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Ausländer rein, Rheinländer raus

von Georg Kasch

Berlin, 27. Juni 2011. "Ick bin's nich jewesen", sagt der langhaarige Rocker. Breitbeinig steht er auf einem Flecken Fischgrätenparkett, über ihm hängt schief ein Kronleuchter durch, im Hintergrund räkelt sich eine ausgediente Couch. "Ick war et nich. Mein Kumpel war et." Recht hat er. Denn nicht er hat sich "ONKELZ" ausgedacht, jenen Abend, der für gute 100 Minuten das Berliner HAU2 in eine Stätte des Popdiskurses verwandelt. Sondern Tamer Yiğit und Branka Prlić, Träger des Berliner Brüder-Grimm-Preises.

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Wobei man das mit dem Popdiskurs nicht so ernst nehmen muss. "ONKELZ lotet aus, wo rechts aufhört und links beginnt", verspricht der Programmzettel. Dass die Sache mit dem politischen Spektrum und der Musik so einfach nicht ist, wird noch so manches Mal betont: Machten die Böhsen Onkelz nun Punkmusik mit rechten Texten? Oder Metal, der hin und wieder über die Stränge schlägt? Haben sie sich nicht ohnehin von einstigen rechten Inhalten distanziert? Ist homophober Reggae und der schwarze Nationalismus von Nation of Islam etwa besser? Und wie passt die junge (Post-?)Migrantin und Onkelz-Hörerin ins Bild?

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© Branka Prlić

"Halt deine Fresse"

Viele Fragen, keine Antworten. Dennoch wird gequasselt, gesabbelt und schwadroniert. Wenn Yiğit und seinem Rocker-Kumpel (der Sänger Danny Bruder) nichts mehr einfällt, mischt sich jemand aus dem Pseudo-Publikum in der ersten Reihe der Bühnen-Bestuhlung ein. Wer mit Argumenten nicht weiterkommt, brüllt sich seinen Weg durch die dauergereizte Stimmung ("Halt deine Fresse, wenn du mit mir redest!") oder lässt seinen Körper in Breakdance-Bewegungen kreiseln.

Musik gibt es kaum in diesem Diskurs-Theater ohne Diskurs, dieser Lecture Performance mit dünnster Lecture und lächerlicher Performance: Eine militante Girlieband in weißen Kapuzenanzügen huscht durchs Bild, brüllt irgendwas, lagert herum. Ein Typ putzt Yiğit mit seinem Polo-Shirt die Schuhe, ein anderer behauptet, "X" zu sein und stößt rätselhafte Suaden hervor. Währenddessen sitzt im Hintergrund ein Tätowierer und sticht einem anderen ein Tattoo; sein Gerät summt so angenehm wie ein Zahnarztbohrer.

Was alles nicht zündet

Gut, ganz so trostlos ist die Angelegenheit nicht. Es gibt auch Witze: "Ausländer rein, Rheinländer raus". Hübsch, oder? Dafür fehlt von Dramaturgie oder einem einzigen zündenden szenischen Einfall jede Spur. "Was bewirkt Extremismus in der Musik?", fragt der Programmzettel an anderer Stelle. Solche Abende.

 

ONKELZ
Von Tamer Yiğit und Branka Prlić
Uraufführung
Regie: Tamer Yiğit und Branka Prlić, Bühne: Nele Ahrens, Licht: Anna Lienert und Sebastian Zamponi, Produktionsleitung: Maria Kusche.
Mit: Tamer Yiğit, Danny Bruder, Jamila Iraqi, Dalia Hibish, Manuela Oforiatta, Hanan El-Ali, Adyan Al-Zohaery, Jeana Paraschiva, Volkan T, Burat Yiğit, Talu Emre Tüntas, Ömer Tarakci, Raphael Hillebrand, OJ Schneider, Dursun Yiğit.

www.hebbel-am-ufer.de

 

Im vergangenen Jahr adaptierten Tamer Yiğit und Branka Prlić am Berliner HAU Mathieu Kassovitz' Film Hass.

