Wenn das Eis schmilzt // Der Tod und das Monologisieren // …

von Stefan Bläske

Wien, 19. Juni 2011. Was bleibt von den Wiener Festwochen 2011? Nun, da sie vorüber sind? Und was in hundert Jahren? Mit seiner Performance "HELLO 2111" sendet der japanisch-wienerische Künstler Michikazu Matsune Botschaften und hübsch verpackte Geschenke in die Zukunft und fragt deren Empfänger: Was wird geblieben sein? Von uns? Unserer Kultur? Der Natur? Matsunes Performance beendet das "Forum Festwochen", bei dem junge, internationale Künstler eine Woche diverse "Überlebensstrategien" erprobten.

plusminus0 c bo kleffel 034-2011Mit Marthaler im supolaren Basislager bei +-0    
© Bo Kleffel
Leben und Sterben des Abendlandes

Das war auch nötig, denn während der Festwochen hätte leicht der Eindruck entstehen können, man sei schon tot, oder jedenfalls fast, und das Theater feiere die Dämmerung des Abendlandes. Sechs intensive Wochen Eiszeit und Einsamkeit, Melancholie und Meditation, Tod, Trauer und Rückzüge. Natürlich lassen sich über vierzig Produktionen nicht in einen Tristheits-Topf werfen, aber Leere und Lebensmüdigkeit waren doch erstaunlich dominant. Was sagt diese Dauerdämmerung über das Theater, die Künstler oder unsere Gesellschaft?

Sanft umarmt wurden die Festwochen von zwei Marthaler-Mantras, und ganz gleich ob sie in die subpolare, isländische Kälte mit ewig schmelzendem Eis (+-0) oder in die dürre Wüste entführten, in einen südländischen Raum, in dem trotz Ventilatoren und offener Türen kein Lufthauch geht (Wüstenbuch) – beide Inszenierungen sangen Hohelieder der Lakonie, Verlorenheit und des klösterlichen Rückzugs. In Beat Furrers Oper lässt Christoph Marthaler selbst die Musiker in ihren Spielpausen im Orchestergraben einschlafen: über allen Wipfeln ist Musik und Müdigkeit.

Auf dem Friedhof

Altersmüdigkeit, weit mehr noch als Absurdität, ist das Grundgefühl in Eugène Ionescos "Les Chaises" in der Inszenierung von Luc Bondy, der zwei altgeschminkte Figuren eine Menge Stühle hin- und herschieben lässt, bevor sie sterben. Todessehnsucht herrscht erwartungsgemäß auch bei Jon Fosse und den beiden Inszenierungen von Patrice Chéreau: In "I Am the Wind" geht ein Mann ins Wasser, der andere (oder ist es sein alter ego?) versucht vergeblich, das zu verhindern oder zumindest zu verstehen. In "Traum im Herbst" spaziert gleich die Hälfte der Herbstzeitlichen ins Jenseits, die verstorbene Oma todwandelt in strahlendem Weiß durch die Räume. Chéreau verlegt, was bei Fosse auf dem Friedhof spielt, ins Museum.

In Paris hat er "Rêve d'automne" im Louvre aufgeführt, für die Festwochen wurden auf der Bühne majestätische Museumsräume samt goldgerahmter Gemälde gebaut, ein Bilderfriedhof, düster mit den bordeauxroten Wänden und schwarzen Türrahmen, gleichsam erdrückend unter einem schwer lastenden kulturellen Erbe.

i_am_the_wind__c_simon_annand_8"I am the Wind" von Patrice Chéreau                                © Simon Annand

 Aufbrüche in andere Welten

Wie anders da die weißen, leichten und noch leeren Museumswände in Walid Raads raffinierter Ausstellungs-Performance "Scratching on Things I Could Disavow". In dieser "History of Art in the Arab World" geht es um Sozialsysteme für Künstler, politische und wirtschaftliche Einflussnahmen auf die Kultur, eine von Kriegen ausgelöste "Flucht" von Farben und Formen – und um den Louvre, der in Abu Dhabi neu gebaut wird. Hier also steht der Louvre (trotz Skepsis gegenüber derartigen Prestigeprojekten) für neuen Wohlstand und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ein düsteres Museum in Frankreich, ein lichtes im arabischen Emirat? Herbst in Europa, Frühling in der arabischen Welt?

