wie die anschließende Diskussion zeigt) offenbar zu großen Teilen im Sozialbereich arbeitenden Zuschauer den souverän aber erfreulich unroutiniert spielenden Darstellern wohlgesonnen zu. Und dann fallen Sätze wie "In Deutschland bin ich sicher. Das ist das Wichtigste für mich." Oder: "Es gibt hier eine Berechenbarkeit, eine Klarheit von Regeln, und die ist in den meisten Fällen in der Nähe von Gerechtigkeit." Und für einen Moment scheint auf, wie es wohl wäre, wenn Sicherheit in der eigenen Heimat nicht selbstverständlich wäre.

 

Heimat (n)irgendwo
Dokumentarisches Theaterstück von Marita Ragonese
Regie: Marita Ragonese, Bühne: Anne Brüssel, Kostüm: Anna Behrend.
Mit: Nurjana Magomedova, Milana Magomedova, Lech Matusiak, Kathrin Bechtloff, Kathrin Krumbach, Aide Rehbaum.

www.theater-bonn.de

 

Mehr Nachdenken über Migration gab es zuletzt in Theatern im Schauspielhaus Graz, den Münchner Kammerspielen, im Maxim Gorki Theater Berlin oder dem Theater Dortmund.

 
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