Kritkenrundschau

Alle Kritiken beschäftigen sich naturgemäß zunächst einmal mit der Band "Böhse Onkelz" und der Frage, ob die Band links gewesen sei oder rechts oder ob diese Frage vielleicht falsch gestellt oder irrelevant sei. Patrick Wildermann charakterisiert im Tagesspiegel (29.6.2011) mit der Musik von "Böhse Onkelz" ("klang wie eine Fahrt im Gebrauchtwagen mit Hotte und Berti zum Getränkemarkt in Duisburg-Marxloh") und ihren schlechten Ruf: Weil "Böhse Onkelz" in den frühen 80ern 'Türken raus' gesungen hätten und mit "Deutschtümelei" gezündelt, sei es unter "Kritikern und Musikerkollegen immer umstritten geblieben", wie "glaubwürdig ihre Distanzierung von der Frühphase sei". Tamer Yigit beginne den Abend mit "einer Art biografischer Jamsession". Erzähle von seiner anfänglichen Feindseligkeit gegen die Band, die er als Nazis betrachtete. Und wie er, der schon einmal auf einen Jungen einschlug, "weil der ein T-Shirt der verhassten Band trug", viele Jahre später selbst ein solches T-Shirt anzog und prompt aus dem Bioladen flog, in dem er immer einkaufen ging. Auch davon, wie vergebens es sei, "in postideologischen Zeiten und gerade in der Musikszene mit ihren austauschbaren, losgelösten Subkultur-Codes den Überblick zwischen Links und Rechts behalten zu wollen", handele dieses Stück. Sei es "politisch korrekter, statt zum Onkelz-Auftritt zum Public-Enemy-Konzert zu gehen, wo mit Nation-of-Islam-Parolen die andere Art Rassismus befeuert wird?"

In der Berliner Zeitung schreibt Dirk Pilz (29.6.2011): Überraschend sei es, dass im HAU so gut wie überhaupt keine Musik gespielt werde, der Abend sei vielmehr eine Talk-Show mit dem Thema: "Was ist rechte Musik? Was linke? Was bewirkt Extremismus in der Musik?" Am Ende hätten "wir" gelernt, dass sich die Welt und die Musik nicht nach rechten und linken Lagern aufteilen lasse und dass "der Begriff Rechtsrock" eine "Erfindung von deutschen Journalisten" sei, die nicht kapierten, dass der rechte Rock nur "schmutzige Musik mit ein bisschen Nazitext" sei. Die Band "Böhse Onkelz" hätte "(fast) jeder Gesinnung etwas zu bieten", eine "schön uneindeutige Projektionsfläche", die sich auch für Theater gebrauchen lasse. In "Onkelz" am HAU hockten "Tamer Yigit und der Sänger Danny Bruder herum und beschimpften" sich. Offenbar solle es die Zuschauer überraschen, dass "Postmigranten Fans dieser Band sein können". Aber "was bitteschön ist daran überraschend? Alles hat seine Widersprüche, sogar der Postmigranten-Diskurs". "Onkelz" sei eine "mit allerlei Schimpf- und Schmähreden aufgeputschte Plauderei. Theoretisch halbgar, theaterpraktisch eine Luftnummer." Tamer Yigit "stand vor zwanzig Jahren auf Seiten der Demonstranten" gegen ein Onkelz-Konzert, später sei er selbst zum Fan geworden. "Das ist die Kernbotschaft dieser Veranstaltung: "Menschen können sich ändern." Wir hatten es schon immer gehofft."

In der Süddeutschen Zeitung (29.6.2011) schreibt Peter Laudenbach: Das Stück sei eine "vielschichtige Auseinandersetzung" mit der Band "Böhse Onkelz" und eine "schöne Kollision" zwischen einem "linken Avantgardetheater", zwei Regisseuren, "die gerne in die Schublade 'postmigrantisches Theater' einsortiert" würden, und einer Band, die "in ihren Anfängen als Frankfurter Skins 'Türken raus' gegrölt" habe. Doch die "wütend-depressive Härte" der Band hätte auch "Leute wie Tamer Yigit und Branka Prlic" zu Fans gemacht: Weit wichtiger als "die Links-rechts-Kodierungen" sei für sie "die Underdog-Perspektive" gewesen. Von Klischees und "den Ausgrenzungsmechanismen der Political Correctness" handele das Stück. Dass Prlic und Yigit nicht aus einer "abgesicherten und selbstzufrieden aufklärerischen Außenperspektive" sprächen, sondern aus "dem eigenen Fantum, den eigenen Biografien und ihren Widersprüchen", mache den Abend "vertrackt und spannend". Der Abend gieße einerseits "Hohn über die arroganten Zuschreibungen der Mehrheitsgesellschaft" aus, vermeide andererseits Romantisierungen und spitze "Härten und Widersprüche" zu. Das "seltsame und schöne an diesem Abend" sei, dass er in "seiner bohrenden Ernsthaftigkeit entschieden menschenfreundlich" sei.

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