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Die Würde des Menschen ist antastbar

von Jens Roselt

Juni 2011. Wenn Blicke töten könnten, hätte Dostojewski keinen einzigen Roman zu Ende geschrieben, weil schon im ersten Kapitel alle Figuren tot umfallen würden. Blicke können nicht töten, aber sie können quälen. Deshalb sind sie eine Quelle sadistischer Lust. "Warum fixieren Sie mich derart?" – die Frage, die am Anfang von Dostojewskis Roman die Kettenreaktion von Erniedrigung und Beleidigungen auslöst, ist ein Angriff als Verteidigung. Er gründet in einer giftigen Mischung aus Unsicherheit und Stolz. Wer sich durch den Blick des anderen angegriffen fühlt, muss einen Schutzschild hochfahren. Dieser heißt Scham.

Seele geschüttelt, nicht gerührt

Scham ist die Ozonschicht des Individuums. Sie liegt wie eine Hülle um die Würde. Wir bemerken sie erst, wenn es zu spät und die Verletzung erfolgt ist. Mit Blicken, Worten, Handlungen lässt sich die Schamgrenze eines anderen übertreten, um dabei seine Integrität auf die Probe zu stellen. Wer sich schämt, wird rot im Gesicht. Der Kopf schwillt an, als hätte ein Schlag ihn getroffen. Doch der Treffer landet nicht auf der Schnauze, sondern tief im Innern. Er lädiert kein Organ. Das Ego selbst wird wund. Die Seele nicht gerührt, sondern geschüttelt.

Das individuelle Erleben der eigenen Pein ist gleichzeitig ein öffentlicher Vorgang. Man wird beobachtet, durchschaut, vermag den Blicken nicht zu entrinnen. Eine indirekte Folter: jede Bewegung, rede Reaktion kann den Schmerz noch größer machen. Die Scham liegt zwischen den Menschen und geht doch vom Einzelnen aus. Sie ist eine Schnittmenge zu anderen, der man sich nicht entziehen kann. Scham ist negative Selbsterfahrung und sozialer Akt. Der Soziologe Georg Simmel beschreibt es so: "Indem man sich schämt, fühlt man das eigene Ich in der Aufmerksamkeit anderer hervorgehoben und zugleich, dass diese Hervorhebung mit der Verletzung irgendeiner Norm (sachlichen, sittlichen, konventionellen, personalen) verbunden ist."

Wie der Golf III mit dem Syltaufkleber

In einer Gesellschaft, die Freiheit für ihr Markenzeichen hält, ist Scham ein probates Mittel der Kontrolle und Regulierung. Unser Leben hat werbespottauglich zu sein. Wir halten uns etwas darauf zugute, die Rechtschreibregeln zu beherrschen, fünf Jahre jünger auszusehen, als wir sind, die Familie auf Kurs zu halten und einen guten Freund zu haben, mit dem man sich ausquatschen kann. Wir fühlen uns so pudelwohl wie der Golf III mit Syltaufkleber in der Doppelgarage unseres bald abbezahlten Hauses kurz vor der Spritztour zu den Salzburger Festspielen.

Wer diesen Vorstellungen nicht entspricht, muss sich selbst an den Pranger stellen: Fette im Fitnessstudio, Arbeitslose im Autohaus. Für jeden Dummen findet sich eine Talkshow. Freiheit heißt: Wer die Norm nicht erreicht, ist selber schuld. Der Beschämte beweist seine Unterlegenheit und akzeptiert gleichzeitig die Machtverhältnisse, die ihn unterlegen machen. Wer der unangenehmen Scham entgehen will, wird versuchen, ihr zuvorzukommen und der Norm zu entsprechen: nie schwarzfahren, nie stinken und peinlich genau darauf achten, dass es immer auch Versager gibt, die schlechter sind als man selbst. Beschämung erweist sich so als probates Mittel gesellschaftlichen Terrors. Sighard Neckel, der die soziale Dimension der Scham dargelegt hat, stellt fest: "Scham ist Wahrnehmung von Ungleichheit, Beschämung eine Machtausübung, die Ungleichheit reproduziert."

