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Auf Bühnen und Nicht-Bühnen

von Simone von Büren

Basel, 25. Juni 2011. Kurz vor 17 Uhr ziehen die Hausautoren ins Schauspielhaus Basel ein. Aufgeregt begrüsst von den versammelten Dramaturgen und begleitet von einem Team schnauzbärtiger Umzugshelfer steigen Beatrice Fleischlin, Lukas Linder und Verena Rossbacher aus einem Lastwagen und richten sich mit Sack und Pack in improvisiert chaotischer Manier im Theater ein. Dort machen sie sich sogleich an die Arbeit.

"Wenn das Universum alles ist und sich ausdehnt, wohin dehnt es sich denn aus?" fragt Fleischlin also in ihrer Baumhaus-Installation auf der Bühne. Linder sitzt mit seinem Notizbuch im Zuschauerraum und diktiert einer Dame mit Schreibmaschine Sätze. Derweil backt Rossbacher auf der Seitenbühne vergnügt Zimtschnecken.

Killervirus in Kloten

An die Stelle des bisherigen Formats des von Peter-Jakob Kelting gegründeten Stücklabors Basel, das Autoren eine Spielzeit lang begleitete und ihre Texte im Rahmen von Werkstattaufführungen präsentierte, tritt die Hausautorenschaft, welche Autoren in die Abläufe des Theaters integrieren will und ihnen einen Stückauftrag mit garantierter Uraufführung gibt. Fleischlin wird in dieser Funktion in Basel, Linder am Theater Biel Solothurn und Rossbacher am Luzerner Theater wirken.

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Den Auftakt macht der Stückparcours mit 16 zwanzigminütigen Texten zum Thema "Theater übermorgen – was war danach?" Einige Autoren behandeln das Zukunftsthema inhaltlich: Die junge Frau in Laura de Wecks Science-Fiction-Dramolett vernetzt sich nicht so global wie ihre Mutter sich das wünscht. Der Spoken Word Autor Gabriel Vetter lanciert anlässlich eines erwürgten Mops eine hitzige Debatte über eine Schweiz als Kombination aus Réduit, klinischem Vergnügungspark und Novartis-Campus. Antoine Jaccoud entwirft das Horrorszenario einer weltweiten Pandemie, während sein Westschweizer-Kollege Jérôme Junod einen Killervirus in Kloten toben lässt.

Gefeierter Autor trifft arme Seele

Formal dominieren das Epische und die Selbstreferentialität: "Afterhour" von Susanne Heising und Lorenz Nufer verflicht die emotionsgeladenen Monologe dreier Jugendlicher. Ulrike Syha lässt die Darsteller ihres Western-Minidramas ihre Situation als Performer kommentieren. Fleischlin reflektiert in einem Monolog über Bedeutendes und Unbedeutendes verspielt ihre Position als Autorin und Performerin. Und Lukas Linder konfrontiert sich selber als gefeierter Dramatiker beim Applaus mit einer "armen Seele", die, vom Bühnengeschehen unglücklich betroffen, nun auch noch etwas sagen will.

Dass einige Texte für den Stückparcours bloss umfunktioniert wurden, äussert sich in einer teilweise nur recht losen Anbindung an sein Thema. So hat Ulf Frötzschner einen Auszug aus Rossbachers neuem Roman – die sprachmächtige Tirade eines Mannes auf Tango tanzende Europäer – als szenischen Dialog arrangiert. Andreas Liebmann inszeniert Teile seines in Freiburg uraufgeführten Texts "Mein prähistorisches Hirn" über einen Hirnforscher, der sich einer Hirnoperation unterziehen muss, während Florentine Klepper Auszüge aus Martin K. Menzingers preisgekröntem Stück "Spalten" umsetzt.

