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Angstgespenster im Nacken

von Petra Hallmayer

München, 18. Juni 2011. Die Flecken werden sie lange nicht los. Drei in scheußlichen Cocktailtütüs steckende Hexen besudeln die beiden Feldherren und Freunde in den Kammerspielen zu Beginn mit Blut. In einem Flashback feuert Macbeth imaginäre Gewehrsalven auf den spastisch zuckenden Banquo. Der Kriegsheimkehrer trägt die psychischen Verstörungen und Entgrenzungen vom Schlachtfeld hinein in den Frieden. Allein: Dort begangen werden die Gewalttaten, die Soldaten im Krieg zu Helden machen, zu Verbrechen.

Nicht mit einem starken Kerl, sondern mit der zarten Jana Schulz hat Karin Henkel Shakespeares Titelfigur besetzt, deren finstere Wünsche die Hexen hervorlocken. Das ist erst einmal nicht verkehrt. Schließlich ist Macbeth kein Rambo, sondern ein schwankender zerrissener Mensch und die Überschreitung von Geschlechterkategorien ein zentrales Moment in der Tragödie. "Unsex me here", bittet Lady Macbeth die Geister, die sich mit unweiblicher Härte wappnen will, um ihrem Mann bei seinem mörderischen Aufstieg auf den Thron das Messer zu reichen. Wie ein Mantra sagt Kate Strong (Hexe / Kammerfrau) den Satz in der sich zur Wiederholungsschleife schlingenden englischen Orginalpassage auf.

Schuldkranke Glücksbankrotteure ohne Schutzbunker

Kriegstraumatisierungen und Gender Crossing sind zwei wichtige von vielen thematischen Strängen, die die Regisseurin anreißt, und während des ersten Drittels des Abends folgt man der Inszenierung gespannt, neugierig darauf, wohin sie uns führen wird. Allmählich jedoch begreift man, dass sich all die Fäden im Nichts verlieren und zunehmend schleicht sich Langeweile ein.

Dabei mangelt es nicht an schönen Ideen. "Schlafender Raum" steht in weißen Lettern auf der schwarzen Häusersilhouette auf der Bühne. Sie ist der Ort, an dem die bösen Gedanken schlummern, die draußen in die Tat umgesetzt werden. Sie ist das traurig leere kinderlose Zuhause des Paares, das für seine Karriere über Leichen geht. Irgendwann sitzen die Beiden, die ihre Träume wahr gemacht haben, nebeneinander auf dem Bett, zwei schuldkranke Glücksbankrotteure, für die es keinen Weg mehr zurück gibt in den Schutzbunker der zivilisatorischen Lügen und Verdrängungen. Immer wieder glücken Henkel einzelne dichte Bilder – zu einem überzeugenden Konzept findet sie nicht.

Schwyzerdeutsch und Holländisch babbelnde Spaßmacher-Killer

Das ist umso irritierender, da sie über eine fantastische Hauptdarstellerin verfügt. Wie Jana Schulz als Macbeth ihre Stimme brüchig werden und die Augen flackern lässt, wie sie sich zusammenkauert, wenn sich die Angstgespenster in ihren Nacken krallen, das ist großartig. Doch so fesselnd ihr schauspielerisches Solo ist, es wirkt merkwürdig losgelöst in einem Ensemble, das in wechselnden Rollen agierend weit unter seinen Möglichkeiten bleibt. Zwischen Schulz' blondem Jüngling, einem Bruder von Hamlet, und Katja Bürkles burschikoser Lady Macbeth entsteht keinerlei Beziehung. Und dass der fragile Knabe als Tyrann Angst und Schrecken verbreitet, das traut man ihm einfach nicht zu.

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Noch weniger kann man sich vor seinen Killern fürchten, die Henkel in schwyzerdeutsch und holländisch babbelnde Spaßmacher verwandelt. Das Shakespeares Text durchziehende Geflecht aus Männlichkeitsidealen und -zwängen wird in keinem Moment sichtbar. Ohne diesen Hintergrund aber fehlt Macbeth' Androgynität die Kontrast- und Reibungsfläche.

Messiehafte Motivanhäufung

Statt sich auf einen der aufgefächerten Ansätze zu konzentrieren, breitet Karin Henkel ein Kunterbunt an Gedankensplittern und Einfällen aus: Mikros, Scheinwerfer und ein Mord als Sportreportage zeigen uns eine medienbeherrschte Welt. Die sich um Macbeth gruppierenden Mitspieler werden zu Zuschauern seiner Fantasien. Dazwischen erleben wir das Drama einer Männerfreundschaft, spukt Banquos Geist mit clownweißrot verschmiertem Gesicht seinem Mörder hintendrein. An eindringliche Szenen reihen sich anämisch konventionell abgespulte Dialoge und pipifaxige Unterhaltungsnummern.

