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Der Zauber der Selbstzerstörung

von Steffen Becker

München, 17. Juni 2011. Der Teufel ist auch nur ein Mensch. Das Universum des Stückes "Merlin oder Das wüste Land" betritt er als Zauberer, der die Tafelrunde gründet, um die Welt zu verbessern. In der Inszenierung von "Merlin oder Das wüste Land" am Metropol-Theater München erscheint dieser Merlin, Sohn des Teufels, als Wave-Gothic-Frau in Plateau-Stiefeln, Grufti-Mantel und weißer Schminke (Maria Weidner). Viel tun muss er/sie gar nicht – einen runden Tisch organisieren reicht schon, um den Rittern um König Artus all die schönen Ideen von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit in den Kopf zu setzen.

Popbilder der Utopie

Den Rest, also den Weg ins Verderben, besorgen die Menschen schon selber. Regisseur Jochen Schölch traut dem Einzelnen damit mehr Zerstörungskraft zu als die andere (wie es heißt: legendäre) Münchner Inszenierung dieses Stückes von Tankred Dorst und Ursula Ehler. In den frühen 1980ern ließ Dieter Dorn an den Kammerspielen über acht Stunden und zwei Aufführungstage lang Merlin als Inszenator blutiger Schlachten die Strippen ziehen, als die Macht, die Gutes will und Böses schafft.

Bei Schölch schnurrt das Stück auf handliche drei Stunden zusammen und Merlin wird zum Impulsgeber, der den Menschen antreibt, Mensch zu sein. Dabei arbeitet Schölch mit popkulturellen Bildern von Utopien – so verwandeln sich König Artus und seine Gattin Ginevra in einer Szene mit wenigen Handgriffen zu Yoko Ono (zu Schlitzen gezogene Augen) und John Lennon (runde Brille)  und singen "Imagine". Überhaupt ist das Ensemble der Bayerischen Theaterakademie August Everding blitzschnell und zum Teil hoch artistisch im Szenenwechsel: Aus ihren Rollen als Ritter heraus fügen sich ihre Leiber zum Felsen, in dem das Schwert Excalibur steckt, tarnen sich gleich darauf hinter Laken als Reifrock der Königin, um im nächsten Moment mit Pferdekopf bei Hof einzureiten.

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Merlin oder Das wüste Land. © Hilda Lobinger

Abgründe reißen auf

Ihre größte Stärke zieht die Inszenierung jedoch aus ihren subtilen Figurenzeichnungen. Schölch legt die Ursachen für das Scheitern aller Utopien von Beginn an offen, lässt den Abgründen aber Zeit, langsam aufzureißen. Lancelot (Patrick Nellessen) lutscht etwa schon beim ersten Auftritt an einer Spielfigur, die der von ihm begehrten Königin Ginevra (Sarah Grunert) nachempfunden ist. Diese flirtet beim Schachspiel mit den gleichen Figuren mit Lust zurück. Beide zucken immer wieder zurück; Grunert überzeugt als eine Ginevra, die jeweils das will, was sie gerade nicht haben kann: den Mann, den sie liebt oder den Mann, den sie begehrt. Sie belässt es bei spürbarem Unbehagen, wo eine solche Figur leicht in hysterische Verzweiflung ausbrechen könnte. Nellessen als Lancelot wird da deutlicher. Mit mühsam unterdrückter Aggressivität und Sexualität lässt er nachempfinden, warum die Königin Lancelots Vitalität dem Träumer Artus vorzuziehen gedenkt.

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Heiner Bomhard zeigt in der Rolle des Artus jedoch die meisten Facetten. Unbedarft-begeistert will er die Ritter von einer Welt ohne Herren, Eigentum und Krieg überzeugen, ohne zu merken, dass er sie damit quasi entmannen würde. Je klarer er sieht, dass die Realität seinen Ideen nicht gewachsen ist, desto mehr verdüstert sich sein Mienenspiel, die Körperhaltung sackt resignativ zusammen und die Frustration entlädt sich in einer Kapitulation vor dem eigenen Anspruch, alles zum Guten zu richten. Sie wird besiegelt durch den Totschlag seines Sohnes Mordred (großartig intrigant: James Newton).

