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Im Menschenstrom

von Ute Grundmann

Dresden-Hellerau, 16. Juni 2011. Tappen, quietschen, schleifen. Das Geräusch von Händen auf dem Boden, von Schuhen beim Rückwärtslauf, von Körpern, die über den Boden gezogen werden. Unverständliche Lautketten, einzelne Worte, dumpfes Dröhnen – mehr Töne gibt es nicht in William Forsythes neuer Arbeit "Sider".

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Und so karg wie die Klänge, so spartanisch ist auch das Bühnenbild im weißen, hohen Raum des Festspielhauses Hellerau: ein quadratischer, grauer Boden, darauf zwei Pappstücke, wie als Unterschlupf oder Hindernis aneinandergelehnt, darüber weiße Neonröhren. Sie werden mit kurzen Hell-Dunkel-Wechseln so etwas wie Szenen andeuten, kurze Unterbrechungen im Strom der Bewegungen.

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Sider. © Dominik Mentzos

Tarnungen

Eine Tänzerin hält zwei Pappen so, dass ein Tänzer sich gerade noch zwischen ihnen bewegen, sich strecken kann. Er vergrößert seinen Spielraum, sie engt ihn wieder ein, beobachtet seine Bewegungen durch die aneinandergelehnten Rechtecke. Ein dritter Tänzer legt sich am äußersten Rand des grauen Bodens unter ein Schild mit der Aufschrift "in disarray" (in Unordnung), spricht, murmelt unverständliche Laute. Das Rattern der Pappen, die über den Boden gezogen werden, das leichte Geräusch ihres Fallens untermalen die Bewegungen, dumpfe Trommelklänge mischen sich darein.

Zu seiner neuen Arbeit mit seiner Company gibt William Forsythe dem Publikum nichts mit, keine Erklärungen, Deutungen, Ansätze, nicht mal eine Übersetzung des Titels "Sider". Der Zuschauer muss sich selbst zurechtfinden in den Szenen der Tänzer, von denen die meisten gefleckte (Tarn-)Kleidung tragen. Die meisten Gesichter sind vermummt mit der klassischen Sturmhaube, aber auch mit spielerischen Varianten. Die meisten tragen heutige Kleidung, einige aber Teile schwarzer, barocker Kostüme, glänzende Strumpfhosen. So, als seien hier Menschen aller Epochen unterwegs, die sich mit- und umeinander bewegen, aber nie nahe kommen, die vielen sind immer einzelne.

Wie gehen wir miteinander um

Sie durchmessen den Raum, drehen sich rückwärts um sich selbst, mal leise, mal mit bewußt lauten Schritt-Geräuschen. Mit den Pappen versperren sie Wege, öffnen sie, fügen sie zu einem Irrgarten zusammen, durch den die Tänzer springen, trippeln, sich strecken, bis sie am Boden niedersinken, die Arme um den Kopf geschlungen, als erstickten sie. Lauter werdende, dumpfe Klänge signalisieren Bedrohliches, ebenso wie die Vermummung, die Kleidung, aber es bleibt im Angedeuteten, Ungefähren.

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Sider. © Dominik Mentzos

Die Tänzer der Forsythe Company halten diese, auch rätselhaften Szenen in großer Spannung, im Wechsel von Solo und Gruppe, von Mit- und Gegeneinander, von Erobern der Fläche und deren vorsichtigem Erkunden. Dazu werden mit weißen Buchstaben auf heller Wand Sätze eingeblendet: "he is to that as this is to him", "he is to those as we are to you" – diese wie-du-mir-so-ich-dir-Varianten, die Fragen, wie gehst du mit mir, wie gehen wir miteinander um, begleiten den 70-Minuten-Abend, in dessen Verlauf sich aus der Gruppe heraus dann doch zwei Paare bilden, die sich verschränken und umeinander drehen. Eines dieser Paare lässt sich nieder, spricht lautlos miteinander, während um sie herum die Bewegungen der Tänzer und der Rechtecke weitergehen, bis schließlich eine Mauer (ent)steht, auf der die Hände der Tänzer tanzen.

Am Ende kehrt der kurze Abend an den Anfang zurück, zu zwei Tänzern, die sich mit, durch und gegen die Rechtecke bewegen.


