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Der Schlamm der fernen Schlachten

von Dina Netz

Bochum, 16. Juni 2011. Johanna hört zunächst nur ihr Echo, das immer wiederkehrt, sich vervielfacht und sie bedrängt. Dann reden sechs Richter von einem Tribunal auf einem Podest auf sie ein und fordern, sie möge die Wahrheit sagen. Johanna weigert sich, gefasst, wenn auch nervös, sich zu Glaubensfragen zu äußern. Doch schon bedrängt sie der Nächste, ihr eigener Vater, der sie verheiraten will. Sie streift seinen Arm ab, weil sie gerade Gottes Stimme hört, die sie auffordert, ihr französisches Vaterland vor der Invasion der Engländer zu retten: diese Johanna wird von allen Seiten drangsaliert und mit Erwartungen überhäuft.

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Lena Schwarz als Johanna        ©Arno Declair

Drohende Jury

Ein bisschen wie ein heutiger Popstar, legt Regisseur Roger Vontobel nahe, den man nach Belieben hypen und fallenlassen kann. Lena Schwarz als Johanna muss deshalb häufig ein Mikrophon herumtragen, mit dem Kabel statt mit dem Schwert tötet sie, und beim Kampf steht sie mit Mikro im Stroboskop-Licht, während die anderen sie mit Schlamm und Blut bewerfen. Als Johanna am Schluss die göttliche Stimme nicht mehr hört, ihr Zweifel kommen, sie den englischen Anführer Lionel aus Liebe verschont, bauen sich König und Hofstaat drohend wie die DSDS-Jury hinter ihr auf.

Johanna ist nur das, was die anderen in ihr sehen, sie diskutieren auch gern mal über ihre Zukunft, als wäre sie abwesend. Dass diese anderen nicht zufällig alle Männer sind, scheint Roger Vontobel dabei nicht primär zu interessieren; seine Inszenierung der "Jungfrau von Orléans" dreht sich nicht um Feminismus, sondern eher um allgemeine Machtverhältnisse.

Viel These, wenig Theater

Um sich von Schillers romantischem Idealismus zu distanzieren, hat er das Stück stark verschlankt und an Anfang und Schluss je eine Tribunalszene eingebaut, in der aus den Original-Prozessprotokollen zitiert wird. So endet Vontobels Johanna auch nicht auf dem Scheiterhaufen oder, wie bei Schiller, in der Schlacht, sondern wird, wie ihr historisches Vorbild, rehabilitiert.

Dass Männer alle gleich sind, wissen schon enttäuschte Teenies, aber in Bochum bekommt dieser Spruch noch einen tieferen Sinn: Die Richter, die gerade noch Johanna verhörten, ziehen ihre lila Roben aus und verwandeln sich im Jackeumdrehen in den französischen Hofstaat, in schwarzen Anzügen und Bankerhemden, die den Rauch der fernen Schlacht mit Zigaretten aufsteigen lassen. Und wiederum braucht es nicht viel mehr als zwei verschobene Bühnenelemente und ein paar tarnfarbene Hemden, um ins englische Feldlager zu wechseln.

Florian Lange spielt sogar den König von Frankreich, Karl VII., und gleich darauf mit Perlenkette und hochgestelltem Hemdkragen dessen eigene Mutter Königin Isabeau, die die Engländer unterstützt. Politische Überzeugungen gibt es nicht, will uns Roger Vontobel mit diesem Sparen am Schauspielensemble wohl sagen, Jeder tut sich halt mit jedem zusammen, wenn es ihm nur nützt.

Starke Johanna, scharf konturierte Figuren

Bis hierhin ist das viel These und wenig Theater. Dass diese "Jungfrau von Orléans", die durch Johannas Degradierung zur Leerstelle eigentlich ihres Zentrums beraubt ist, trotz kleinerer dramaturgischer Hänger auch als Theaterabend funktioniert, ist allein den Schauspielern zu verdanken. Lena Schwarz (die kurzfristig für die verletzte Barbara Hirt eingesprungen ist) als Johanna macht betont wenig, bewegt nur hier nervös die Finger, starrt da ins Leere, heult kurz wie eine Wahnsinnige auf oder guckt gepeinigt, wenn die Männer ihr den Schlamm der Schlacht abwischen.

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Diese kleinen Gesten lassen trotzdem alle Konflikte aufblitzen, die Johanna in anderen Inszenierungen durchleben würde, die sie hier aber niederringen muss. Und die sechs männlichen Darsteller, die ja eigentlich nur die Masse der tumben Machtmenschen geben, geben sich damit nicht zufrieden: Bei ihren wenigen Einzelauftritten verleihen sie dennoch ihren Figuren genaue Kontur, Dimitrij Schaad seinem stark euphorisierten Offizier La Hire wie Jürgen Hartmann seinem eher sauertöpfischen Graf Dunois.

Letztlich sind sie aber alle hohl und austauschbar, das ist Roger Vontobels wenig optimistische Sicht auf die Weltpolitik. Nach Lektüre der Tageszeitung kann man ihm leider nur schlecht widersprechen.