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"Les Chaises" von Luc Bondy                     © Ruth Walz

 Die zweite Inszenierung aus dem Libanon, "Photo-Romance" von Linah Saneh und Rabih Mroué musste – aus familiären Gründen, auch hier der Tod ein Thema – abgesagt werden. Ein kleines Symposium über politische und ästhetische "Aufbrüche" gab es dennoch, engagiert wurde das "Arab Awakening" u.a. von ägyptischen und iranischen Künstlern diskutiert. Wie überhaupt Diskussion und Dialog ein wichtiger Bestandteil der Festwochen sind. Von den insgesamt 200.000 (?) Festwochen-Besuchern allerdings nehmen das nur wenige wahr, den Künstler-Gesprächen und -Dialogen lauschen leider meist mehr Mitarbeiter als Gäste.

Obdachlos in der Videokabine

Auch in die "Compartment City - Vienna" von Akira Takayama trauten sich nicht allzu viele Besucher, dabei war der Container auf dem Karlsplatz eigentlich ein auffälliges, wunderbares japanisches Alien, 24/7 geöffnet, eine soziale Plastik, aber prima vista nichts anderes als eine Videothek mit großem DVD-Sortiment und kleinen Sichtungs-Kabinen. Zur Auswahl standen Kurzinterviews, in denen Passanten und Obdachlose in Wien und Tokio die gleichen Fragen beantworten. Über das DVD-Cover mit einem Photo der Interviewten trifft man seine Auswahl, macht also sein eigenes 'Casting': welches Gesicht wirkt besonders attraktiv oder interessant, was für ein Leben wartet hinter welcher Visage? In Akira Takayamas raffiniertem Setting wird man zunächst zum Videokabinen-Voyeur, später im Dating-Café muss man – ein bedrückendes Selektionieren und Konsumieren – statt der Videos sogar Menschen auswählen, bevor sich die Situation umdreht, und man selbst zum Befragten wird. Auch so kann ein Dialog zwischen Wien und Tokio gelingen.

Die Sehnsucht nach dem Dialog

Ihre Sehnsucht nach Dialogen auf der Bühne gestand Anna Mendelssohn an einer der traditionellen Samstagsmatineen mit Schauspielchefin Stefanie Carp. Als ausgebildete Schauspielerin wolle sie nach zehn Jahren im Performance-Bereich, wo die vierte Wand meist eingerissen und ins Publikum oder ins Leere gesprochen wird, endlich wieder einen leidenschaftlichen Dialog und Konflikt auf der Bühne haben. Das Ergebnis wirkte trotz Zweisamkeit dann aber titelgemäß ein bisschen verlassen: "art for a lonely heart".

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"Scratching on Things I Could Disawow"                   © Walid Raad

 In den großen Schauspielproduktionen ging es häufig auf nahezu klassische Art um dialogische Situationen und Konfrontationen, aber auffällig oft wurden die Dialoge zu Monologen, war der Inhalt durch die Form gebrochen. In Peter Sellars "Desdemona" (mit Texten von Toni Morrison) etwa werden die Streitgespräche zwischen Desdemona und Othello mit wechselnder Stimme von derselben Schauspielerin gesprochen, halb nacherzählt, halb erinnert und heraufbeschworen, ein Selbstgespräch, eine Auf- und Abarbeitung, eine Stimme aus dem Grab.

the_far_side_of_the_moon_yj_lune__c-e__sgRobert Lepage: The Far Side of The Moon"
© Sophie Grenier

Viele Dialoge, die keine sind

In Robert Lepages "The Far Side of The Moon" übernimmt Schauspieler Yves Jacques sämtliche Rollen, insbesondere das ungleiche und zerstrittene Brüderpaar, das sich nach dem Tod der Mutter einander wieder annähert. Das Gegenüber wird zur spielerischen Behauptung, zugleich zum Spiegel, der jeweils andere Bruder ist gerade als Leer- und Projektionsfläche omnipräsent.