Sider (UA)
Eine Arbeit von William Forsythe und der Forsythe Company
Musik: Thom Willems, Beleuchtung: Ulf Naumann, Tanja Rühl, Kostüme: Dorothee Merg, Dramaturgie/ Produktionsassistenz: Billy Bultheel, Freya Vass-Rhee, Elizabeth Waterhouse.
Tänzer: Yoko Ando, Esther Balfe, Dana Caspersen, Katja Cheraneva, Brigel Gjoka, Amancio Gonzalez, Josh Johnson, David Kern, Fabrice Mazliah, Roberta Mosca, Jone San Martin, Riley Watts, Ander Zabala.

www.hellerau.org
www.theforsythecompany.com


Tanz gibt's auf nachtkritk.de nur in Ausnahmefällen, in großen. Hier die letzten Arbeiten einiger Masters of Dance: Sasha Waltz mit Continu, Alain Platel mit Gardenia, Anouk van Dijk mit Protect me, Constanza Macras mit Berlin Elsewhere. Lesen Sie auch den Blog-Nachruf auf die Epochenmacherin Pina Bausch.


Kritikenrundschau

Eine "Art Spielanordnung für zwölf Tänzer und einen tanzenden Schauspieler, den fabelhaften David Kern", hat Wiebke Hüster für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (18.6.2011) in dem neuen Forsythe-Abend entdeckt (eine kürzere Kritik gab die Autorin bereits in der Sendung Kultur heute im Deutschlandfunk am 17.6.2011). Es ist eine Spielanordnung, die locker um Shakespeares "Hamlet" herum gebaut sei und durch Anweisungen des Regisseurs spontan entstehe. Schon das fehlen der Vorsilbe In oder Out im Titel "Sider" evoziere eine "Atmosphäre der Verunsicherung auch darüber, wie man die anderen Mitspieler einzuschätzen habe, ein existentielles Ungemach, inmitten dessen weder Protagonisten noch Zuschauer wissen können, wer Außenseiter, wer Eingeweihter oder Spielmacher ist." Und doch zeigt sich die Kritikerin von dem Insider-Charakter des Abends wenig angetan. Man ahne "dass die Metaphern dieses Abends leider durchweg aus Bedeutungspappe sind. Was soll uns all das Gelaufe, das Gerede in Phantasiesprech, das Gekichere im rosa Mützchen denn sagen?" Mehr als fraglich erscheint mithin, ob die "dröge Versuchsanordnung 'Wir spielen Hamlet, im Geheimen' schon eine buchenswerte Stellungnahme" ist.

Mit Entschlüsselungsversuchen kommt auch Eva-Elisabeth Fischer von der Süddeutschen Zeitung (18.6.2011) an diesem Abend nicht weit. In manche assoziative Richtung führe der Rechercheweg (Hamlet, Sprachphilosophie, vierdimensionale Ontologie). Jedoch alles umsonst: Forsythe "albert lieber herum", seine Akteure "bramarbasieren im Dada-Talk unter acht farblich changierenden Leuchtgasröhren." Die Sound-Komposition lasse "eine Gliederung in drei Akte" erkennen: "akustisch ferngerücktes Pulsieren im ersten, martialisches Donnern im zweiten und im dritten dann streichzarte Melancholie."

"Sider" sei "ein Stück loser Enden", schreibt Sylvia Staude für die Berliner Zeitung und für die Frankfurter Rundschau. "Auf einer der Pappen steht 'in disarray', in Unordnung; das liest sich wie eine kokette Entschuldigung. Forsythes Forschung – sei es über den Zauderer Hamlet, sei es über Vierdimensionalität – hat ihn diesmal zu etwas geführt, das nur ein Zwischenstand sein kann." Der Abend entwickele "Fliehkräfte in alle möglichen Richtungen und lässt einen ratlos zurück." Zwar sei das "comic-hafte Kauderwelsch" der Akteure bisweilen lustig, aber den Eindruck, "noch mitten in den Proben" zu stecken, wird die Kritikerin nicht los: "Forsythe ist auch nach Premieren noch ein radikaler Veränderer, hier wäre ein Umbau tatsächlich nötig."

Reinhard Oldeweme von der Freien Presse (18.6.2011) schließt sich der allgemeinen Ratlosigkeit an: "William Forsythe macht daraus ein Geheimnis, was er mit diesem Stück sagen will. Der Zuschauer soll assoziativ erleben, was der Choreograf auf den Tanzboden bringt, nicht nachdenken und nach Vorgaben hinterfragen." Gleichwohl lässt sich der Kritiker von der darstellerischen Meisterschaft gefangen nehmen: "Wer den Tänzerinnen und Tänzern konzentriert zuschaut, fühlt sich uneingeschränkt unterhalten, weil diese Beherrschung des Körpers gerade wegen der scheinbar fehlenden Linie fasziniert, denn das ist Emotion pur."

 
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