altDen Galgen immer im Blick

von Marcus Hladek

Worms, 25. Juni 2011. Ein Empörter mit Woyzeck-Touch, der mehrfach gegen die hohen Herren aufbegehrt und in der Schänke vor sich hinbrütet. So zeigt uns Johannes Brandrup seinen Landpächter Demler bald drei Stunden lang. Dann geben Gutsherr von Creg (Philipp Otto) und Sturm von den adligen Landständen (André Eisermann) die unerhörte neue Steuer des neuen Finanzrats und Fürstenfreundes Joseph Süß ans Volk weiter, vergewaltigen und ermorden Demlers hübsche Tochter (Valentina Jimenez Torres als Babette), streuen gezielt Gerüchte über Ritualmord. Und schon wird aus dem aufmüpfigen Revoluzzer, der es besser wissen müsste, ein Zeter und Mordio schreiender Antisemit – ein von Lynchmordrufen aus dem Off begleiteter Wandel, dem emblematisch ein paar stumme Sekunden aus Veit Harlans "Jud Süß"-Film folgen.

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© Rudolf Uhrig

Eine Geschichte ist das, so durchaus deutsch wie der Nibelungenstoff, die der Film- und Fernsehmann Dieter Wedel als Festspiel-Intendant neun Jahre lang in verschiedenen Bearbeitungen etwa von Friedrich Hebbel, Moritz Rinke oder John von Düffel präsentierte. Weil jede Geschichte sich auch einmal erholen müsse und "Jud Süß" gleichfalls einen Nazi-kontaminierten Stoff darstelle, so Wedel im Programmheft, hatte er die neue Inszenierung schon seit Jahren angedacht. Der fatale Ausgang mit der Hinrichtung von 1738 ist und bleibt bei ihm von Anfang an präsent; gleich eingangs stellt ein Schwall von Figuren den Galgen auf, der selbst in den leichtesten Momenten des Spiels im Bild bleibt. Und Rufus Beck schützte seinen Titelhelden, mit seiner immer abwägenden, klugen Diktion, durchweg vor voreiligen Festlegungen und Klischees.

Freidenkerische Ein-Personen-Minderheit

Die Nibelungenfestspiele, eine leicht hybride Kreuzung von sommerlichem Freilufttheater mit Bayreuth, teilen mit der kunstgeweihten Wagner-Provinz den Hang zum Gewaltigen, das Staraufgebot auf und den "Promi"-Auftrieb vor der Bühne sowie die Regelgröße des deutschen Mythenstoffs, die aber auch mal durchbrochen wird. Nach einem Spar-Jahr ohne Neuinszenierung schaltete Wedel am Westportal des Doms jetzt wieder hoch, nämlich mit dem seit den Achtzigern berühmten Dramatiker Joshua Sobol aus Israel ("Ghetto").

Die historischen Gerichtsakten fließen da ebenso ein wie Texte aus Feuchtwangers Roman "Jud Süß" und das expressionistische Drama Paul Kornfelds, doch erscheint Sobols und Wedels Hauptfigur moderner an als ihre Vorgänger. Süß' Maßnahmen muten nämlich weniger wie feudales Flickwerk, mehr wie eine aufgeklärte Staatsaktion an, so sehr das neue Prinzip einer privilegienlosen Steuer für alle und der freidenkerische Titelheld als "Ein-Personen-Minderheit" (Sobol) auch die alten Automatismen der geistig Unbeweglichen aufrufen. Wer das Stück nach Aktualitäten abgrast, wird bei Sobol/Wedel finden, wie sich eine Gesellschaft gegen Reformen wehrt und jede Veränderung auf unbewegliche Beharrungskräfte stößt.

Marmor, Gold und historische Kostüme

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© Rudolf Uhrig

Von der ursprünglich erwogenen, dann verworfenen Verlegung des Geschehens näher an unsere Zeit zeugt wohl das Feldgrau der Uniformen rund um den opportunistischen Antisemiten und Staatsstreichler General Speckenschwardt (Walter Plathe). Ansonsten bietet Jens Kilian eine zweistöckige Bühne auf, die oben an der Domfassade Süß' kommende Schädelstätte mit Galgen aufschlägt oder als Ort für Jagden dient, während unten ein gegliederter Palast in Marmor und Gold prangt. Verbunden sind oben und unten durch imposante Freitreppen, auf denen ebenso viel agiert wird wie auf dem brunnenartigen Rund zur Linken und dem flachen Pendant rechts. Nach der Pause wird dort ein großes Drehkreuz mit Wintergarten-Flair die Vergewaltigung der Ministertochter (Natascha Paulick) durch den an sich fortschrittlichen Herzog wie in Filmbilder zwischen Gewalt, Scham und Verschleierung auflösen. – Eine offene, flexible Szenerie im Ganzen, die Räume des Herzogspalasts suggeriert (Filmausschnitte fügen Mannheimer Schlossbilder hinzu) und überdies als Spielort für die vielen flinken Bilder des ausgelassenen Einweihungsfestes im Hause Süß' dient, aber auch dazu taugt, die rasch markierte Schänke oder ein jüdisches Ritualbad anzudeuten.