Im labyrinthischen Innern des Theaters

Der informelle Improvisationscharakter des Parcours überzeugt. Auf Bühnen und Nicht-Bühnen werden die Texte von wechselnden Teams in bestechend einfachen, frischen szenischen Versuchsanordnungen präsentiert. Die Texte selber sind dabei auf Requisiten und Wände aufgeklebt und so auf faszinierende Weise auch als Objekte präsent.

Die Zuschauer steigen in geführten Gruppen mit Umzugskartons, die als Stühle dienen, durch Treppenhäuser und Korridore, an der Maske und dem Inspizientenpult vorbei, durch die labyrinthischen Innereien des Theaters, in denen sich die Hausautoren nun eine Spielzeit lang bewegen sollen und die der Zimtgeruch von Rossbachers Gebäck durchzieht. Nach spätestens vier Stunden und elf Dramen wird der Kopf allerdings müde und man fragt sich, ob nicht weniger doch mehr gewesen wäre. Was gewinnt man durch die Aneinanderreihung so vieler Texte in so kurzer Zeit?

Nachhaltig angelegtes Modell

Einzelne Texte dieser, durch immer wieder rein- und rausgehende Zuschauer gestörten Serie sieht man aus Zeitgründen überhaupt nicht. Andere gehen völlig unter – etwa Sabine Wangs "Echsen", von Martha Marx liebevoll und witzig inszeniert und gefilmt, aber auf einem in einen Koffer eingebauten Monitor im Untergeschoss abgespielt und nicht Teil der offiziellen Tour, die kaum Freiräume lässt, solche installativen Beiträge betrachten zu können. Vor diesem Hintergrund ist auch der Publikumspreis fragwürdig, der um Mitternacht verliehen wird.

Dass der Parcours Gegenwartsdramatik fördert, mag man deshalb bezweifeln. Als Auftakt für das nachhaltiger angelegte Hausautoren-Modell, das dem Dialog der Autoren mit dem komplexen Organismus Theater die nötige Zeit und Aufmerksamkeit bietet, unterhält er allemal.

 

Theater übermorgen – was war danach?
Stück Labor Basel 2011

Künstlerische Leitung: Petra Barcal & Martina Grohmann, Leitung Stück Labor: Anne Schöfer, Bühne: Vera Locher, Annina Züst, Kostüme: Ladina Bosshard, Anna von Zerboni, Dramaturgie: Fardina Arpagaus, Julie Paucker, Martin Wigger. Video: Serafin Bill, Matthias Branger.

Autoren: Mathieu Bertholet, Laura de Weck, Daniela Dill, Beatrice Fleischlin, Dmitrij Gawrisch, Susanne Heising, Antoine Jaccoud, Jérôme Junod, Matto Kämpf, Andreas Liebmann, Lukas Linder, Martin K. Menzinger, Lorenz Nufer, Verena Rossbacher, Ulrike Syha, Gabriel Vetter, Sabine Wen-Ching WangRegie: Petra Barcal, Mathieu Bertholet, Elisabeth Caesar, Beatrice Fleischlin, Ulf Frötzschner, Jérôme Junod, Florentine Klepper, Andreas Liebmann, Martha Marx, Elias Perrig, Jörg Schröder, Antje Schupp, Christine Steinhoff, Caro Thum.

Mit: Nicolas Batthyany, Andrea Bettini, Urs Bihler, Daniela Britt, Hanna Eichel, Marco Ercolani, Jan Fitschen, Beatrice Fleischlin, Bastian Heidenreich, Claudia Jahn, Marie Jung, Matto Kämpf, Benjamin Kempf, Katka Kurze, Vincent Leittersdorf, Chantal Le Moign, Barbara Lotzmann, Astrid Meyerfeldt, Lorenz Nufer, Bella Nugent, Sascha Pederiva, Elias Perrig, Florence Ruckstuhl, Carolin Schär, Jörg Schröder, Julius Schröder, Petra Staduan, Andreas Tobias, Hajo Tuschy, u.a.

www.stuecklaborbasel.ch



 
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