Letztlich erscheint die Inszenierung wie eine unbeholfene Umsetzung des Anything-goes-Diskurses, den das Programmheft eröffnet. Da wird Raskolnikow zitiert, Macbeth mit Adam Winfield, einem Soldaten des "Kill Teams" in Afghanistan, verglichen und Christopher Nolans "Inception" angeführt. Mag sein, dass die Aufführung das alles und noch viel mehr beleuchten wollte. Heraus kommt nur eine messiehafte Motivanhäufung, eine schludrig zusammengeheftete Patchworkdecke.

Worum es Karin Henkel eigentlich geht, wird im Verlauf des Abends immer unklarer. Nur eines weiß man am Ende sicher: Jana Schulz wollen wir sehr gerne sehr bald wiedersehen – in einer schlüssigeren Inszenierung.

 

Macbeth
von William Shakespeare
Übersetzung von Thomas Brasch in einer Fassung von Karin Henkel und Jeroen Versteele
Regie: Karin Henkel, Bühne: Muriel Gerstner, Kostüme: Tina Kloempken, Sound: Moritz Hirsch, Dramaturgie: Jeroen Versteele.
Mit: Katja Bürkle, Benny Claessens, Stefan Merki, Jana Schulz, Kate Strong.

www.muenchner-kammerspiele.de



Kritikenrundschau

Karin Henkels "Macbeth" mit Kriegstraumata sei eine Performance und komme manchmal wie eine Show daher, bedindet Sven Ricklefs im Bayerischen Rundfunk (19.6.2011): "man singt, man lässt manchen deutschen Texten das englische Original folgen, oder kommentiert den Mord an Banquo schon mal wie in einer Liveübertragung. Dann und wann sprechen die Schauspieler in ihrer jeweiligen Muttersprache, mal Englisch, mal Flämisch, mal Schweizerdeutsch und manchmal kommentieren sie ironisch das, was da sonst ganz ernsthaft ablaufen würde". Das habe manchmal großen Witz, manchmal aber auch große Längen: "Gleichzeitig ist der Abend sehr kalt, und allzu sehr spürt man dann doch den konzeptionellen Willen, manchmal auch die Anstrengung."

"Posttraumatische Belastungsstörung" lautet der Befund bei Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (20.6.2011). Henkel verlege die Handlung in die Innenwelt der Titelfigur. MIt konsequenter Traumlogik: Handlungszusammenhänge fransten aus, Figuren verwischten wie beim Blick durch ein blutverschmiertes Kaleidoskop. "Aber nicht nur der im Stück ja durchaus angelegte Gender-Diskurs bleibt unausgegoren, auch stilistisch kann sich die Regisseurin zwischen Horrorästhetik, szenischer Ermittlung und Beckettschem Clownsspiel nicht entscheiden. Allzu aufdringlich betont das Hantieren mit Mikrofonen, Stahlrohr-Sapelstühlen und Baumarkt-Leuchten den Als-ob-Status der Bühnenvorgänge, um medienkritische Gewieftheit zu beweisen."

Überwiegend wirkten "Macbeth und auch Katja Bürkles eigentümlich charaktergraue Lady Macbeth auf dieser Bühne wie Fremdkörper, schwarzweiße Originaldokumente, die Regisseurin und Dramaturg bei ihrer aufregend gestrafften, unmittelbaren, deutsch-englischen Neufassung und Inszenierung regelrecht vergessen zu haben scheinen", schreibt Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.6.2011). Einen Eindruck davon, wie der Regisseurin "ihr Abend der vereinigten Gegensätze idealerweise hätte gelingen können, vermittelt Kate Strong - ganz gleich, wen sie gerade spielt. Ob sie den Live-Ticker zum (akustischen) Mord an Banquo gibt oder dem frisch gewaschenen und noch immer benommenen Mörder Macbeth minutenlang eine groteske deutsch-englische Stegreifrede über die verschwimmenden Grenzen zwischen Realität und Albtraum hält, die gebürtige Londonerin bietet in jedem Atemzug dieses Abends einen großartigen Shakespeare-Kommentar. Weil sie gleichzeitig so sanft, rauh, strahlend zähnefletschend alles sein kann, alles ist und dennoch eines zeigt, um das es in diesem Drama wirklich geht: Macht."