Tamara Oswatitsch und Christine Haller entscheiden sich für historische Kostüme des 18. Jahrhunderts, die beim Herzog ganz den aufgeklärten Absolutisten, bei den Landständen mit ihrer Jagdpassion lederne Unförmlichkeit, bei Jud Süß einen Akzent geistiger Freiheit und kluger Anpassung an die Kleiderordnung signalisieren. Schrille Farben oder ein Schwarz von moderner Schlichtheit sind hier Ausnahmen mit je bestimmter Aussage.

Sächseln, kein Jiddisch

An den großen Räumen und der Distanzierung durch das Headset-Sprechen mag es liegen, dass die Inszenierungen die Nibelungenfestspiele immer schon, auch diesmal, eine gewisse Unkörperlichkeit ausstrahlen, über die man nur hinwegsehen kann. Einfälle, wie das Sächseln Eisermanns in seiner brutalen Vergewaltiger-Figur, wirken auch darum sonderbar isoliert, weil die Gebrochenheit des Ministers Remchingen, der die Vergewaltigung seiner Tochter miterlebt und nicht einschreiten darf, kühlen Zitatcharakter behält, während die jubelnd leichte Visualität der übrigen Festszenen ansonsten sehr schön den Augenmenschen Wedel verrät.

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Schön und klug, dass Süß' jüdischer Onkel (Peter Striebeck) trotz annähernder Schtetl-Kluft ausdrücklich nicht Jiddisch spricht; hübsch, wie (ein Beispiel unter vielen) die kokett-jugendliche Naivität der Witwentochter Dorothea bei Dominique Voland später gebrochen wird; unaufdringlich die jazzig-bläserstarke Musikbegleitung. Ein Stück, das den "Jud Süß" stofflich weiterdreht, in einer Inszenierung, die viele Klippen umschifft, ohne so recht mitzureißen.

 

Die Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß
von Dieter Wedel und Joshua Sobol unter Verwendung von Texten des Theaterstücks von Paul Kornfeld und des Romans "Jud Süß" von Lion Feuchtwanger
Regie: Dieter Wedel, Bühne: Jens Kilian, Kostümbild: Tamara Oswatitsch und Christine Haller, Komposition / Musikalische Gesamtleitung: Ludwig Auwald, Dramaturgie: Angela Maria Pichler, Kampfchoreografie: Klaus Figge, Choreografie: Richard Weber.
Mit: Rufus Beck, Peter Striebeck, Jürgen Tarrach, Teresa Weißbach, Manfred Zapatka, Natascha Paulick, Walter Plathe, Philipp Otto, André Eisermann, Tilo Keiner, Felicitas Woll, Nadine Schori, Heike Kloss, Anouschka Renzi, Dominique Voland, Sebastian Achilles, Johannes Brandrup, Valentina Jimenez Torres, Peter Wagner, Joern Hinkel, Thorsten Kublank sowie Statisten der Nibelungenfestspiele.

www.nibelungenfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

Auf Deutschlandradio Kultur kritisierte Hartmut Krug (hier in der Version zum Anhören) in der vormitternächtlichen Sendung Fazit (26.06.2011): In Wedels und Sobols "widerspruchsfreiem Lehr- und Aufklärungsstück", das so "schematisch" sei wie "holzschnittartig", erscheine Süß zwar als "ehrgeizig und zielgerichtet", dennoch als der "einzig Redliche in einer Geschichte voller politischer Intrigen, sexueller Begierden und egoistischer Machtspiele". Viel zu groß, "überdeutlich" seien die Arrangements. Die weiten Räume und das "Sprechen mit Headsets" rücken das Kammerspiel als "äußerliches Spektakel" vom Zuschauer weg. "Die Szenen wirken langwierig mit ihrem altbackenen Bedeutungsspiel und ihren Klischeefiguren in Kostümen des 18. Jahrhunderts." Kaum unterscheidbar, "kichernd, stets verführerisch bis erotisch willig" seien die Frauenfiguren. Rufus Beck spiele die Titelfigur mit "klarer Diktion nicht als Klischee eines Ehrgeizlings und Machtbesessenen, sondern überzeugend als überlegen(d)en, etwas trocken eleganten Mann". Jürgen Tarrach bringe als Herzog eine "schöne Beweglichkeit und heftige Sinnlichkeit ins Spiel". Aktualisierungen unternähmen Wedel und Sobol "kaum".