Das Subtile daran ist, dass Scham als ein Gefühl in der abendländischen Tradition tendenziell für etwas Individuelles, Introspektives oder Subjektives gehalten wird, für etwas, das jeder mit sich selbst auszumachen hat. Die Reaktion auf Scham ist schließlich das Zurückziehen, das Verhüllen und das Verbergen. Die Kehrseite der Repression, die sich sozial ins Werk setzt, kann also nicht offen sozial ausgetragen werden, sondern ist mit nach Hause zu nehmen. Tür zu, Kette vor und schämen – Prost.

Wer klagt schon öffentlich an, dass er sich missachtet fühlt?

Damit steht Scham in deutlichem Gegensatz zu dem anderen wichtigen Regelsystem, das die freiheitliche Grundordnung gewährleisten soll: dem Recht. Sich sein Recht zu holen, gehört zum guten Ton. Öffentlich anzuprangern, dass einem Unrecht widerfahren ist, muss gesellschaftlich nicht deklassieren. Unrecht kann Revolutionen entfachen. Scham hingegen treibt in Depression und Selbstauslöschung. Wer klagt schon öffentlich an, dass er sich als Mensch missachtet fühlt und sich schämt, ein Versager zu sein?

Nur indirekt kann der Affekt nach außen getragen werden. Wir schämen uns nicht, sondern sind stolz, Deutsche zu sein. Die Frage der Schuld wird vor Gericht entschieden, für Scham hingegen gibt es kaum soziale Orte, an denen sie verhandelt werden kann. "Wo Misserfolg die Scham veranlasst", so Neckel, "kann nur künftiger Erfolg sie wieder tilgen, und wenn dieser sich nicht einstellt, bleibt nur Aggression und Selbstaggression übrig. Das Spektrum der sozialen Reaktionsweisen auf Scham ist daher breit gefächert: es reicht von der Selbstzerstörung bis zum Hass auf jene, die einen immer wieder in beschämende Situationen bringen; von der demütigen Konformität, der Bescheidenheit, bis zur Selbststigmatisierung; von Gehorsam und Unterordnung bis hin zu dem Versuch, die Beschämung umzukehren, sie gegen die zu wenden, die sie zunächst unternommen haben." Unerhört wird es allerdings, wenn Menschen nicht versuchen, der Beschämung durch Leistung zu entkommen, sondern sich in der Beschämung eingerichtet haben und damit die Normen verhöhnen, die den Anständigen so viel Mühe machen. Der Penner, der in die Bahnhofshalle pisst, beschämt vor allem die Frau in der Schlange am Croissant-Stand, die sich schwört, nie wieder Bahn zu fahren.

Im Bühnenboden versinken

Theater ist ein Ort der Zurschaustellung, wo das Spannen kultiviert wird. Der amerikanische Psychoanalytiker Léon Wurmser hat gezeigt, dass Scham auf zwei Grundimpulsen kulturellen Handels basiert, die er Theatophilie und Delophilie nennt. Theatophilie ist das Verlangen zu beobachten, zu schauen und zu bewundern oder durch intensives Suchen das Beobachtete zu beherrschen oder sich mit ihm zu vereinigen. Während Delophilie dagegen die Zeigelust benennt, den Wunsch sich auszudrücken, sich vor anderen zu inszenieren und so zu beeindrucken.

Das Theater, dessen spezifische Medialität darin besteht, dass Zuschauer und Akteure gleichzeitig in einem Raum für eine bestimmte Zeit zusammenkommen, ist damit auch ein Ort, an dem die Bedingungen von Scham und Beschämung sozial verhandelt werden. Während der Volksmund gerne mal vor Scham im Boden versinken möchte, ist es ein kurioser Zufalle, dass der Bühnenboden fast jeden deutschen Stadttheaters die technischen Voraussetzungen bietet tatsächlich vor Scham zu versinken, oder sollte man sagen, aus Scham empor zu fahren?