Ja, es gebe schöne Bilder, schreibt Gabriella Lorenz in der Münchner Abendzeitung (20.6.211). "Aber alle interessanten Denkansätze versanden im Nichts. Wie auch das Finale: Der mit Western-Filmmusik angekündigte Showdown findet einfach nicht statt. Da liegt eben einfach der zerstückte Wald, den die Hexen durch Fenster reinschmeißen, und basta. Den Verzicht aufs äußere Kampfdrama könnte man verschmerzen, wenn ein inneres stattgefunden hätte. Jana Schulz spielt faszinierend Unentschlossenheit, Resignation Angst. Aber das wirkliche Drama hat Karin Henkel nicht inszeniert."

Anders Simone Dattenberger im Münchner Merkur (20.6.2011): Henkels Konzept könne trotz Reduktionen überzeugen, schreibt sie - warum, wird in ihrer Kritik aber nicht ganz klar. Die Regisseurin verschone ihr Publikum dank Geschlechter- und Rollenwechsel "mit einem faden Männerstück samt Frauenstaffage". Dafür müsse man hier seinen "Macbeth" schon kennen. Während Henkel und Bürkle für den Wahnsinn der Lady "nur die recht abgestandene Form der Zwangswiederholung gefunden" hätten, sei es bei Jana Schulz die Hatz: "Beim Königsmord, da lässt sie mit nervenflatterndem Spiel ihren Macbeth sich selbst in die Schlitzer-Tat hetzen. Danach ist er der hilflos gehetzte seiner Angst. Als Banquos Geist bleibt sie - gut Idee der Inszenierung - bis zuletzt an seiner Seite. Den fiesen Bluthund Macbeth nehmen die Damen doch sehr in Schutz..."

Jan Küveler schreibt in der Tageszeitung Die Welt (21.6.2011): "Jana Schulz … wirkt blond und blass und bubiköpfig, als wäre sie Robert Stadlobers braver Bruder." Sie gebe den "mörderischen" König "halb als machtmüden Richard II., halb als zerquälten Hamlet". Bei Henkel rücke "die Komödie gegen den humorlosen Macbeth von allen Seiten vor". Gegen sie sein tragisches Königreich zu verteidigen, gelinge ihm nicht. Lady Macbeth sei bei Katja Bürkle "blutleer-burschikos", Kate Strong, Stefan Merki und Benny Claessens in allen übrigen vierzehn Rollen dagegen komisch. Wunderschön die Idee, "den korpulenten Claessens als Banquos Geist sich ins Königsbett fläzen zu lassen. Die schmächtige Schulz findet da weder Platz noch Schlaf." Das Bankett zu Ehren der neuen Majestät "crasht" dieser "tolle tote Banquo mit grell geschminktem Gesicht wie eine weiße Maus eine Versammlung anonymer Alkoholiker". Der Abend funktioniere "nur als Nummernrevue, als Transvestiten-Travestie von Macbeth-Klischees". Zentral der Mord als "Meisterstück der Mannwerdung". Doch das Spiel mit den Geschlechtern "scheint" wenig originell, wohin es führen soll, bleibt Henkel schuldig.

Stimmen zum Gastspiel der Produktion beim Berliner Theatertreffen 2012:

Geradeheraus als "zweite Pleite" der Münchner Kammerspiele beim diesjährigen Theatertreffen (nach Johan Simons Eröffnung mit seiner "Onkel-mild durchästhetisierten Sara-Kane-Trilogie") und als "Nichten-braves Nachtstückchen" bezeichnet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (9.5.2012) diese "unentschiedene Inszenierung, die viel andeutet, aber nicht deuten will". "Statt ein bisschen Schwung zu holen und loszuerzählen, gern auch loszuuntersuchen oder loszuzerstören, wird gezeigt, wie komplex das Shakespeare-Stück ist und was man sich alles für interessante Themen aussuchen könnte, wenn man sich denn interessieren würde." Die Titelpartie sei besetzt mit einer "sauber, aber gebremst spielenden Jana Schulz (momentweise scheint auf, was die rocken könnte, wenn man sie ließe)".

Auch auf Peter von Becker vom Tagesspiegel (9.5.2012) wirkt diese Inszenierung "sonderbar blass". Es "fehlen Witz – und Wucht". Die Besetzung der Titelrolle mit Jana Schulz "soll irgendwie aktuell oder gar konzeptionell wirken". "Aber das bleibt geduldiges Papier. Auf der Bühne steht und fällt nur ein piepsiger bleicher Mädchenprinz, eine Königskindin. Aus Irgendwo ins Nirgendwo."

Für nachtkritik.de (8.5.2012) bespricht Dirk Pilz das Theatertreffen-Gastspiel der Produktion mit einem Shorty.

 
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