Mit einem nur imaginären Partner spricht eine stark angeheiterte Frau in "Latviešu mīlestība" von Alvis Hermanis, sie lacht und küsst – die Luft. Die Szene leitet das Ende eines vierstündigen Reigens von Pärchen-Szenen ein, ein wahres Schauspiel- und Verkleidungsfeuerwerk rund um die "Lettische Liebe". Kontaktanzeigen bilden den Ausgangspunkt, Alleinseinsüberdrüssige haben Dates oder Blind Dates, wollen einander kennenlernen und monologisieren doch meist aneinander vorbei.

mission_2438_c_koen_broosBruno Vanden Broecke in "Mission"
© Koen Boos

Ein Monolog, der doch ein Zwiegespräch ist

Ein Bekenntnis zum Monolog ist die belgischen Produktion "Mission", ein zweistündiger Vortrag über das Missionieren, ein schlichtes und intensives Solo über Glaube, Liebe und Verzweiflung. Ein alter Missionar, genial gespielt oder gelebt von dem jungen Schauspieler Bruno Vanden Broecke, erzählt aus seinem Leben, unglaublich, also wahr: Geschichten über Belgien und den Kongo, über Armut und Massenmorde, Kirche und Zweifel. Sein mönchischer Monolog wird zum Zwiegespräch – mit einem schweigenden "Gott" und einem mitgerissenen Publikum.

Tatsächlich aus dem Kongo, befragt der Choreograf Faustin Linyekula im Rahmen der Late-Night-Dialoge seine Ahnen, sucht Kontakt zu den Toten und nutzt seinen Tänzer- dabei als Resonanzkörper. Die spanische Schmerzenskünstlerin Angélica Liddell rasiermessert sich in ihrer Performance "San Jeronimo" den Unterarm blutig, lässt sich gemeinsam mit einem Bach spielenden Violonisten einmauern, und philosophiert pathetisch über Leid, Mitleid und den verletzten Löwen des Hieronymus.

Überleben auf hohem Niveau

Im "Survival Project" des indischen Schauspielers Harish Khanna, der sich mit dem prekären Leben in Mega-Metropolen beschäftigt, lernen Workshop-Teilnehmer, Schuhe zu putzen oder Recyclingkunst zu basteln, und bieten ihre Objekte und Dienste dann in den Straßen Wiens an, ein Elendsspiel und Dienstleistungsdrama mit Würdebewahrungsversuchen. So buchstabieren sich die "Überlebenstrategien" je nach künstlerischem Interesse, regionalem und sozialem Kontext stets anders aus.

Wie harmlos nimmt sich dagegen das europäische Jammern auf hohem Niveau aus, und beispielsweise die Ruhrgebietssorge, mit der sich die Antwerpener Gruppe Berlin für "Theater der Welt 2010" auseinandergesetzt hat. Die erfolgreich um die Welt tourende Video-Performance "tagfish" kreist am runden Tisch um eine Industrieregion, die ihren Niedergang als Neuanfang zu gestalten versucht, und dabei auf die Investitionen eines arabischen Scheichs hofft – sich zugleich aber auch vor dem Ausverkauf der Heimat fürchtet. Journalisten, Architekten und Kommunalpolitiker sitzen dabei nur virtuell, via Bildschirm, gemeinsam am selben Tisch, und der plüschige Sessel des Scheichs bleibt frei. Letztlich laufen also auch hier die Dialoge und Hoffnungen ins Leere.

spieler1_0949"Der Spieler" von Castorf nach Dostojewski                © Thomas Aurin

 Weltwahrnehmung durch dickes Eis

Aber sind die Industriebrachen ohne Neubauten und -investitionen nicht ohnehin viel schöner? Es ist dies die traurige Schönheit des Sterbens und der Leere. Die melancholische Liebe zu einem Leben und Schreiben im Sand. So waren die Festwochen 2011.

Ganz gleich, wie wild die Nackedeis in Daisuke Miuras Castle of Dreams ineinander eingedrungen sind und die 'lost generation' in John Collins The Select die Hemingway'sche "Fiesta" gefeiert hat, ganz gleich wie verrückt sich das Roulette in Frank Castorfs Der Spieler gedreht hat, und wie mitleidlos die Schicksalsmühle in Andreas Kriegenburgs Diebe: als Gesamteindruck bleibt eine erstaunliche Totenruhe, eine zugleich wehe und wohlige Einsamkeit, eine leise Lähmung und ein Eingefrorensein. In diesem Sinne waren die Wiener Festwochen 2011 ein wundersames Wintermärchen. Als sähe man die Welt durch dickes Eis, und spüre dessen sanftes Schmelzen.

 

Die Wiener Festwochen
13. Mai - 19. Juni 2011

www.festwochen.at



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