War Dieter Wedels Griff nach "der Nazis Lieblingsjudengeschichte" Geschmacksverirrung, Geniestreich oder Geschichtsunterricht, fragt sich Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (27.6.2011) und schließt an: "Insgesamt entstand am Samstagabend der Eindruck, dass nach dem Risiko, sich des Stoffs angenommen zu haben, pure Risikominimierung betrieben wurde." Es falle schwer, "das Ergebnis ein Theaterstück zu nennen. Es ist ein Bilderbogen, eine lose Szenenfolge. Als Wormser Eigenbeiträge wirken die Versuche einfacher Einordnungen mit modernen Begriffen: Dass Süß Württembergs Finanzkrise durch mehr Steuergerechtigkeit bewältigen will. Oder dass Süß’ Feinde à la Thilo Sarrazin argumentieren". Nichts aber schillere "in dieser an sich so schillernden Geschichte. Das macht der Text, den man nur brav und scheu nennen kann. Das macht der zum Epos, nicht aber zum Charakterfeinspiel geeignete Spielort. Das machen die kameraerprobten Darsteller, die in jeder der eingespielten kurzen Filmszenen mehr bieten können als in den insgesamt drei Stunden vorm Wormser Dom. Das macht aber vor allem die Tatsache, dass sie völlig auf sich gestellt bleiben."

In der von Wedel und Sobol erstellten Fassung sei "Jud Süss" "vor allem ein sinnenpraller historischer Wirtschaftskrimi um Geld, Macht und Sex, Männerfreundschaft, Liebe und Verrat", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen (27.6.2011). Darin hätten "alle Akteure ihr historisches Päckchen, ihre Fernsehbiographie und ein Bündel aktueller Anspielungen zu tragen. Was dem bunten Treiben auf Breitwand- und Drehbühne allerdings so wenig Abbruch tut wie der gleich zu Beginn aufgerichtete Galgen und die am Ende als Mahnmal eingeblendeten Bilder aus Harlans Film." "Jud Süss" sei in Worms "eine unterhaltsame, professionell arrangierte Mischung aus Volkstheater und Ausstattungsoper, Trinkliedern und Gerichtsszenen, Späßchen, Spiel und Pogromszenen." Allerdings fehle dem Stück "der epische Atem und genius loci der 'Nibelungen': Die barocken Kulissen bleiben ein Fremdkörper im Schatten des Doms. 'Jud Süss' ist Rokoko-Hoftheater, besser: ein Fernsehspiel in Samt und Brokat."

"Welche Teile der mehr als hundert Seiten umfassenden Dramatisierung" von Wedel, welche von Sobol stammten, lasse sich nicht ausmachen, bemerkt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (27.6.2011): "Sicher ist nur, dass die Vorlage immer dann überzeugt, wenn sie das Verhältnis des schwäbischen Landesfürsten zum Finanzgenie Oppenheimer beleuchtet und Jürgen Tarrach zusammen mit Rufus Beck eine Männerfreundschaft der besonderen Art zelebriert". Ansonsten sehe man in Worms "vor allem die Mühe, eine historische Figur zu rehabilitieren, auch wenn das eher der Beruhigung aller jüdischen Gemeinden Deutschlands und weniger der Kunst dient." Rufus Beck sei "dennoch ein achtbarer Oppenheimer, der in brenzligen Situationen zum intelligenten Beobachter wird. Das gilt auch, wenn Dieter Wedel sich die Freiheit nimmt, den schon in der Vorlage ausgeprägten Hang zur historisierenden Verniedlichung auszuwalzen und die Party-Atmosphäre am Stuttgarter Hof als Ringelpiez mit Schnappatmung zu inszenieren."