Die Bühne spiegelt diese Entwicklung. Spielt sich das geordnete Geschehen auf kreuzförmig angelegten Holzwegen ab, verlagern sich Handlung und Auftritte zusehends auf den tiefer liegenden Boden im farblich uneindeutigen und unansehnlichen Styroporlook. Statt klarer Linien herrscht Durcheinander. Es bleibt am Ende nur das "wüste Land". Merlin hat dann auch genug von den Menschen und schlüpft zurück in den Mutterleib.


Merlin oder Das wüste Land
von Tankred Dorst / Ursula Ehler
Regie: Jochen Schölch, Ausstattung: Christl Wein, Licht: Benjamin Schmidt, Dramaturgie: Katharina Winter, Katrin Gellrich
Mit: Sebastian Baumgart, Heiner Bomhard, Sarah Grunert,  Ines Hollinger, Kevin Körber, Patrick Nellessen, James Newton, Maria Weidner, Rasmus Max Wirth.

www.metropoltheater.com


Mit Merlin oder Das wüste Land überprüfen Regisseure regelmäßig die Utopiefähigkeit unserer Zeit: so etwa Johann Simons auf der Ruhrtriennale 2007 in Gladbeck, Murat Yeginer 2008 in Kaiserslautern oder David Mouchtar-Samorai 2010 in Bonn.


Kritikenrundschau

In der Sendung Kultur heute auf Deutschlandfunk (17.6.2011) ist Rosemarie Bölts gegeistert: "Hinreißende 'Tableaus'" würde Schölch mit seinem jungen Ensemble bilden. Mit "vollem Körpereinsatz und hohem Tempo wechseln sie zwischen choreografischen Tanz- und Kampfeinlagen, Chorgesängen, parodistischen Szenen, Leidenschaft und Erzählgestus." Schölch gelinge es, das "komplexe Stück von Tankred Dorst", das "voller Symbolik und gespickt mit verschiedenen Handlungsebenen, Zeitaltern und Zitaten der Weltliteratur" sei, "aus den 80er-Jahren ins Hier und Jetzt zu bringen", und zwar so, dass trotz Kürzungen "viel Raum und Fantasie" entstehe. Fazit: "Das ist kraftvoll, ironisch, durch die Komplexität des Stoffes manchmal verwirrend, aber eindeutig: eine fantastische Vorstellung!"

Ähnlich würdigt Florian Welle den Abend, der mittelalterliche Ritterwelt mit der Popkultur des 20. Jahrhunderts mische, in der Süddeutschen Zeitung (18.6.2011): Schölch verfüge über ein Ensemble "aus facettenreich aufspielenden, sich im Verlaufe des Abends immer mehr verausgabenden Schauspielschülern der Bayerischen Theaterakademie". Für den Kritiker hat der "pessimistische Koloss eines Theaterstückes über das Scheitern menschlicher Utopien gestern wie heute nichts von seiner Kraft und schon gar nichts von seiner Aktualität verloren". In diesem Sinne entfalte der Abend seine Botschaft: "Am Ende steht Resignation: 'Die Geschichte widerlegt die Utopie.'"

"Wer auf Jochen Schölchs Theatermethode abfährt, für den ist sie der pure Suchtstoff", schreibt Beate Kayser im Münchner Merkur (18.6.2011). Fliehende Szenenentwürfe auf leerer Bühne, die Konzentration auf reine Physis und ein "Beharren auf einer genauen Form, die das Ungefähre des Dahin-Spielens ausschließt", gehörten dazu. Auch hier fällt ausgiebig Lob auf die schauspielerische Arbeit. Und doch macht die Kritikerin Abstriche an dieser Tankred-Dorst-Umsetzung, "einer Mammut-Aufgabe, der eher die Gedankenfülle, die überbordende Fakten- und Zitatenseligkeit (selbst noch in der stark eingestrichenen Fassung) zu schaffen machen als der kleine Spielort“. Zwiespältig fällt daher das Resümee aus: "Ist man bis zur Pause animiert und hellwach, tritt das Stück später auf der Stelle. Die 'Aufarbeitungen' der verschiedenen Freunde und Feinde bringen keinen neuen Aspekt und ermüden. Der Abend lohnt sich aber wegen des Engagements der jungen Schauspieler und Schölchs Theaterkunst."

 
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