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Lichtjahre von zu Hause entfernt

von Esther Boldt

Hannover, 22. Juni 2011. Die Theaterformen eröffnen mit einer Reise in die Nacht. Mit einem Schweigegebot. Und mit der Aufforderung: "Don't look back." Doch der Blick in die Vergangenheit ist ein verlockender, die Wiederholung in der Rückschau, die notwendig scheitert und tödlich enden kann. Wie etwa bei Lots Frau, die zurückblickt auf ihre verdammte Heimat Sodom und zur Salzsäule erstarrt. Und wie bei Orfeus, dem Sänger und großen Liebenden, der seine Frau Eurydike von den Toten zurückholt und doch der Versuchung nicht widerstehen kann, sich nach ihr umzuwenden – um sie für immer zu verlieren.

Durch brache Landschaft

Am besten also wird der Blick vorauseilend verstellt, damit er nicht auf das Falsche fallen kann. Und so sind die Fenster der Busse, die das Festivalpublikum zur Premiere bringen sollen, mit dunklem Stoff verhängt. Zur Fahrt ins Unbekannte laden der südafrikanische Künstler, Kurator und Theatermacher Brett Bailey und seine Gruppe Third World Bunfight mit "Orfeus", ähnlich blind wie der griechische Sänger wird der Zuschauer aus Hannover fort geführt. Glücklicherweise aber kennt die Theaterreise eine Wiederkehr.

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Auf einem weitläufigen, verlassenen Gelände am Stadtrand stehen Baracken mit leerblickenden Fensterhöhlen und verbrannten Dachstühlen zwischen unbändigem Grün, das alles gemächlich überwuchert. Eine Führerin gemahnt, die Handys auszuschalten und zu schweigen, und dann geht es mitten hinein in diese verlotterte Landschaft aus Scherben und rostigem Stahl, grünem Laub und Graffitis. Zwischen den Bäumen tut sich ein Sandrund auf, ein Feuer lodert, und die Führerin wird zur Erzählerin, die von Orfeus berichtet, der den Menschen die Musik brachte. Dessen Gesang Vögel und Bäume lauschten, und der sich in Eurydike verliebte.

Eine Geschichte vom Fallen

Denn dies, so die Erzählerin, sei eine Geschichte des Fallens: "Here's the story about falling. Falling in love. Falling in tune. Falling apart. Falling down, down, down." Und ihre Geschichte entfaltet sich auf der provisorischen Spielfläche zwischen hohen, rauschenden Baumwipfeln: Auf einem Podest spielt Orfeus Gitarre und singt, sein Gesicht von goldenen Linien überzogen. Eine Art Zeremonienmeister wäscht seine Füße, bringt Nachtkerzen und schürt das Feuer. Bailey übersetzt den griechischen Mythos von Orfeus und Eurydike in Bruchstücke afrikanischer Kultur: Ritus, Gesang und Tanz. Fremd hallt die allzu bekannte Geschichte so wieder, kulturell gebrochen vom Blick des sogenannten schwarzen Kontinents.

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Orfeus © Kathrin Burghardt

In den letzten Jahren hat diese Arbeitsweise Konjunktur, die postkolonialen Reflexe klassischer westlicher Stoffe zu erhaschen, Erzählungen vor der Folie anderer Traditionen und Kulturen neu auszuleuchten und damit immer auch Kolonialgeschichte zur Disposition zu stellen. Von Brasilien bis Tansania wachsen Menschen mit europäischen Mythen auf, die längst Bruchstücke ihrer eigenen Traditionen überschrieben, verschoben, ersetzt haben. Diese postkolonialen Transformationsprozesse – eine sehr spezifische Form der Globalisierung – spielen in Baileys Arbeiten häufig eine Rolle. Seine Orfeus-Adaption wurde 2006 in Kapstadt uraufgeführt, 2009 zu den Wiener Festwochen eingeladen und feierte nun Deutschlandpremiere. Mit dieser ungewöhnlichen Eröffnungsinszenierung führt Festivalleiterin ihre Programmpolitik, primär internationale Künstler und ihre Theaterformen zu zeigen, konsequent fort. Seit 2009 leitet Anja Dirks das Festival, das abwechselnd in Hannover und Braunschweig stattfindet.

Der Gesang in den Ästen

In "Orfeus" allerdings verirrt man sich schließlich ein wenig zwischen hohl gähnenden Baracken und Unterwelt, zwischen Künstlermythos, aktuellen Zitaten und afrikanischem Kult. Von Station zu Station wird der Zuschauertross in die herabsinkende Dunkelheit geführt, durch Kellergänge und über Glassplitter hinweg, vorbei an brennenden Fässern und pittoresk ausgeleuchteten Ruinen. Er begegnet einem ein Mann ohne Gedächtnis, der in einem Müllsack steckt, und schließlich dem Totengott Hades, der – natürlich – ein Weißer ist. Die Insignien seiner Macht sind ein Laptop auf seinen Knien und eine Brille auf seiner Nase, er changiert zwischen der lässigen Gleichgültigkeit der Mächtigen und unstillbarer Habsucht.

Rote Schandmasken markieren die Huren, unter denen Orfeus seine Frau erkennt, und bei deren Rettung er doch an der Vertrauensfrage scheitert: "How strong is your faith alone in the dark? Lightyears from home?", fragt ein Erzähler, seinen Stock Richtung Publikum schüttelnd. Diese Szenen expliziter Bildlichkeit sprechen zugleich zu viel aus und zu wenig, sie eröffnen einen vagen Assoziationsraum zwischen Zeiten und Kontinenten. Zum heimlichen Leitmotiv des Abends aber werden die Baumwipfel, die so sacht und gleichmäßig rauschen, als habe sich Orpheus' Gesang in ihren Ästen verfangen.


Orfeus
von Brett Bailey / Third World Bunfight
Text, Regie und Ausstattung: Brett Bailey, Musik: Bebe Lueki.
Mit: Bebe Lueki, Jane Rademeyer, Andile Bonds, Ndumi Zwendi, Abey Xakwa u.a.

www.theaterformen.de


Kritikenrundschau

"Mit wenigen Mitteln und melodiöser Musikbegleitung erzählen die Darsteller den Anfang des Orpheus-Mythos.", schreibt Ronald Meyer-Arlt (Hannoversche Allgemeine, 24.6.2011): "Es ist ein sehr einfaches, sehr emotionales Theater, das sich viel Zeit nimmt." Und "es wirkt ein bisschen fremd, ein bisschen überdeutlich, aber doch verzaubert es – irgendwie." Diese hier entworfenen Tableaux vivants seien "immer plakativ. Von Ausbeutung der Dritten Welt und von der Verantwortung des Künstlers hätte man auch anders, auch genauer erzählen können. Aber vielleicht nicht so anschaulich". Eine faszinierende Theaterform präsentiere Brett Bailey allemal.

 
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