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Flatterhaft oder endlich flügge

von Sabine Leucht

München, 25. Juni 2011. Ein Vogelkostüm in Rosa und Weiß. Unten herum sieht es nach Flamingo aus. Oben eher nach Papagei. Auch ein Huhn wäre möglich. Und wer einen plausiblen Grund dafür findet, warum Prinzessin Natalie dieses Kostüm überstreift, ehe sie dem Prinzen von Homburg die Nachricht bringt, dass seine Hinrichtung vielleicht gestoppt werden kann, versteht möglicherweise auch, warum sie sich da umzieht, wo Moritz Krämer Gitarre spielt und singt. Wenn er nicht gerade auf dem Bauch liegend die Schauspieler beobachtet oder die Spitzenvorhänge rund um sein kleines Zimmer herum zuzieht, das auf Stelzen über der nackten Bühne des Münchner Volkstheaters thront wie eine Mischung aus Jäger-Ausguck und objektgewordener Meta-Ebene.

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Universelle Geschmerzt- und Genervtheit

In Mareike Mikats Version von Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" fehlt in der Etage unter dieser Ebene allerdings so Vieles, dass man fast alles in diese Musiker-Figur hineinlesen möchte: Der Singer-Songwriter, der die Worte zerdehnt wie Judith Holofernes, ein bisschen nach Peter Licht klingt und seine universelle Geschmerzt- und Genervtheit mit sparsamen Melodien hinausnölt, könnte das Alter Ego des Autors sein, der hier noch einmal sein letztes Stück beschaut. Optisch könnte er auch als verträumte Version des Preußenprinzen durchgehen, den Robin Sondermann kaum über die liebesblöde Phase hinaus bringt.

Weil er nur Augen und Ohren für die Prinzessin von Oranien hat, überhört Prinz Friedrich von Homburg die Order, die Schweden bei Fehrbellin erst anzugreifen, wenn der Kurfürst Befehl dazu gibt. Unverändert tumb lächelnd geht Sondermanns verstrubbelter Prinz als Sieger aus der Schlacht. Dann lässt ihn die Regisseurin aufs Dach der Musiker-Hütte steigen, wo er in Unterhosen erst sein Todesurteil klein redet und schließlich mehr oder minder vergessen wird.

Homburgs innerer Kampf mit dem bevorstehenden Tod, der zu Lebzeiten Kleists großen Anstoß erregte, wird schnell abgehandelt. Und auch seine spätere Entscheidung, das Urteil als gerecht anzunehmen, gerät blass. Mikat mag sich nicht einlassen auf den pathetischen Gestus des Selbstopfers – schon garnicht mit dem zweiten Weltkrieg im Blick. Darum wohl ist auch der patriotische Furor am Ende samt aller "Heil"- und "Zum Sieg!"-Rufe gestrichen – und Jean-Luc Bubert spielt den Kurfürsten von Brandenburg so verhalten als wolle er sich ein neues Imgage erwerben.

Schwedenkönig, Ikea und Knäckebrot

So viel Zurückhaltung ist zwar verständlich, damit aber fehlt dem Abend die Reibungsfläche und er entzündet sich nur noch an sich selbst. So bringt der Schwedenkönig ein (Ikea-)Regal und Knäckebrot auf die Bühne. Und irgendwann hat das gesamte Bühnenpersonal mit akutem Federbefall zu kämpfen. Warum auch immer. Weil sie alle Federn gelassen haben in Kampf? Sind sie endlich flügge? Sind wir alle ach so flatterhaft?

Die Inszenierung der 33-jährigen Mikat posaunt von der ersten Minute an laut hinaus, dass sie mit den Problemen, die Kleists gut 200 Jahre alter Text verhandelt, nichts anfangen kann. Macht es zu Beginn wenigstens noch Spaß, ihr dabei zuzusehen, überwiegen bald die Fragen: Wenn das Preußenheer von Beginn an eine Kaspertruppe ist: Worin besteht dann der Skandal einer Befehlsmissachtung?

Die Traumszenen des Prinzen zu Beginn und am Ende werden nur zitiert, wichtige Übergänge zwischen Handlungsebenen und Gefühlszuständen verwischt. Die Figuren bleiben unentfaltet und die Dramatik weitgehend auf der Strecke. Das, was man auf der Bühne zu sehen bekommt, wirkt allzuoft wie die versammelten Ergebnisse von womöglich komplizierten Prozessen, die aber ohne Kenntnis dieser Prozesse rätselhaft bleiben.

Kraftausdrücke über dem Meer der Beliebigkeit

Dass sich mit der Idee, Xenia Tiling den Hohenzollern spielen zu lassen, kleine Flirt- und Eifersuchtsdoppeldeutigkeiten ergeben, ist eigentlich nett, führt aber nirgendwo hin. Schöne Momente wie der Gummiball-Hagel nach dem Zug an der roten Galgenschnur werden zu Tode geritten, weil die schillernden schwarzen Bälle schließlich als Universalrequisit herhalten müssen und den Soldaten um die Köpfe geschlagen wie als Depeche in den Hosenbund gesteckt werden.

Und warum am Ende statt des Prinzen die Vogel-Prinzessin scheinhingerichtet wird? Vermutlich mochte man sich einfach nicht von der Szene trennen, in der Mara Widmanns Gesicht sich zu einer Grimasse des Entsetzens dehnt und der flotte Schulterschluss des ganzen Heeres an Frauenopfer denken lässt.

"Es ist deine Zeit", singt Moritz Krämer derweil. Dann vom Altwerden, dem Weinen nach dem Sex, oder: "Ich wollte mehr als einen Typen, der die Miete zahlen kann." Und man fragt sich (einmal mehr!), warum eine Musik, die in wenigen Textzeilen so viele verschiedene (handlungsfremde) Geschichten antippt, auch noch mitschwimmen muss in diesem Meer der Beliebigkeit. Und ist damit ganz bei Max Wagner, der schließlich den (federgefüllten!) Helm des Obristen Kottwitz ablegt um sich mit einer Salve von Kraftausdrücken der Verantwortung für die ganze Geschichte zu entledigen: "Macht euren Scheiß alleine!" Und: Abgang!

 

Prinz Friedrich von Homburg
nach Heinrich von Kleist
Regie: Mareike Mikat, Bühne und Kostüme: Marie Roth, Musik: Moritz Krämer.
Mit: Jean-Luc Bubert, Stefan Ruppe, Robin Sondermann, Xenia Tiling, Max Wagner, Mara Widmann, Lenja Schultze, Pascal Riedel.

www.muenchner-volkstheater.de



Kritikenrundschau

Anfangs sei alles "sehr reizend" und treffe "damit sehr genau den Ton, der bei Kleist wenn nicht vorherrscht, so doch immer wieder zum Klingen kommt, den Ton eines geistvollen Amüsements." So schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (27.6.2011) über einen Abend, den Robin Sondermann in der Rolle des Homburg als "ein herrlicher Knallkopf, dem die Liebe blitzartig in die letzte Spitze der abstehenden Haare fährt", bestreitet. Nach der Schlacht aber "wird's schlimm", so Tholl weiter. "Mareike Mikat blendet die Heiterkeit aus, es wird endlos diskutiert, Natalie absurd weggeräumt, kein Mensch will mehr zuhören, was die hier bekakeln, ein großes Huhn läuft rum."



 
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