Die Autoren hätten "eine Textvorlage erarbeitet, die die Biografie des geschundenen Einzelgängers in geradezu biederer Chronologie aufblättert", schreibt Jens Frederiksen in der Wormser Zeitung (27.6.2011). Das Ergebnis jedoch gerate "rundum schlüssig. In Worms ist ein mitreißender und farbiger, gerade durch seine Schnörkellosigkeit überzeugender Dreieinviertelstunden-Abend mit einer Menge schauspielerischer Glanzlichter zu sehen." Von dem "hochkarätigen Schauspieler-Ensemble" hebt Frederiksen vor allem Jürgen Tarrach in der Rolle des Herzogs Karl Alexander hervor: "Köstlich, wie der sich in Sonnenkönigs-Manier mit Brokatweste, Perücke und stattlichem Bauch durch sein kleines Rokoko-Reich wälzt, jedem Weiberrock nachsteigt, mit galanter Leichtfüßigkeit auch die kleinen und großen Affronts der unzufriedenen Bittsteller in seiner Umgebung pariert." Zusammen mit Rufus Beck als Joseph Süß bilde er "ein hochunterhaltsames Duo (…), heute würde man sagen: ein perfektes Team."

Dieter Wedel könne es sich auch einfacher machen mit seinen Festspielen, schreibt Joachim Lange in der taz (28.6.2011). Doch gehe es ihm nicht nur um ein "touristentaugliches Sommerspektakel", sondern um Aufklärung. Wedel habe die Geschichte des Jud Süß, der schuld war an "den Kosten der Modernisierung" in "der Art eines historischen Fernsehspiels" inszeniert. André Eisermann als Landständemitglied Sturm steigere sich in einen "geradezu präfaschistischen Stürmer hinein", um von "einem eigenen Verbrechen abzulenken". Vor allem hier schlage "das Unabgegoltene, immer noch Gefährdete auch der Gegenwart in dem historisch in seiner Zeit belassenen Stück durch". Der Text sei "nicht der literarischen Weisheit letzter Schluss", entfalte aber immerhin "doppelbödigen Witz". Geplant gewesen sei eine "Verlegung des Stoffes in die Gegenwart". So "kühn war man dann doch nicht". Immerhin sei ein "ganz gut gemachtes" historisches Sommerspektakel mit Hintersinn und Aufklärungsanspruch herausgekommen.

Wedel und seine Mitstreiter konzentrierten "sich vor allem auf unterhaltsames Gefühlstheater, in dem mehr oder weniger sympathische Vertreter höherer Stände uns darüber informieren, dass sie zu den Schatz- und Lustsuchern ihrer Zeit gehören", schreibt Alfred Huber im Mannheimer Morgen (27.6.2011). Die "innere Zerrüttung und Haltlosigkeit hätte man sarkastisch mit ein paar burlesken Schlenkern und schrillen Pointen orchestrieren können, aber Dieter Wedel ist kein Freund jener höheren Traurigkeit, die gelegentlich auch die eigenen Empfindungen töten kann". Statt dessen verliere der Regisseur "in keinem Moment der Aufführung den Boden unter den Füßen", er vermeide "alles Wanken und Schwanken geschickt, weil er vermutlich ahnt, dass nur souveräne Unerschütterlichkeit vor jener ansteckenden Krankheit schützt, die man Theaterfieber zu nennen pflegt."

Als "holzschnittartige Umsetzung" empfindet Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (27.6.2011) den Wormser "Jud Süß". Das "brisante Geschehen" komme "auf dem hübsch barock anmutenden Bühnenbild (Jens Kilian) vor der Apsis des Doms leider ziemlich plump und stellenweise klischeetriefend daher." Und viele der "Bühnen- und Bildschirmprofis dürfen häufig nur chargieren, selbst dann, wenn die Angst umgeht 'vor einem Pogrom'. Fatal auch, wie plump viele der Frauen-Rollen als geldgeile, nuttige Luder angelegt sind. Der Stoff hätte sehr viel mehr hergegeben und differenzierter gespielt werden können."

"Sex und Politik im Schatten des Doms", fasst Roland Müller den Abend in der Zeit (30.6.2011) knackig zusammen. Dieter Wedel bleibe seiner Mission und seinen Methoden trotz Stoffwechsels treu: "Wieder entnazifiziert er einen deutschen Mythos, wieder verschraubt er literarische Vorlagen (von Lion Feuchtwanger und Paul Kornfeld), wieder behilft er sich mit erprobter TV-Dramaturgie." Gut weg kommt Rufus Beck als Joseph Süß Oppenheimer, "ein aufgeklärter Politikmanager, der den Hof evaluiert und den Staatshaushalt saniert, nachhaltig und sozial ausgeglichen, ein Mann mit Stil, der umstandslos als Berater der grün-roten Regierung in Stuttgart anheuern könnte - wären nicht die Frauengeschichten, denen auch Wedels gesteigertes Interesse gilt." Der Rest der TV-Schauspieler? "Schwitzend kämpfen sie um Gehör, selbst dann noch, wenn Diskretion erwünscht wäre."

 
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