Scham als affektiver Kern aller Ästhetisierung

Die Protagonisten dieses Vorgangs sind die Schauspieler. Was die Spannung des Schauspielens markiert, macht dies aus: sich zeigen und verbergen, vorwagen und zurückschrecken, Grenzen erfahren sowie erfahrbar machen und zurücktasten. Diese Spannung wird als Scham spürbar, welche die Zuschauer anzieht, fasziniert und gleichzeitig abstößt. Wegen dieses Spiels von "Verhüllung und Entbergung, Verkleiden und Zeigen, Verrätselung und Offenbarung" ist Scham für den Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann "der affektive Kern aller Ästhetisierung". Schauspieler sind schwitzende, fettige, spuckende Unverschämtheiten, die ihre vergänglichen Körper, ihre Falten und Runzeln den Blicken der Zuschauer preisgeben.

Vielleicht zeichnet es Schauspieler sogar aus, dass sie sich ihre Scham nicht abtrainiert haben und nicht schlichtweg schamlos sind (was diesem Berufsstand seit Jahrhunderten gerne vorgeworfen wird), sondern dass sie sich der eigenen Scham aussetzen und mit ihr arbeiten – im Sinne eines Auslotens, Überschreitens und Zurückziehens. Wahrscheinlich werden sich Schauspieler, wie alle anderen Menschen auch, nicht gerne schämen, sondern lieber überlegen und kontrolliert auftreten. Doch was im Alltag immer wieder scheitert, kann auf der Bühne zum waghalsigen Experiment werden. "Sichere" Schauspieler langweilen nicht selten, denn sie wissen ihre Mittel souverän einzusetzen. Packend kann es hingegen werden, wenn der Eindruck entsteht, hier setzt sich jemand im wahrsten Sinne des Wortes aufs Spiel, kommt aus der Reserve, riskiert sich vor anderen.

Hier steh' ich nun, ich kann nicht anders

Anders als Schuld ist Scham in einem dramatischen Diskurs schwer verhandelbar. Sie manifestiert sich nicht in erster Linie im Drama, sondern auf der Theaterbühne in der leiblichen Präsenz von Körper und Blick: Hier steh' ich nun, ich kann nicht anders. Schuld bezieht sich auf eine konkrete Tat oder Handlung. Sie ist objektivierbar und kann einer dramatischen Dialektik unterzogen werden. Scham hingegen ist Erfahrung und nicht Ergebnis. Sie führt zu keinem Urteil, sondern wird performativ vermittelt.

Wenn Blicke töten könnten, müssten die Theater einpacken, weil das Öffnen des Vorhangs ein Tötungsdelikt wäre, der Auftritt Selbstmord. Deshalb sind Schauspieler Helden, weil sie sich jeden Abend fixieren lassen, die Blicke ertragen und so stets aufs Neue hinterfragen, was uns im Innersten zusammenhält: Die Würde des Menschen ist antastbar.

 

Dieser Text erschien anlässlich des Festivals "In Transit" in einer Festival-Beilage der taz. Eine Langversion wurde außerdem bereits veröffentlicht in: Erniedrigung genießen. Kapitalismus und Depression Bd. III. Hg. von Carl Hegemann. Alexander Verlag Berlin 2001.

 

Jens Roselt ist Dramatiker und Theaterwissenschaftler und hat seit 2008 eine Professur für Theorie und Praxis des Theaters am Institut für Medien- und Theaterwissenschaft der Universität Hildesheim inne. Zuvor war Roselt Geschäftsführer des Sonderforschungsbereichs "Kulturen des Performativen" an der Freien Universität Berlin. 2001 dramatisierte er Dostojewskijs Romans "Erniedrigte und Beleidigte" für Frank Castorfs Inszenierung (Volksbühne/Wiener Festwochen).

 
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