Die Jungfrau von Orléans
von Friedrich Schiller
Regie: Roger Vontobel, Bühne: Claudia Rohner, Kostüme: Nadine Grellinger, Musik: Daniel Murena, Video: Immanuel Heidrich, Dramaturgie: Anna Haas.
Mit: Lena Schwarz, Florian Lange, Klaus Weiss, Jonas Gruber, Jürgen Hartmann. Dimitrij Schaad, Matthias Eberle, Daniel Murena.

www.schauspielhausbochum.de


Kritikenrundschau

Vontobel zeichne einerseits das "Psychogramm einer enthusiastischen Person", schreibt Egbert Tholl für die Süddeutsche Zeitung (18.6.2011) und biete damit alles andere als "romantic nonsense" (den Shaw einmal Schillers Drama vorwarf): "Hier gibt es keinen Blitzstrahl der Liebe. Die Begegnung mit Lionel findet zwar statt, bleibt aber ohne romantische Folgen; sie hinterlässt nur noch mehr Verwirrnis bei einer, die ohnehin schon völlig irritiert ist." Diese Aktualisierung und das Bestreben, das Stück auf "heute relevante, politische Aussagen" abzuklopfen, entspreche Vontobels jüngst so erfolgreiche Herangehensweise an den Schiller'schen "Don Carlos". Andererseits gehe es Vontobel mit dem Rekurs auf die historischen Prozessakten auch darum, "die Mechanismen der Macht aufzuzeigen". Intellektuell zeigt sich der Kritiker von diesem Abend angeregt, auch wenn schauspielerisch Wünsche offen bleiben: "In dieser vielleicht etwas eisigen, dadurch anstrengenden, aber sehr klugen Analyse offenbart Vontobel, Hausregisseur in Bochum, tatsächlich ein wunderbares Talent, auch wenn es ihm diesmal nicht ganz gelingt, die Schauspieler völlig faszinieren zu lassen."

Wesentlich stärker durch die Romantik inspiriert empfindet Stefan Keim den Abend in der Frankfurter Rundschau (18.6.2011) und in veränderter Fassung in der Welt (18.6.2011): Vontobel zeige den Schiller, "als wär's ein Stück von Kleist". Die Inszenierung sei "klar, nachvollziehbar, unterhaltsam. Aber auch manchmal oberflächlich, vor allem im langen Mittelteil." Vontobel bediene sich ähnlicher Mittel wie bei seiner "Penthesilea"-Inszenierung in Hamburg: "Wenn's ans Kloppen geht, gibt es derbe Rockmusik und ein bisschen stilisierte Action. Was trotz engagierter Schauspieler etwas bemüht wirkt." Eingehend gewürdigt wird die Johanna von Lena Schwarz, der "überhaupt nichts Naives oder Unschuldiges" anhafte; sie sei "eine Amazone" und darin hinreichend deutungsoffen: "Was diese Johanna antreibt, bleibt ein Rätsel. Und das ist gut so, aus ihr eine religiöse Fanatikerin zu machen, eine christliche Selbstmordattentäterin, würde zu kurz greifen. Sie ist ein Störfaktor, kantig, extrem, unberechenbar. Sie muss sterben, damit man sie gefahrlos verehren kann."

Weitaus kritischer urteilt Arnold Hohmann für das Portal der Westdeutschen Allgemeinen derwesten.de (18.6.2011): "Roger Vontobels entschlackte Inszenierung von Schillers 'Jungfrau von Orleans' am Schauspielhaus Bochum hält wahrlich viele Deutungsebenen parat, zerrt Schillers romantischen Idealismus ins grelle Licht der Gegenwart und lässt ihn dort verdorren." Die Titelfigur bleibe "zu disparat" gestaltet; die großen Schlachten liefen als "von Gitarren-Gewittern und Stroboscope zerfetzte Disco-Szenen, aus denen Johanna mit Dreck und Blut beschmiert herausfindet", ab. Hier werde Johanna "das Opfer einer Welt von Männern, die sich längst in neue Koalitionen gerettet haben und den Feind von gestern als Freund von heute begrüßen." Aus dem Personal, dem in den diversen Rollenwechseln "nicht viel Zeit zur Profilierung" bleibe, ragt für den Kritiker neben Lena Schwarz nur Florian Lange heraus, der "sowohl den zaghaften König Karl als auch dessen resolute Mutter Isabeau unvergesslich macht."

Gerhard Stadelmaier sieht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.6.2011) die "wackeren Schauspieler" in Vontobels Inszenierung "vor Biederkeit geradezu strahlen". Ansonsten vollzieht sich für ihn in Bochum "ein nicht nur fürs Theater typisches Tauschgeschäft." Wo bei Schiller als pure Poesie geglaubt werden müsse, "dass eine junge Frau gegen alle Welt und alle Männer eine alle Himmel und Höllen sprengende Autonomie gewinnt", werde "im poesieglaubenslosen Bochum der Altar der Ersatzreligion des 'Kritischen Ansatzes' errichtet. Für Stadelmaier "die dümmste Konfession, die unsere Gegenwart im Konfektionsregal" hat. "Denn wenn man nichts mehr zu glauben hat – zu meckern hat man ja immer." Im Zuge dessen werde "das plumpe weiberhysterisch leicht übertourte Männeropfer Johanna" zum "abgegriffenen Bewusstseinspfennig", der in einen "längst schmierig gewordenen Klingelbeutel geworfen" wird, in dem er süßestes Thesenklingeln erzeuge. Böse Männer würden "zum Geschrumm einer süß wummernden Rockgitarre ein armes Hascherl quälen und ausbeuten", das nur dazu da sei, einem schlappschwänzigen Anzugsträger den Herrschaftshintern zu retten.

 
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